Syriens Kriegsökonomie III – Öl und Gas

Noch vor den ersten Demonstrationen in Syrien 2011 stellten die Einnahmen des Ölhandels 25% der Staatseinnahmen. Seit Beginn des Konflikts fiel die Ölproduktion im Land von 400.000 Barrel pro Tag um 90% auf 25.000 (2015). Laut der europäischen Kommission importierte die EU selbst 2011 noch Öl im Wert von 3 Milliarden $ aus Syrien. Vor allem nach der Übernahme vieler syrischer Ölfelder durch den IS fiel die offizielle Exportrate dramatisch ab. Offizielle syrische Stellen vermelden zudem, dass täglich hunderte Barrel von kriminellen Gruppen gestohlen und in Nachbarstaaten exportiert werden.

Deir ez-Zour

Die größten Ölvorkommen auf syrischem Gebiet sind auf die Provinz Deir ez-Zour konzentriert. Viele der 220.000 Einwohner der gleichnamigen Hauptstadt arbeiteten daher in der Ölindustrie. Im November 2012 eroberten syrische Rebellen das erste größere Ölfeld namens al-Ward in der Region. Asad stellte zwar an jeder wichtigeren Raffinerie Soldaten ab, diese gerieten jedoch zusehends unter Druck.
Je länger der Krieg dauerte und je mehr Kinder ihre Eltern verloren, desto häufiger traf man Minderjährige auf Ölfeldern. Ihr Job war – und ist – die Ölproduktion. Dazu wird Rohöl erhitzt; je heißer, desto hochwertiger ist die Qualität des Endprodukts. Wöchentlich ereignen sich bei zu hoher Erhitzung des Öls Explosionen.
Auch die Umwelt wird damit in Leidenschaft gezogen. Ökologische Standards weichen dem Kampf ums Überleben und um Geld. Es gibt Berichte von ganzen Ziegenherden, die starben, nachdem sie aus einem vergifteten Fluss tranken. Die aufsteigenden Rauchwolken führen bei Anwohnern zudem zu Atemproblemen und teils gar zu Krebs.

olt

Aufstiegsmöglichkeiten

In einem Bericht von Foreign Policy jubelt Ali, der Sohn eines Stammesoberhaupts: „ich danke Bashar al-Asad jeden Tag, zuvor waren wir faul und jetzt – schaut mal zu was wir fähig sind!“ Bis 2011 war Ölproduktion und -verkauf (mit Ausnahme von Schmuggel) in der Hand von Asad. Viele arme Sunniten aus ländlichen Regionen schufteten teils im Libanon als Billigarbeiter auf Plantagen. Der Krieg bot ihnen zum ersten Mal Aufstiegsmöglichkeiten.
Tatsächlich konnte man bspw. einen Anstieg von luxuriöseren Autos beobachten, da zuvor die syrische Regierung 300% Steuern erhob. Mit dem Wegfall effektiver Grenzkontrollen konnten auch keine Abgaben mehr eingezogen werden. Die Probleme, die damit einhergehen, sind, dass vielen Kämpfer mehr an der Wahrung ihrer eigenen ökonomischen Interessen liegt, als einem Kampf für Freiheit.
Ein syrischer Freund, der bis Ende 2012 auf einem Ölfeld in Deir ez-Zour tätig war, bestätigte mir dies: er und seine Kollegen wurden aus Sicherheitsgründen mit Bussen nach Damaskus transportiert. Der Bus, der vor ihm abfuhr, wurde angehalten und die Insassen exekutiert. Laut seinen Angaben von der Freien Syrischen Armee.

