Die Wurzeln der IS-Polemik gegen Schiiten

Schiiten konstituieren für die IS-Organisation den Hauptfeind. Offen werden sie zu Ungläubigen, die man bekämpfen müsse, erklärt. Sie kollaborierten mit dem Feind und wollen die Muslime von innen heraus verraten. Nur wenn der Islam besiegt sei, wären die Schiiten glücklich (Dabiq 13, S.42). Eine Person, die die Ideologie und die Propaganda der IS-Organisation heute am meisten unterfüttert ist der Bahraini Turki al-Binali. In diesem Artikel möchte ich deshalb seine Verbindungen zu anderen Gelehrten, die anti-schiitisch waren, aufzeigen und ein Radio-Interview auswerten, das Binali gab, bevor er nach Syrien reiste.

Turki al-Binalis Querverbindungen

Der 1984 geborene Turki al-Binali studierte nach Ausweisungen aus diversen Ländern aufgrund seiner radikalen Ansichten u.a. beim saudischen Gelehrten Abdallah ibn Dschibrin. Von ihm erhielt er diverse Idschazat.

Abdallah ibn Dschibrin war seiner Zeit Mitglied im Saudi Council of Higher Ulama, dementsprechend ein respektierter und einflussreicher saudischer Gelehrter. Am 30. September 1991 veröffentlichte er eine Fatwa, in der er Schiiten als Rafida bezeichnete und sie zu Ungläubigen erklärte. Weiter schrieb er, dass das Töten von Schiiten keine Sünde darstelle (Fandy, S.206). Im Zuge seines Lebens publizierte ibn Dschibrin jedoch mehrere Fatawa gegen Schiiten. In einer führt er an, dass sie aus vier Gründen Ungläubige seien: 1) sie fechten den Koran an, 2) sie fechten die Sunna und die authentischen aḥādīṯ an, 3) sie würden takfīr auf die Sunniten anwenden (sie als Ungläubige bezeichnen), 4) sie übertreiben die Rolle ʿAlīs und seiner Nachkommen.

Weiter schrieb ibn Dschibrin, dass es ‚Muslimen‘ verboten sei, ihr Schlachtvieh zu essen oder sich mit ihnen zu mischen – dies bedeutet auch das Verbot für eine Hochzeit zwischen Sunniten und Schiiten. Letzteren sei es zudem verboten in Moscheen von Muslimen (masāǧid al-muslimīn) zu beten. Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass die schiitische Gräberverehrung unislamisch sei. Ibn Dschibrin hegte offensichtlich eine tiefe Abneigung gegen Schiiten.

Deso Dog Binali

Denis Cuspert mit Turki al-Binali. Quelle: Twitter

Abu Muhammad al-Maqdisi war noch vor ibn Dschibrin der einflussreichste Gelehrte, bei dem Binali studierte. Bevor es zum Bruch zwischen beiden kam (Maqdisi sieht das von der IS-Organisation ausgerufene Kalifat als illegitim an), veröffentlichte Binali unter dem Pseudonym Abu Hummam Bakr bin Abd al-Aziz al-Athari seine erste Fatwa gegen Schiiten auf der Maqdisis Website. Die Frage, die hier an ihn gestellt wird, ist, ob es erlaubt ist, alle Schiiten zu Ungläubigen zu erklären bzw. was denn das richtige Vorgehen im Detail sei. Binali verweist in dieser Sache kurz auf Maqdisi, der schrieb, dass nicht jeder Schiite das ist, was man heute als Schia bezeichnet, sondern der Begriff sich lediglich auf die 12er-Schiiten bezieht. Laut Maqdisi gebe es keinen Zweifel, dass so jemand ein Ungläubiger sei. Die Vorwürfe sind: die Verfälschung des Korans, der Glaube an die Verborgenheit des zwölften Imams und der Glaube an seine Rückkehr oder der schiitische Brauch, den Großteil der Prophetengenossen zu Ungläubigen zu erklären.

Binalis Radio-Interview in Sirte

Ein vom „Radio des Monotheismus“ (iḏārat at-tauḥīd) aufgenommenes Interview von 2013 in der libyischen Stadt Sirte ist die erste mir bekannte detallierte Darlegung Binalis von seiner Polemik gegen Schiiten. Inhaltlich geht es vor allem um die Geschichte der 12er-Schiiten, die teils jedoch sehr einseitig bis negativ dargestellt wird.

Binali führt an, dass die Schiiten anfangs lediglich Unterstützer von Muhammads Cousin und Schwiegersohn Ali waren. Langsam seien sie jedoch unter den Einfluss des Teufels geraten und hätten die erste bid’a (unerlaubte Erneuerung) begangen, als sie Ali statt Uthman als rechtmäßigen Kalifen ansahen. Damit würden sie an den Worten des Propheten Muhammads zweifeln, der laut at-Tirmidi und al-Buchari in einem Hadith gesagt hat, dass ihm erst Abu Bakr, Umar und Uthman als Anführer der Muslime folgen. Als die Schiiten diese drei Kalifen zu Ungläubigen erklärt haben, hätten sie den Islam abgelehnt.

Heute hätten sich die 12er-Schiiten zusammen mit den Druzen und Alawiten zusammengeschlossen, um einen Krieg gegen die Sunniten zu führen. Schon ibn Taimiya habe demnach richtig geurteilt, als er diese Parteien als schlimmer als Christen und Juden einstufte. Binali selbst führt dieses Argument weiter und sagt, dass Christen und Juden zumindest an einen Gott glaubten.

Aktuelle politische Verhältnisse und Geschichte im reziproken Verhältnis

Während des gesamten Interviews greift Binali neben rechtlichen in erster Linie politische Aspekte auf. In diesem Post wurden Letztere sehr kurz zusammengefasst. Auffällig ist jedoch, dass Binali stets den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart spannt und damit zu zeigen versucht, dass die Schiiten schon immer gegen ‚den Islam‘ waren und ihn bekämpften. Geschichte ist in diesem Sinne also ein nicht enden wollender Zyklus und es sei nun an der IS-Organisation diesen Teufelskreis zu brechen – die Schiiten also zu töten.

Weitere Quellen:
Fandy, Mamoun: Saudi Arabia and the Politics of Dissent (London: MacMillan Press LTD, 1999).

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