Amaq und Dabiq

Nach einem Anschlag beanspruchen die IS-Terroristen meistens über ihre offizielle „Nachrichtenagentur“ Amaq die Tat für sich. So auch kürzlich geschehen, als ein Somalier in Brüssel zwei belgische Soldaten mit einem Messer leicht verletzte. Englischsprachige Propaganda vertreibt die Organisation mehrheitlich über ihr Magazin Dabiq, seit 2016 wird dieses teilweise auch auf Deutsch übersetzt. Woher aber kommen diese Titel? Eine Spurensuche, die nach dem Willen der Terroristen mit dem Ende der Welt enden soll.

Die Journalistin Sabine Rossi hat im Juli 2016 in einem Artikel in der Tagesschau die Amaq-Nachrichtenagentur der Terrororganisation IS unter die Lupe genommen. Dabei erklärt Sie ihren Lesern am Ende, dass „“Amaq“ so viel wie „Die Tiefen““ bedeute und „die Tiefen des IS-Netzwerks […] „Amaq“ zu nutzen“ scheine. Ein arabisches Wörterbuch empfiehlt diese Übersetzung durchaus. Allerdings stellt sich hier die Frage nach dem Sinn derselben. Welche Botschaft möchten die Terroristen, deren gesamte Namensgebungen tief religiös durchdrungen sind, damit verbreiten?

Naheliegender ist eine gänzlich andere Bedeutung, welcher bisher noch zu wenig Beachtung geschenkt worden ist: laut einem Hadith, einem Ausspruch Muhammads, würde der Jüngste Tag erst kommen, wenn die „ar-Rūm“, die Byzantiner, in Amaq oder Dabiq in Nordsyrien fallen. Das Hadith trägt den Namen „Amaq-Hadith“. Arabischsprachige Medien wiesen schon 2014 und 2015 auf diese wichtige Verbindung zwischen der Schlacht und dem Namen der IS-Nachritenagentur hin. Lediglich die BBC nannte als einziges englischsprachiges Medium in einem Nebensatz die Ortschaft Amaq – ohne jedoch auf die gleichnamige Nachrichtenagentur zu verweisen. Diese Lücke will dieser Artikel füllen.

Die Lage der Ortschaft Dabiq im Norden Syriens. Wo Amaq liegt, ist jedoch nicht klar. Quelle: Google Maps.

Die islamische Apokalypse

Das Warnen vor der Hölle war von Beginn an ein Schlüsselkonzept der neuen Religion, welche Muhammad auf der arabischen Halbinsel verkündete. Nur in diesem Kontext sind die koranischen Texte zur Hölle zu verstehen. Denn wer sich Muhammad nicht anschließe, der werde Qualen im Jenseits erleiden. Der Islamwissenschaftler Tilman Nagel verweist deshalb in seiner Biographie Muhammads, auf die Wichtigkeit der zweiten offenbarten Sure: 74, Vers 1-5. In Vers 2 heißt es dort „Stell dich auf und warne […]!“ Während der Anfangszeit des Islams in Mekka war dies die Grundbotschaft. Muhammad erwartete da noch das Ende der Welt, deren Zeichen in den Suren 81, 82, 84 und 99 wortgewaltig beschrieben werden. In diesem Kontext erhielt die „Warnung“ im Kleide von Muhammads Botschaft eine besondere Anziehungskraft.

Abgesehen von den Texten im Koran stützen sich Beschreibungen der islamischen Apokalypse auf Hadithe. Die meisten davon entstanden später in Zeiten der Unsicherheit, sind also gefälscht. Schon ab dem Ende der „vier rechtgeleiteten Kalifen“ 656 kam es zu Kämpfen innerhalb der islamischen Gemeinschaft. Viele Muslime sehnten sich deshalb nach einer Erklärung dieser Dramen und fanden sie im Ende der Welt. Die beiden sunnitischen Hadith-Sammler Muslim und al-Buchari versuchten aufgrund der Relevanz des Themas für Muslime aller Zeitalter, die wahren Hadithe aus der Masse herauszufiltern. Daraus nun zu schließen, dass es nur eine Version für die islamische Version der Endzeit gibt, ist allerdings falsch.

Gemein ist allen Berichten jedoch, dass sie auf den Antichristen hinweisen. Er werde demnach die Welt erobern und in ein Zeitalter von Dunkelheit hüllen. Dann wird der Messias, den die islamische Tradition mit Jesus gleichsetzt, kommen und ihn besiegen. Zwischen Jesus‘ Ankunft und seinem Sieg soll es aber noch zu einer Schlacht in Nordsyrien kommen. Die Byzantiner würden dabei in Überzahl gegen ein muslimisches Heer aus Medina ziehen – und in Amaq oder Dabiq fallen.