Der Einstieg des IS und der Überlebenskampf Asads

Heute kontrolliert der IS den Großteil der syrischen Ölfelder. Das macht die Gruppe zum Big Player in Syrien, da jeder sich an den IS für Öl wenden muss: sowohl andere Rebellengruppen als auch Asad. Vor kurzem publizierte Russland Bilder von tausenden LKWs, die angeblich Öl vom IS in die Türkei bringen sollten. Diese Anzahl scheint übertrieben zu sein, gesichert ist laut Reuters dennoch, dass auch Öl in die Türkei exportiert wird.
Für Asad ist ironischerweise ein Christ sein Mittelsmann zum IS: George Haswani. Bekannt wurde Haswani im März 2015, als die EU Sanktionen über ihn erließ und ihm damit einen Aufenthalt in der EU verbot als auch seine sämtlichen Vermögenswerten in der EU einfrieren ließ. Seine Firma HESCO kooperiert laut dem britischen Telegraph sogar mit dem IS. Er lässt Fachleute auf Ölfeldern des IS arbeiten, damit der Ertrag zwischen Asad und dem IS geteilt werden kann. Asad kann so teils noch billiges Öl anbieten und damit die Loyalität seiner Anhänger sichern.
Laut Bloomberg exportiert der Iran mittlerweile umsonst Millionen Barrel an Asad. Allein im ersten Halbjahr 2015 soll es sich dabei um 10 Millionen Barrel Rohöl gehandelt haben. Bei einem Marktwert von 59$ pro Barrel macht das 600 Millionen $. Stoppen kann man die Tanker, die dieses Öl nach Syrien bringen, nicht. Es gibt keine offiziellen Geldtransfers und kein Gesetz, welches es erlauben würde, einzugreifen.
Auf der anderen Seite steht der IS mit dem Öl in Syrien. Den Transport gibt die Organisation an Syrer weiter, die durch den Krieg ihre Lebensgrundlage verloren haben. Dadurch werden auch die Gefahren von Luftschlägen weitergereicht. Teils wird das Öl demnach sogar mit Eseln transportiert.
Feste Zahlen, was die Öleinnahmen dem IS bringen, gibt es allerdings nicht. Hochrechnungen bestehen jedoch. So wurde im Februar 2015 in der Provinz des Deir ez-Zour laut IS-Dokumenten 2 Millionen $ durch Öl eingenommen – 27% der gesamten IS-Einnahmen in einer ölreichen Provinz. Durch die vielen Luftschläge hat auch die Infrastruktur Schaden genommen. Der IS finanziert sich also nicht wie oft behauptet zum Großteil durch Öl.

Kooperation zwischen Asad und IS

Als der IS letztes Jahr Palmyra –im lokalen Sprachgebrauch auch Tadmur genannt – einnahm, standen dahinter auch ökonomische Interessen. In Palmyra befinden sich die größten Gasvorkommen Syriens. Noch 2013 generierte laut eigenen Angaben die syrische Regierung 90% ihrer Elektrizität durch Gas. Mit der Einnahme von Palmyra im Mai 2015 nahm der IS Asad 45% seiner Quellen für Strom.
Dem gingen vermehrt Kämpfe im Jahr 2014 zwischen beiden Seiten voraus. Dabei ging es in erster Linie um das größte Gasfeld in Syrien: Shaer. Nachdem keiner das Feld länger halten konnte begann der IS nach Palmyra zu schielen. Als Asad dann aus Palmyra vertrieben wurde, sprengten die Jihadisten mehrere Fabriken in die Luft, die bis dahin das rohe Gas umgewandelt hatten. Conoco – benannt nach der US-Firma, die es gebaut hat – ist heute noch die einzig funktionierende Station, die der IS bedienen kann.

Fazit

Da Asad Elektrizität benötigt und der IS das Know-How, scheinen sich beide Seiten schon auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt zu haben: Asad bekommt Gas und der IS Elektrizität. Wie schon beim Öl überwiegt der Pragmatismus der Kontrahenten.
Die syrische Wirtschaft liegt zwar am Boden, trotzdem lassen sich aufgrund des Chaos noch große Summen an Geld erwirtschaften. Viele Kämpfe konzentrieren sich heute vermehrt auf den Zugang zu Ressourcen – Palmyra und Deir ez-Zour sind dafür die vielleicht wichtigsten Beispiele in Syrien. Deutlich wurde dies nochmal Ende Janaur, als der IS eine Großoffensive in Deir ez-Zour begann, um die alleinige Kontrolle in der Region zu erhalten.

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