Der „saudische Obama“

Als Barack Obama 2009 als erster schwarzer Präsident der USA das Weise Haus bezog, wurde Adil al-Kalbani der erste schwarze Imam der großen Mosche in Mekka. Meist war dieser Posten ausschließlich von Arabern aus der tiefen arabischen Halbinsel besetzt worden, weshalb es ein Novum darstellte und er den Spitznamen „saudischer Obama“ erhielt. Al-Kalbani kommentierte seine Ernennung damit, dass es im Islam keinen Rassismus sondern nur Egalitarismus gäbe. Außerdem habe der Islam viele große Männer mit schwarzer Hautfarbe hervorgebracht – ganz anders als der Westen. Offiziell wurde er nominiert, da er ein bekannter Rezitator des Korans war und bereits in der König Chalil Moschee in der saudischen Hauptstadt 20 Jahre lang ein Imam war. Viele Beobachter sahen darin jedoch einen Schritt des damaligen König Abdullahs sein Land für mehr Toleranz zu öffnen.

Al-Kalbani selbst ist Sohn eines armen Einwanderers aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und wurde 1960 geboren. Der Vater bekam in Saudi-Arabien nur einen Job als ein unbedeutender Klerikaler der Regierung. Nach seinem Schulabschluss musste al-Kalbani deshalb für Saudi Arabian Airlines arbeiten und in abendlichen Einheiten sein Studium an der King Saud University absolvieren. Bald begann er seinen Fokus auf islamisches Recht und Koranrezitation zu legen. Mit seinem erfolgreichen Abschluss fand er kurzzeitig eine Anstellung als Imam in der Moschee am internationalen Flughafen in Riad, bevor er zum Imam der König Chalid Moschee in Riad ernannt wurde. 2009 dann wurde er zum Imam der al-Haram Moschee in Mekka ernannt. Dem ging ein persönliches Treffen mit König Abdullah voraus, bevor dieser historische Schritt getan wurde. Laut al-Kalbani war dies wichtiger als die Nominierung Obamas zum Präsident, da das Weise Haus nur für die Amerikaner ist, während die große Moschee in Mekka für alle Muslime sei. Das Amt bekleidet er derzeit nicht mehr.

Standpunkte

Bereits gleich nach seiner Nominierung kam Kritik seitens der saudischen Schiiten an al-Kalbani auf. Dieser hatte in einem Live-Interview mit dem britischen Sender BBC gesagt, dass schiitische Geistliche Apostaten seien. Kritik an solchen Aussagen kam auch umgehend von offizieller saudischer Stelle, jedoch musste sich Saudi-Arabien die Frage gefallen lassen, wieso ein solcher Prediger zum Imam ernannt wurde. Unter anderem der damalige Chefredakteur Turki al-Sudeiri der regierungsnahen Zeitung Al Riyadh lehnte al-Kalbani daraufhin ab.

Auf der anderen Seite publizierte er bereits 2010 eine Fatwa, in der es hieß, dass Singen mit Musik und das Hören derselben legal seien und der Islam dies nicht verbietet. Als er daraufhin kritisiert wurde, fügte er hinzu, dass eine solche Musik mit angemessenen Wörtern moralische Vorstellungen unterstützen müsse. Letztes Jahr schrieb er auf Twitter, dass es auf der arabischen Halbinsel keine Kirchenglocken geben sollte.

Al-Kalbani und der internationale Terrorismus

Al-Kalbani hatte in den 1980ern Kontakt zu Osama bin Laden und Abdullah Azzam – letzterer der Chefideologe der ausländischen Kämpfer in Afghanistan. Beide schleusten über ihr Servicebüro arabische Kämpfer in den Kampf gegen die Sowjetunion. Laut New York Times sympathisierte al-Kalbani in den 1980ern mit beiden. Auch noch später, als bin Laden „den Westen“ als das Grundproblem allen Übels ausmachte. Erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 löste er sich gänzlich von Osama bin Laden. Dass die Unterstützung je über die Ideologie hinausging und sich al-Kalbani al-Qaida anschloss, wird im Artikel der NYT nicht ersichtlich, kann aber auch ausgeschlossen werden. Auch in Saudi-Arabien könnte kein Terrorverdächtiger ein einflussreicher Imam werden.

Aufsehen erregte al-Kalbani nun wieder, als er am 22.01.2016 ein Interview gab, das am 27.01. übersetzt von der britischen Organisation Integrity UK ins Internet gestellt wurde. Darin sagt er, dass der IS „ohne Zweifel ein Produkt der islamischen Wiederbelegung“ wäre und er den IS nicht aufgrund seiner Ideologie, sondern seines Handelns kritisiere. Schließlich stehe er ebenso für diese Ideologie. Diese Ideologie sei der Salafismus, nicht etwa der Sufismus, der Weg der Muslimbrüder oder der eines Sayyid Qutbs.  Er fügt noch hinzu, dass wohl Geheimdienste hinter dem IS stehen und diese die Ideologie nun ausbeuten.

Somit ist al-Kalbani zumindest einer der wenigen saudischen Gelehrten, die offen aussprechen, dass ihre Ideologie dieselbe des IS ist. Ob der Beiname „saudischer Obama“, den ihm die New York Times 2009 gab, gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s