Im Anschluss daran würden die Muslime Konstantinopel (heute Istanbul) einnehmen – Konstaniniyye ist passend dazu der Titel eines türkischsprachigen IS-Magains. Da der Teufel den siegreichen Muslimen aber eine List lege, würden sie nach Syrien zurückkehren. Dort werde sich ihnen Jesus zeigen, mit ihnen gegen den Antichristen kämpfen und ihn schlussendlich besiegen. In dieser Tradition sehen sich die IS-Terroristen schon seit ihrem Beginn.

Die Apokalypse der IS-Terroristen

Bereits zur Gründung der IS-Organisation 2004 erwarteten die damaligen Führungsfiguren die Apokalypse und richteten ihre Strategie danach aus: brutal und unorganisiert (Minute 9:13). Die Hauptfigur dieser Zeit, Abu Musab al-Zarqawi, sagte damals, dass die Glut im Irak entzündet wurde und so lange brennen werde, bis sie die Armee der Kreuzfahrer in Syrien verbrennen werde. 2014 wiederholte die IS-Organisation diese Warnung in einem Enthauptungsvideo und in der ersten Ausgabe des Dabiq-Magazins.

Die erste Ausgabe des Dabiq-Magazins war voller Erwartungen auf eine Schlacht zwischen den IS-Terroristen und den „Armeen der Kreuzfahrern“. Quelle: Clarion Project.

Darin verweist die Terrororganisation ebenfalls auf das Hadith mit der Schlacht in Amaq und Dabiq, bevor Konstantinopel und Rom eingenommen werden. Passend dazu gibt es wiederum ein weiteres IS-Magazin mit dem Titel Rumiyyah (Rom), welches seit September 2016 publiziert wird.

Bis 2014 hatten die IS-Terroristen lange um die kleine Ortschaft Dabiq gekämpft. Auf Propagandavideos waren sie mit Fahnen zu sehen, im Hintergrund der Ort der erwarteten Schlacht gegen die Kreuzfahrer. Im August 2014 entrissen die Terroristen schließlich syrischen Rebellen die Herrschaft über Dabiq und verteidigten es erbittert bis zu ihrem Abzug im Oktober 2016. Da begann die Offensive gegen Mosul und die IS-Organisation benötigte deshalb jeden Kämpfer im Irak.

Medien wie die Washington Post spöttelten deshalb, dass die Terroristen ihre Apokalypse verschoben hätten. Ob sich das Festhalten an einer nahenden endzeitlichen Schlacht dadurch ändert, wird im selben Artikel aber gleich angezweifelt.

Glaube an die Endzeit

Dass viele Muslime allgemein, die Anhänger der Terrororganisation IS aber im Speziellen, an die Apokalypse glauben, ist bekannt. 2012 fand eine Umfrage des PEW Forschungszentrums heraus, dass fast die Hälfte der Muslime in den meisten Ländern des Nahen Ostens, Nordafrikas, Südostasiens und Südasiens an die Rückkehr des Mahdi innerhalb ihres Lebens glauben. Zwar sind es außerhalb dieser Gebiete weit weniger, allerdings glauben im Irak 71% der Bevölkerung an die baldige Ankunft des Mahdi.

Journalisten fanden in Interviews mit IS-Kämpfern zudem heraus, dass die meisten sich „wegen der nahenden Apokalypse“ der Organisation anschlossen (Minute 15:12). Als beispielsweise Berichte von amerikanischen Soldaten in der Nähe von Dabiq umgingen, freuten sich die Dschihadisten auf Twitter über die baldige Schlacht.

Die Stadt nun in der Hand der Türkei und ihrer Verbündeten. Den Abzug der IS-Organisation porträtierten die Terroristen allerdings von Anfang an als Gott gegeben. Laut einer IS-Twitter-Meldung wäre nämlich Muhammad dem selbsternannten „Kalifen“ Abu Bakr al-Baghdadi im Traum erschienen und habe den Rückzug vorhergesagt.

Reform statt Apokalypse

Ein Blick in die Geschichte islamischer Bewegungen zeigt, dass sie alle bis Ayatollah Chomeini ihre Versprechungen mit der Apokalypse verbunden hatten und daraus Legitimation speisten. Mittlerweile kritisieren manche Muslime das Festhalten an der Apokalypse durch viele ihrer Glaubensgenossen. Dadurch, dass sich Muslime in großen Zahlen auf das bald eintretende Ende verlassen, vernachlässigten sie die Gegenwart, so Mustafa Akyol in der New York Times. Er plädiert deshalb für mehr Eigenverantwortlichkeit und Rationalismus anstatt die Aufschiebung von dringenden Problemen auf den Messias.

Als Gegenstück zur IS-Interpretation der Apokalypse stellt Akyol diejenige von Muhammad Abduh, eines islamischen Reformers des 19. Jahrhunderts. Abduh sah in den Geschichten der Apokalypse die Aufforderung zur Reform des Islams. Akyol schließt deshalb damit, dass der Fokus der IS-Terroristen „das Kreuz [zu] brechen“ zu nichts führe. Vielmehr sollten sich Muslime auf die „Reparatur des Halbmondes“ fokussieren.

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