Syriens Kriegsökonomie IV – Entführung und Erpressung

Mitte Januar entführte der IS 400 Menschen in der Stadt Deir ez-Zour, nachdem man Asads Armee aus einem Stadtteil verdrängen konnte. Zuvor wurde schon oft über Entführungen, wie die von 253 assyrischen Christen im Februar 2015 und von 200 im August 2015, berichtet. In Deir ez-Zour wurden 270 zeitnah wieder freigelassen, der Rest wird verhört und – falls Verbindungen zu Asad bestehen – mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. Auch von den Christen ist ein großer Teil mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Dies zeigt einerseits, dass politische Motive eine Rolle spielen, andererseits aber auch finanzielle Aspekte. Im Mai 2015 forderte die Gruppierung bspw. 23 Millionen $ für die Freilassung der im Februar entführten Christen. Ob zu irgendeinem Zeitpunkt Lösegeld geflossen ist, kann nicht bestätigt werden. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, da in Syrien längst alle Seiten zu Entführungen und Erpressungen greifen.

Aleppo 2012

Reuters beschrieb schon im Oktober 2012, drei Monate nachdem der Kampf um Aleppo begonnen hatte, wie sich die Situation in der Stadt darstellt. Demnach wurden sowohl große als auch kleine Geschäftsmänner Opfer von Entführungen und Erpressungen. Viele von ihnen sehen die Wurzeln für diese Übergriffe in der ökonomischen Situation vieler Syrer. Arme Dorfbewohner hegten Neid auf reiche Städter.

Dabei spielte es keine Rolle, auf wessen Seite man stand. Kriminelle Gruppen aus der Opposition und aus dem Lager des Regimes versuchten Geschäftsleute dazu zu drängen, ihnen Waffen zu kaufen; Shabiha-Milizen (pro-Asad) wollten ihren „Lohn“ eintreiben; vor allem oppositionsnahe Kräfte entführten Geschäftsleute; Schutzgeld im Rahmen von teils 4000-5000$ pro Monat musste bezahlt werden; zuletzt wurde auch Gewalt gegen politisch positionierte Geschäftsleute angewandt – wobei keine Seite vor der anderen sicher war. Wer konnte, versuchte in diesem Klima zu fliehen. Obwohl der Großteil auf Seiten Asads stand, wurde es schon vor 3 ½ Jahren zu gefährlich.

Im selben Jahr warnten liberale Aktivisten vor radikalen Gruppen, was vor allem die Entführung von James Foley im August 2012 in Aleppo unterstrich. Syrer versuchten ihn zu finden, allerdings wurde er von einer Gruppe zur anderen gereicht, bis er schließlich beim IS landete, welcher ihn enthauptete. Syrer, die bspw. gegen die Nusra-Front (der syrische al-Qaida-Ableger) oder den IS demonstrierten, riskierten dabei ihr Leben. Oft wurden – und werden – Aktivisten entführt, gefoltert und teils umgebracht. Entführungen dienten neben der finanziellen Erpressung schon früh auch der Einschüchterung.

Kriminelle und oppositionelle Gruppen

Wie in Aleppo waren es auch oft einfach kriminelle Gruppen, die Syrer entführten. Die Entführer gaben sich als Kämpfer aus, am liebsten als Soldaten der Freien Syrischen Armee (FSA), und baten die Opfer auf eine Dienststelle mitzukommen. Dies war häufig der Beginn eines Martyriums, welches erst endete, als Lösegeld bezahlt wurde.

Die Probleme dabei liegen im Machtvakuum, das entstand. Nicht immer gelang es Rebellen für Sicherheit in Gebieten zu sorgen, die zuvor von Asad erobert wurden. Auf der anderen Seite war dies auch nicht immer gewollt, um aus der Bevölkerung Geld zu pressen.

Diese Entwicklungen, gepaart mit einer vermehrten Gewaltanwendung seitens der Opposition gegen Gefangene Soldaten, brachte Unterstützer der syrischen Rebellen schon 2013 in Erklärungsnot. Sogar die UN beklagte im selben Jahr, dass ihr Personal immer häufiger Opfer von Entführungsversuchen wird und die Sicherheitslage sich im ganzen Land rapide verschlechtert.

Regimetreue Kräfte

Dafür ist auch Asad verantwortlich. Je länger der Konflikt dauerte, desto mehr zielten seine Attacken auf Menschengruppen ab, die Oppositionellen halfen. Dazu gehören laut Lama Fakih von Human Rights Watch Ärzte oder Entführung und Ermordung von Familien, deren Väter im Lager der Rebellen mitkämpfen. Wer in Gefängnissen landet, darf keine gute Behandlung erwarten: die Aufenthalte dort sind gekennzeichnet von schwerer Folter, Mangel an Nahrungsmittel und an Hygiene.

Laut dem ehemaligen syrischen Militärfotograf „Caesar“ wandelte sich dieser Aspekt gar in eine Tötungsmaschine. Er schmuggelte zwischen 2011 und 2013 Tausende Bilder auf USB-Sticks aus Syrien heraus. Auch er bestätigt, dass es anfangs vor allem individuelle Gegner Asads traf. Mit der Zeit wurden Gefangene aber gefoltert, um zu sterben. Seine Bilder beweisen laut Experten die systematische Tötung von mindestens 11.000 Gefangenen.

