Jesidische Einheitskonferenz

Die Massaker an den Jesiden 2014 machten Schlagzeilen. Die EU, die USA und die UN haben diese mittlerweile als Völkermord anerkannt. Allerdings sind die Jesiden noch immer ohne eine einheitliche Organisation, mit der sie zur Welt sprechen könnten. Am 21. April 2017 luden deshalb Die Grünen jesidische und kurdische Vertreter zu einer Konferenz nach Berlin ein. Ziel war es, eine jesidische Weltkonferenz zu gründen. Die Idee einer solchen Organisation wurde zwar prinzipiell begrüßt, allerdings gab es auch Kritik an der Konferenz. Diese kam insbesondere von der Website bahzani.net, benannt nach einer für die Jesiden wichtigen irakischen Stadt. Dieser Artikel bildet eine Zusammenfassung der Konferenz, der Kritik an ihr durch bahzani.net und die Übersetzung der Abschlusserklärung.

Die Ziele der Konferenz in Berlin

Ali Atalan, ein deutsch-türkischer Politiker der Linken sowie der türkischen HDP und selbst Jeside, war einer der Hauptinitiatoren des Zusammentreffens in Berlin. Mit ihm standen jesidische Politiker, Vertreter von Parteien, UN-Friedensbotschafterin Nadia Murad und Jesiden aus der europäischen, armenischen, georgischen, türkischen und syrischen Diaspora auf der Liste. Bahzani.net würdigt deshalb den zu Beginn richtigen Kurs, den die Konferenz eingangs nahm.

Grundlegende Forderungen aus dem Vorfeld waren die Anerkennung der Massaker durch die IS-Organisation 2014 durch die internationale Gemeinschaft als Genozid, die Anerkennung des Jesidentums als Religion durch die UNESCO, internationalen Schutz für jesidische Gebiete, die Bestrafung von IS-Mitgliedern und ihrer Geldgeber sowie die Rückführung der entführten Jesiden. Genau das, betont der Artikel, sei das einzige, was all die Jesiden aus den verschiedenen Weltteilen zusammenhält. Im Zuge der Konferenz sollen dann allerdings drei Strömungen ihre Agenda aufgezwungen haben: die kurdischen Parteien PKK (Türkei/Syrien), die PDK (irakisch-kurdische Partei von Masud Barzani, dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Irak) und die PUK (Vorsitzender Dschalal Talabani, neben dem Barzani-Clan der andere wichtige kurdische Clan im Irak) – verschiedene kurdische Parteien. Andere Stimmen wären von nun an totgeschwiegen worden.

Kritik an der Durchführung

Ein wichtiger Beschluss der Konferenz war die Bildung einer Vorbereitungskommission für eine anstehende jesidische Weltkonferenz. Die Kommission soll das Recht haben, einerseits die Agenda für diese Konferenz festzusetzen und andererseits neben ihren 33 Mitgliedern noch maximal 20 hinzuzufügen. Die Beauftragung dieser Kommission sei jedoch lediglich in der Pause geschehen, was den Einfluss der kurdischen Parteien unterstreichen würde. Eine wirkliche Debatte wurde zum einen deswegen von Beginn an unterdrückt, zum anderen weil sich die einflussreichsten Personen schon in ihren Hotels abgesprochen hätten. Außerdem würde die Konferenz in Berlin immer nur duckmäuserisch zu etwas „aufrufen“ und die Welt „zu etwas einladen“, anstatt aufrecht Forderungen zu stellen.

Für die Jesiden gebe es keine Möglichkeit in einem Kurdenstaat das Problem ihrer Verfolgung zu lösen, da alle Nachbarstaaten trotz ihrer Differenzen sich darauf einigen können, dass genau ein solcher Staat verhindert werden soll. Im Gegenteil, die Jesiden würden durch ein solches Vorhaben in den kurdisch-kurdischen Bruderkrieg mit hineingezogen werden. Probleme sollten deshalb lokal, beispielsweise im Sindschar, gelöst werden. Denn die Mehrheit der Jesiden sei sich nicht einmal einig, ob man zu den Kurden gehören möchte. Trotzdem sei mittlerweile eine Besetzung jesidischer Gebiete wie in Baschiqa und Ba’adra durch muslimische Kurden, sunnitische Araber und syrische Söldner in den Reihen der Peschmerga im Gange. [Anm.: Nach der Bekanntgabe des Unabhängigkeitsreferendums in irakisch Kurdistan sieht mittlerweile auch bahzani.net die Zukunft der Jesiden in einem unabhängigen Kurdistan.]

