Der vergessene Krieg im Jemen

Am Rande der arabischen Welt tobt ein vergessener Konflikt. Trotz diversen Scheltens seitens der UN bombardiert die internationale Koalition unter saudischer Führung weiter Ziele im Jemen, sind Söldner aus Kolumbien und El Salvador im Einsatz, erstarkt der IS und al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) und sind laut UN 83% der Bevölkerung akut hilfsbedürftig – in Syrien sind es Schätzungen zufolge um die 60%.

Jemen

Die Altstadt in Sana nach einem saudischen Luftangriff. Quelle: Twitter.

Sunniten, Schiiten, Zaiditen

Oft wird der Krieg als eines der vielen Schlachtfelder im sunnitisch-schiitischen Konflikt bezeichnet. Um sich der Bedeutung dieser Bezeichnung zu vergegenwärtigen, lohnt es sich, einen kurzen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen.
Nach dem Tod Muhammads 632 herrschte Uneinigkeit über die legitime Führung über die von ihm hinterlassene Gemeinschaft und des Reiches. Es folgten Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali. Letzterer brachte mit Muhammads Tochter Fatima die einzigen Nachfahren aus der Linie des Propheten hervor und hatte Unterstützer, die nur ihn und seine Nachkommen als legitime Herrscher ansahen – die Schiat Ali (Partei Alis). Daraus entwickelten sich die Schiiten, die keineswegs eine homogene Gruppe bilden.
In der fünften Generation nach Muhammad starb Zaid ibn Ali, einer seiner Nachfahren, 740 bei einem Aufstand in Kufa. Auf ihn berufen sich die Zaiditen (auch 5er-Schiiten), andere schiitische Gruppen kennen ihn nicht als legitimen Herrscher seiner Generation an. Eine Besonderheit von Zaiditen ist es, dass sie die beiden ersten Kalifen, Abu Bakr und Umar, nicht verfluchen und sie der Ansicht sind, dass in jeder Generation der Stärkste sich mit dem Schwert in der Hand als Anführer der Muslime hervortun muss. Dies sind insbesondere zu den Imamiten (12er-Schiiten), die im Iran, im Irak, im Libanon, in Saudi-Arabien, Bahrain und Kuwait zahlreich sind, auffällige Unterschiede.

Zaiditen im Jemen

896 wurde in der nordjemenitischen Stadt Sada das erste zaiditische Fürstentum gegründet, welches sich in der Geschichte oft über den ganzen Jemen erstreckte. Es wird häufig als 1000-jähriges Reich bezeichnet, da es bis 1962 in verschiedenen Formen Bestand hatte. Allerdings wurde die Modernisierung des Landes verschlafen und es kam zu einem Bürgerkrieg im Nordjemen, in wessen Folge Saudi-Arabien die Royalisten (die Unterstützer des zaiditischen Fürstentums) und u.a. Ägypten die Republikaner unterstütze.
Die Royalisten mussten sich geschlagen geben und der Nordjemen erlebte eine Periode des Chaos, während der Südjemen seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte. Der Süden richtete sich daraufhin stärker an der Sowjetunion aus. Die unsicheren Zeiten im Norden konnten erst von Ali Abdullah Salih, der 1978 an die Macht kam, beseitigt werden.

Der Jemen unter Salih

Nach insgesamt drei Kriegen zwischen dem Norden und dem Süden, davon zwei unter Salih, wurde der Jemen schlussendlich vereint. Der Süden versuchte 1994 nochmal durch eine blutige Auseinandersetzung sich vom Norden zu lösen, Salih behielt jedoch die Oberhand. Aufgrund der geopolitisch wichtigen Lage und den Hafen in Aden, war der südliche Teil des Landes stets liberaler. Dazu hat auch die langjährige sozialistische Regierung durch die Förderung von Bildung beigetragen. Öl führte neben dem Handelsknotenpunkt Aden lange zu relativem Wohlstand. Salih hingegen beutete den Süden so gut es ging aus und lies die Infrastruktur verkommen. Es kam zwar bis heute zu keinem offenen Krieg mehr, Unzufriedenheit, Demonstrationen und vereinzelte Kämpfe waren aber an der Tagesordnung.
Salih, selbst Zaidite, lies auch den Norden verkommen, da er fürchtete, zaiditische Gruppen könnten wieder an der Errichtung eines Fürstentums arbeiten. Dazu förderte er mit Hilfe Saudi-Arabiens Salafismus, eine extrem anti-schiitische Ausprägung des Islams, inmitten des zaiditischen Herzlandes.

