Patronage und Klientilismus

Immer wieder erschüttert ein Anschlag die Stadt Kabul. Der letzte große Anschlag ereignete sich am Mittwoch, den 31. Mai 2017. Am Freitag danach gab es Demonstrationen von Afghanen, die mehr Sicherheit forderten. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer und töteten vier Menschen. Als jene am Samstag danach beerdigt werden sollten, sprengten sich Selbstmordattentäter auf den Trauerfeiern in die Luft. Warum immer wieder Kabul, fragte deshalb auch Die ZEIT.

Patronage und Klientilismus

Im ZEIT-Artikel heißt es als Antwort, dass die afghanischen Sicherheitskräfte teils schlecht ausgebildet, teils unterwandert seien. Der Tenor geht jedoch in eine Richtung: das individuelle Interesse steht im Vordergrund.

Mit solchen Problemen ist Afghanistan nicht alleine. Überall, wo Stammesstrukturen noch eine erhebliche Rolle in der Gesellschaft spielen, sieht die Situation ähnlich aus. Andere Beispiele sind der Jemen, Teile des Iraks oder Syriens, Saudi-Arabien, Jordanien, Pakistan und selbst entferntere Erdteile wie manche Länder Lateinamerikas, Südostasiens oder Afrikas. Es sind durchweg arme und unterentwickelte Gesellschaften oder Gesellschaftsschichten, wo es kaum individuelle Versorgungsstrukturen oder Versicherungen gibt. Somit sind die Menschen zum Überleben auf größere Verbindungen angewiesen. Im Falle einer Krankheit zum Beispiel kann sich die Mehrheit  der Betroffenen keine Behandlung leisten. Sie sind somit gezwungen, ihre Ressourcen (primär Loyalität) in Netzwerke zu investieren, die sie auffangen können.

Solche Netzwerke werden von politischen Eliten geführt: Stammesführer, religiöse Führer, Kaufleute und Technokraten. Die jeweiligen Zusammenschlüsse funktionieren über nicht geschriebene, aber dennoch bekannte Regeln. Im Beispiel des Jemen unter Abdullah al-Salih, der 2011 abtreten musste und mittlerweile wieder ein wichtiger Player ist, wurden die Eliten dem Staat angeschlossen. Wer an staatlichen Ressourcen beteiligt werden wollte, musste ein Minimum an Loyalität bereitstellen. Diese Regeln gelten auch für Afghanistan. Staatliche Mittel sind im Falle Afghanistans primär Entwicklungshilfen, die der Staat an ihn loyale Netzwerke umverteilt. Circa 40% der Staatseinnahmen ergeben sich aus diesen externen Geldflüssen.

Wechselseitige Beziehungen

Auf dieses Geld sind die Eliten jedoch angewiesen. Falls sie für ihre Anhänger nicht mehr sorgen können, suchen sich jene eben ein neues Netzwerk. Das Verhältnis ist einerseits also wechselseitig, andererseits sehr hybrid. Kaufleute und Technokraten sind hier besonders anfällig, da sie sich anders als Stammesvorsitzende nicht wehren können.

Was nun Afghanistan angeht, so rekrutieren sich die Anhänger eines Kommandanten häufig aus dessen familiären oder lokalen Umfeld. In vielen Fällen war ein Kommandant selbst ein Kriegsfürsten. Im afghanischen Kontext bezeichnet dies meist den Anführer einer lokalen Truppe. Durch die Schwäche des Staates auch unter den Mudschahidin verteidigten sich Dörfer oder Tälern in vielen Fällen selbst.

Die Taliban vermochten als starke Truppe viele solcher kleinen Kriegsfürsten hinter sich zu vereinen. Auch hierbei ging es um Macht und Einfluss. Eine starke Gruppe konnte schließlich Sicherheit garantieren. Wichtig ist jedoch auch, dass Ideologie hier in den seltensten Fällen eine Rolle spielte. Der Großteil von Kommandeuren oder Polizeichefs in Südafghanistan diente früher unter den Taliban. Heute stehen sie auf der Seite der afghanischen Regierung. Wichtiger als Ideologie sind also Status- und Gesichtswahrung.

Für den afghanischen Kontext war jedoch auch verheerend, dass Kriegsfürsten, die sich im Zuge der Operation „Enduring Freedom“ weigerten, ihre Waffen abzugeben, in die Regierung eingestellt wurden. Dadurch wollte man sie ruhig stellen. Es bildete sich also nie ein wirkliches Gewaltmonopol heraus, da Akteure stets nur an ihrer kurzfristigen Machtsicherung interessiert waren. Positiv zeigt sich jedoch, dass Staatlichkeit in Afghanistan eine Ressource wurde. Traditionelle Machtsicherung funktioniert nicht mehr. Auch Eliten sind auf Ämter im Staat angewiesen. Ob diese Ressource ausreicht, wird die nahe Zukunft zeigen. Derzeit scheinen jedoch wieder lokale Akteure und Kriegsfürsten auf dem Vormarsch zu sein.

Andere Beispiele

Der ehemalige jemenitische Präsident Abdullah al-Salih hatte seinerzeit falsch gespielt. Er protegierte seine Söhne und engen Verwandten, während er andere ausmanövrierte. Dies war zu seiner Machtzeit die größte Herausforderung für seine Regierung. Schlussendlich scheiterte sie primär daran.

Das Washington Institute for Near East Policy hat im März 2017 derweil einen Bericht zu Stämmen um Raqqa, welches noch unter der Kontrolle der IS-Organisation liegt, herausgegeben. Darin wurden Angehörige und Eliten aus den vier größten Stämmen in und um diese Stadt interviewt. Der Tenor ist auch hier ähnlich: sollten die Stämme eine bessere Chance als die IS-Organisation wittern – das bedeutet Geld und Sicherheit – dann sind viele bereit, die Terrormiliz zu Gunsten eines besseren „Bieters“ fallen zu lassen.

In Libyen füllen oft Stämme oder lokale Milizen das Machtvakuum, das vom Staat hinterlassen wurde. Die Loyalitäten sind auch dort im ständigen Wechsel, nicht wenige schließen sich beispielsweise lediglich der IS-Organisation an, weil sie in Opposition zum mächtigen General Haftar stehen.

In Tunesien konnte der Staat nur bestehen, weil einflussreiche Stämme durch das „Together for Tunisia“-Narrativ mobilisiert wurden und Organisationen gegründet wurden, die ihre politische Teilhabe garantieren sollten. Dies geschah auch nach 2011 wieder und ist ein Grund, warum Tunesien bis heute den politischen Weg in die Demokratie meistern konnte. Sollten sich bestimmte Gruppen oder Stämme aus der Nation und aus der Wirtschaft ausgeschlossen fühlen, können Aufstände leicht wieder aufkommen – wie 2016 in abgelegenen, vernachlässigten Regionen des Landes.

Die Beispiele zeigen, dass es für ein Verständnis lokaler Machtstrukturen im Nahen Osten unumgänglich ist, das wechselseitige Verhältnis von Patronage und Klientilismus zu verstehen.

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