Aufgrund der ökonomischen Situation in Syrien profitieren aber auch einfache Soldaten von Entführungen. Die berühmt-berüchtigten Shabiha-Milizen, die mittlerweile formell der Armee angehören, ziehen an Check-Points Leute aus dem Verkehr, die dann in Gefängnisse oder andere Behörden weitergegeben werden. Jeder, der in dieser Kette arbeitet, schneidet sich ein Stück vom Kuchen ab, indem man sich Informationen über den Aufenthalt oder die Vorwürfe gegen die Entführten bezahlen lässt. Asad gibt laut der Heinrich-Böll-Stiftung seinen Sicherheitskräften demnach freie Hand. Viele Soldaten wären demnach zwar nicht von Asad überzeugt, jedoch hängt ihr finanzielles Überleben von ihm ab. So baut er Loyalität auf.

Ein Anwalt beschreibt im Artikel der Heinrich-Böll-Stiftung das Procedere: anfangs verschwindet das Opfer für ein paar Tage, bevor man nach Handynummern von Familien-Mitgliedern gefragt wird. Diese werden kontaktiert und um Lösegeld gebeten. Wenn diese finanziell ausgebeutet sind, übergeben die Shabiha-Milizen die Opfer an den Geheimdienst. Viele Syrer zahlen, weil sie um das Leben ihrer Familienmitglieder fürchten. Wer erst einmal beim Geheimdienst ist hat wenige Chancen, wieder lebend herauszukommen. Man zahlt dann lediglich für die Gewissheit, dass die Angehörigen nicht zu Tode gefoltert werden.

Teilfinanzierung des IS

Nicht zuletzt die schon weiter oben erwähnte Entführung von James Foley oder die von Steven Sotloff warf Licht auf die Entführungs-Industrie des IS. Der BBC gelang es, ein Interview mit einem ehemaligen Zuarbeiter des IS zu führen. Abu Huraira, wie der Syrer genannt wird, beschreibt darin im Detail seine Masche, bevor er aus dem Geschäft ausstieg.

Ein ausländischer Journalist wurde kontaktiert und ihm wurden gute Filmaufnahmen und Kontakte vor Ort in Syrien versprochen. Derweil arbeiteten die „Helfer“ der Journalisten mit dem IS zusammen und kassierten ein paar Tausend Dollar pro Kopf. Einmal in Syrien wurden die Journalisten gefangen genommen und an den IS übergeben. Dieser hat eigens dafür einen „Geheimdienst-Apparat“ aufgebaut. Laut einem US-Geheimdienst nahm die Gruppe dadurch im Jahr 2014 25 Millionen $ ein.

Im selben Bericht heißt es zudem, dass der IS ebenfalls gezielt Aktivisten ins Visier nahm. Diese wurden – wie bei der Nusra-Front – entführt und mittels Folter eingeschüchtert. Dazu greift der IS auf sein in Syrien aufgebautes Netzwerk von Spionen zurück. Für viele geht es ums Geld, für den IS auch um Ideologie. Wenn Lösegeld für Ausländer fließt, dann geht es meist um Millionen-Beträge. Besonders makaber war das Angebot des IS, dass eine norwegische und eine chinesische Geisel zum Verkauf stehen.

Unter den Tisch fällt jedoch des Öfteren, dass der IS auch im von der Gruppe kontrollierten Territorium Zivilisten entführt. Hunderte Syrer und Iraker wurden entführt, um Geld von Familien zu erpressen. Die ZEIT beschreibt das Beispiel einer christlichen Familie aus dem Irak, die wie tausende andere Christen vom IS vertrieben wurden. Allerdings nicht ohne zuvor Angehörige – in ihrem Fall ihr 3-jähriges Kind – abgeben zu müssen, um es später freizukaufen. Christen, die nicht vor dem IS geflohen sind, müssen die Dschiziya zahlen, eine Kopfsteuer für Nicht-Muslime in einem muslimischen Land. Im Gegenzug ist ihre Sicherheit gewährleistet. In Raqqa leben bspw. dennoch nur noch 25 christliche Familien, die zu arm für die Flucht waren. Der Rest der 1500 Familien ist bereits geflohen. Im irakischen Mosul hingegen gelang es allen Christen zu fliehen. Sie hatten sich geweigert zum Islam zu konvertieren oder die Dschiziya zu zahlen. Die Konsequenz wäre die Todesstrafe gewesen..

Fazit

Entführung und Erpressung ist in Syrien mittlerweile zu einem eigenen Geschäftszweig geworden. Schon früh begannen alle Seiten damit, die Bevölkerung zu drangsalieren. Die Motive sind sowohl politischer als auch ideologischer oder schlicht ökonomischer Natur. Einfache Syrer sind dabei die Leidtragenden.

Erschwerend hinzukommt, dass oft Nachbarn oder Freunde ihre Bekannten verkaufen. Wer kann, bemüht sich darum, seine Angehörigen mittels Kontakte wieder zu bekommen. Oft sind jedoch so viele Leute verstrickt, dass Geld fließen muss. Ein Zusammenleben nach dem Krieg wird dadurch erschwert, dass Vertrauen zerbricht.

Wichtig ist jedoch zu betonen, dass Menschen oftmals auch nur wegen ihrer politischen Einstellung entführt, gefoltert und teils getötet werden. Trotzdem darf die ökonomische Komponente nicht vernachlässigt werden. Viele Syrer versuchen sich mit allen Mitteln über Wasser zu halten. Manche beteiligen sich dabei an solch schmutzigen Geschäften.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s