Salih

Ali Abdullah Salih. Quelle: WikimediaCommons

Im Norden war man aufgrund der ökonomischen Vernachlässigung auf Schmuggel von Drogen und Menschen nach Saudi-Arabien angewiesen. Die Saudis hingegen verstärkten ihre Grenzkontrollen und versuchten dies zu unterbinden. Durch die parallele Förderung von Salafismus wurde Riad somit zum Symbol der Misere im Norden.
Noch in einem frühen Stadium des Konflikts begann deshalb die zaiditische Huthi-Familie mit der Organisation von Jugendcamps, politischer Partizipation und allgemein mit der Wiederbelebung einer zaiditischen Identität. Salih wurden sie allmählich zu mächtig und er erklärte ihre Aktivitäten als illegal, setzte eine Belohnung auf Hussein al-Huthi aus. 2004 kam es dann zu einem ersten von insgesamt sechs bewaffneten Konflikten zwischen der jemenitischen Regierung und den Huthis, wobei Hussein al-Huthi im September 2004 getötet wurde.

Der arabische Frühling im Jemen

2011 kam es dann auch zu Proteste im Jemen, in wessen Folge die Huthis auch nach Sana kamen und sich den Demonstranten anschlossen. Dies hatte die ersten großen Kontakte zwischen den Huthis und anderen politischen Parteien im Land zur Folge. Salih musste 2012 abtreten und sich aus der Politik heraushalten, im Gegenzug gewährte man ihm eine Amnestie. Sein Nachfolger wurde der bisherige Vize Abd Rabihi Mansur Hadi. Teile der jemenitischen Streitkräfte und die Republikanische Garde waren weiterhin Salih treu.
Es kam zu einem nationalen Dialog mit allen Parteien. Die Huthis fühlten sich von Beginn an vor allem auf das Betreiben der Islah-Partei, dem jemenitischen Ableger der Muslimbrüder und bis 2013 von Riad unterstützt, vom Dialog ausgegrenzt. Während sich die ökonomische Lage im Jemen nicht verbesserte und Korruption grassierte, hatten die Huthis de facto die Provinzen nördlich von Sana unter ihrer Kontrolle oder zumindest unter ihrem Einfluss.

Das Erstarken der Huthis

Die Salafisten wurden 2013 belagert und vertrieben, weil man ihnen vorwarf, Waffen zu horten. Einige gingen in ihre Heimatländer wie Indonesien zurück, einige gingen in andere Teile des Jemen und verbreiteten ihre Ideologie. Parallel wurden Hadi-treue Streitkräfte nach und nach aus dem Norden vertrieben.

Abd al Malik al Huthi

Abd al-Malik al-Huthi. Quelle: WikimediaCommons

Im Sommer 2014 kam es dann zu größeren Demonstrationen in Sana für und gegen die Huthis. Sie selbst sahen sich als Retter der Jemeniten, die als einzige die Korruption und Ungerechtigkeit beseitigen können würden. Tatsächlich werden die Huthis bis heute auch von sunnitischen Stämmen unterstützt, teils gibt es auch zaiditische Opposition.
Die Huthis erstarkten immer weiter und Hadi musste im Januar 2015 nach Riad fliehen, wo er bei den Saudis für ein Eingreifen im Jemen zu Gunsten seiner Regierung warb. Währenddessen hatten die Huthis fast den ganzen Jemen unter ihrer Kontrolle und machten auch durch die Verfolgung politischer Gegner von sich Reden. Die Skepsis der Jemeniten stieg und einflussreiche Stämme und Gruppen griffen zu den Waffen.

Der Eingriff Saudi-Arabiens

In diesem Kontext griff Saudi-Arabien in den Krieg ein. Im März 2015, ein paar Tage bevor ein wichtiges Ultimatum in den Atomverhandlungen zwischen dem Westen und Irans auslief, begann Riad mit der Bombardierung. Iran unterstützt die Huthis, übt jedoch keine Kontrolle über sie aus. Saudi-Arabien möchte dennoch keine pro-iranische Regierung im eigenen Hinterland wissen und erachtet den Einfluss selbst als größer.
Der Krieg hat sich weiter internationalisiert und sogar der IS-Organisation ein Standbein im Land ermöglicht. Heute ist keine Seite dem Sieg nahe und jeder werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die saudische Koalition setzt mittlerweile Söldner vor allem aus Kolumbien, aber auch aus El Salvador und Nicaragua ein.
Kein Land ist bereit auf der Seite Saudi-Arabiens seine Soldaten in den Kampf zu schicken. Die Saudis selbst schrecken ebenfalls davor zurück. Auf der anderen Seite fehlt den Huthis die breite Unterstützung im Land.

Proteste.jpg

Demonstrationen der Huthis in Sana. Quelle: Twitter.

Am Osterwochenende 2016 gab es in Sana große Proteste gegen Saudi-Arabien in Erinnerung an den Start der Bombenangriffe ein Jahr zuvor. Derweil wurde bekanntgegeben, dass ab dem 10. April ein Waffenstillstand gilt und ab dem 18. April Verhandlungen in Riad stattfinden werden. Als Zeichen des guten Willens wurden bereits Gefangene ausgetauscht. Ein Hoffnungsschimmer für einen vergessenen Konflikt.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s