Der letzte Kritikpunkt betrifft die Abwesenheit jesidischer Frauen von der Konferenz in Berlin, sowie ein Fehlen der Anerkennung ihrer zivilen und politischen Rechte.

Abschlussbericht der Konferenz

„Für die Einheit des jesidischen Volkes, welches seit tausenden von Jahren leidet, und mit der Zuversicht, dass diese Abschlusserklärung es wieder auferstehen lässt und unserem Glauben an die heiligen Sonnenstrahlen sind wir 150 Vertreter von jesidischen Persönlichkeiten, Akademikern, Intellektuellen und Politikern am Freitag, den 21. April 2017, im deutschen Parlament zusammengekommen, um die jesidische Einheitskonferenz auf der Grundlage unseres Volkes abzuhalten.

Wahrlich, die kollektiven Vernichtungskampagnen, welche sich im August auf unserer heiligen Erde im Sindschar durch die terroristischte und extremistischte [sic!] Organisation der Welt, des IS, ereignet haben, waren blutig und brutal. Das Ergebnis einer Abwesenheit eines Übereinkommens hinsichtlich der jesidischen Grundzüge unter uns war ein Grund für den brutalen Angriff der IS-Organisation. Die Ergebnisse dieser Vernichtung waren katastrophal, denn wir haben uns noch immer nicht auf die Grundlagen unseres Schutzes einigen können. Aber trotz all diesen Geschehnissen, welche auf unser Volk hereingebrochen sind, können wir Anhänger dieses Entwurfs sein, nach dessen Übernahme wir uns heute sehnen. Unter all diesen Umständen können wir unsere Organisation wiederaufnehmen und unsere Geschichte ohne eine weitere Tragödie wiederbeleben.

Diese Konferenz wurde in positiver Atmosphäre und mit einem Geist der Einheit und Eintracht durchgeführt. Auf dieser Grundlage veröffentlichen wir die frohe Botschaft in Form historischer Beschlüsse, welche nach unserer Übereinkunft hinsichtlich unserer gemeinsamen Grundlagen gefasst wurden. Wir glauben, dass das 21. Jahrhundert nicht ohne einen historischen Abdruck der Jesiden und ohne, dass die Jesiden ein Leben in Freiheit, Würde und die Befreiung ihrer Erde und Ehre erleben, vorübergehen wird. Auf dieser Grundlage und mit diesem ehrgeizigen Geist senden wir unsere Stimme an alle Klassen von jesidischen Individuen, Parteien und Gesellschaften, damit sich diese dem Willen anschließen (wörtlich: Anhänger des Willens sind) und ihre Gruppen sich aneinanderreihen und alle zur Einheit und Übereinkunft einladen, damit sie sich bis zur Erreichung all ihrer legitimen Rechte fortbewegen.

Folgend die Ergebnisse der Konferenz:

  1. Der durch die Abhaltung einer jesidischen Konferenz zustande gekommene Beschluss umfasst alle Jesiden in der Welt für ihre Angelegenheit.
  2. Für die Organisation der jesidischen Weltkonferenz bilden wir eine Kommission, welche 33 jesidische Persönlichkeiten umfasst. Diese arbeiten als eine Vorbereitungskommission auf die Organisation der Weltkonferenz hin. Die Vorbereitungskommission kann maximal 20 weitere Personen hinzufügen.
  3. Wir laden die Jesiden in der Weltöffentlichkeit dazu ein, dass sie in unserer Reihe für die Abhaltung der jesidischen Weltkonferenz stehen und sich in Einigkeit und Übereinkunft unseres Volkes vernetzen. Dies umfasst alle jesidischen Organisationen, geistlichen Familien, Gruppierungen, Parteien und Bewegungen.
  4. Wir laden Parlamente aller Länder, insbesondere das deutsche Parlament ein, den Völkermord, der im August 2014 an den Jesiden begangen wurde, als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuerkennen.
  5. Die Jesiden aus dem Sindschar müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen dürfen. Alle Seiten müssen dies respektieren.
  6. Wir fordern die Einheit aller jesidischer Richtungen, Organisationen und Gesellschaften. Das verhindert ein Auftreten weiterer Katastrophen gegen unser Volk.
  7. Wir laden alle militärischen Kräfte im Sindschar zur Unterlassung jeder Gefahren ein, welche in einem inneren bewaffneten Konflikt vorkommen können und für den die Jesiden einen hohen Preis zahlen würden. Wir lehnen ein Hineinziehen der Jesiden in jegliche politische Konflikte und Bestrebungen auf unsere Erde ab.
  8. Die ursprüngliche, historische jesidische Identität im Sindschar und in Schaichan und aller Orte, die als jesidisches Mutterland [sic!] betrachtet werden, müssen jesidisch bleiben und es darf keine demographischen Veränderungen geben. Ebenso lehnen wir, solange den Opfern keine Gerechtigkeit widerfahren ist, die Rückkehr derjenigen ab, die ihre Hände mit jesidischem Blut beschmutzt haben.
  9. Wir fordern die Bildung eines internationalen Gerichts und eines weiteren lokalen zur Umsetzung von Gerechtigkeit und welche diejenigen, die an dem Genozid teilgenommen haben, zu ihrer gerechten Strafe überführt.
  10. Wir fordern die internationale Gemeinschaft und alle, die davon betroffen sind, dazu auf, ihre Hände für die Rettung der tausenden Jesiden, die noch bei der IS-Organisation sind, auszustrecken.
  11. Wir fordern internationale Organisationen, an ihrer Spitze die UN, die Mitglieder des Sicherheitsrates, die EU und die USA auf, einen Beschluss für die Bereitstellung internationalen Schutzes für die Jesiden zu fassen.
  12. Wir laden zur Bildung einer internationalen Kommission und eines internationalen Fonds für den Wiederaufbau derjenigen jesidischen Gebiete, die durch den sogenannten Islamischen Staat zerstört wurden und zur Rückkehr der Jesiden in ihre Gebiete mit internationalen Garantien ein. Umgekehrt dazu muss die internationale Gemeinschaft den Jesiden ihre Tore für die Auswanderung und die Rettung derer, die noch übrig sind [wörtlich: dessen, was davon noch übrig ist], öffnen.
  13. Wir fordern alle Länder und Regionen, in denen sich Jesiden befinden, dazu auf, dass sie die Vernichtungskampagnen, die gegen die Jesiden durchgeführt wurden, so betrachten, dass sie ein Anreiz sind, die jesidische Sache und unsere Identität zu unterstützen und uns unsere legitimen Rechte in diesen Ländern zu garantieren.
  14. Wir fordern unser Volk in den Staaten der Diaspora dazu auf, dass sie alles tun, um einem Verlust der jesidischen Identität, unserer Kultur und Zivilisation vorzubeugen und ihre Zugehörigkeit zu bewahren. Zur selben Zeit laden wir sie dazu ein, die Gesetze und Gebräuche der Länder, in welchen sie leben, zu respektieren.
  15. Trotz der kollektiven Vernichtungskampagnen, welche unser Volk befallen haben, laden wir zu Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichstellung aller Völker, generell von verfolgten Völkern und religiösen Minderheiten in der Welt und insbesondere im Nahen Osten, ein.
  16. Wir fordern die Jesiden auf, die demokratischen Grundlagen in ihren Gesellschaften überall auf der Welt zu unterstützen.
  17. Das Festhalten der Jesiden in den Ländern des Kaukasus an ihrer Kultur und ihrer Tradition für die Dauer von hundert Jahren in der Diaspora ist Gegenstand unseres Stolzes und unserer Hoffnung für alle Jesiden in der Diaspora. Auf dass sie in die Fußstapfen der Jesiden in den kaukasischen Ländern treten und ihre Existenz sichern.
  18. Wir rufen zum gemeinsamen diplomatischen Wirken und Lobby-Arbeit für die Jesiden in der Welt auf Grundlage des Schutzes der höchsten jesidischen Interessen allgemein auf. Die Arbeit für die jesidische Sache soll mit Loyalität und Aufopferung von statten gehen.
  19. Damit die Phase der Vernichtungskampagnen überwunden werden kann, muss die institutionelle Arbeit für die jesidische Sache aktiviert werden und der Yezidi Supreme Spiritual Council auf den religiösen Bereich beschränkt werden.
  20. Die Anerkennung dessen, was der jesidischen Frau wiederfahren ist, wie die Übergehung ihrer Rechte im Allgemeinen und die Erteilung einer Rolle für die jesidische Frau in allen essenziellen jesidischen Institutionen.“

Der Text wurde von mir übersetzt. Die Beschäftigung damit war Teil der arabischen Lektüreübung im Seminar „Die Jesiden: Geschichte einer religiösen Gemeinschaft des Vorderen Orients“ bei Prof. Dr. Patrick Franke an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s