Syriens Kriegsökonomie II – Brot

Durch den Krieg in Syrien werden Steuereinnahmen für den Staat zur Mangelware. Aber auch für andere, nicht-staatliche Akteure (die Opposition jeglicher Couleur und kriminelle Banden), sind Einnahmen wichtig. Ob sie nun Strukturen in denen von ihnen beherrschten Gebieten aufbauen möchten oder nicht. Eine Ressource, die in Krisenzeiten immer wichtig ist, sind Nahrungsmittel (und das, obwohl Syrien vor 2011 zu den wenigen Staaten gehörte, die sich selbst bestens versorgen konnten). Mit deren Schmuggel lässt sich in Syrien eine goldene Nase verdienen. Hunger ist zudem eine Waffe im syrischen Bürgerkrieg, die von allen Seiten gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Madaja ist ein trauriges Beispiel, das vor kurzem Schlagzeilen dazu gemacht hat.

Geschäftsleute mit Verbindungen zu Asad

Schon im November 2013 berichtete Reuters, dass reiche Geschäftsleute, die mit Asad auf gutem Fuße stehen, vom Handel mit Nahrungsmittel enorm profitieren. Zu diesem Zeitpunkt kam zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Weizen nach Syrien, welches von Frankreich importiert wurde. Es herrschen zwar Sanktionen über Syrien, Nahrungsmittel sind jedoch traditionell von solchen Sanktionen ausgenommen. In das kriegsgebeutelte Land kommen solche Lieferungen in erster Linie per Schiff über die Küste, eine Region, die stark in der Hand von Asad ist.

Zwei Namen, die vor diesem Hintergrund immer wieder fallen, sind Ayman Dschaber und Rami Machluf, beides reiche Geschäftsleute; letzterer war eine wichtige Stützte von Asad und gab seine privatwirtschaftliche Geschäftstätigkeit 2011 offiziell auf. Allerdings scheint dies nur ein Schritt gewesen zu sein, um die erhitzten Gemüter vieler Syrer aufgrund der Korruption und Forderungen nach einer Bestrafung Machlufs zu beruhigen. Laut Reuters gründen Dschaber und Machluf stets Schattenfirmen, um im Handel mit Nahrungsmittel mitzuspielen. Sobald diese dann international auffällig werden, werden neue Firmen gegründet.

Tief verwoben in den Import von Nahrungsmittel ist auch die Aman Group, die 2013 nach eigenen Angaben u.a. 1 Million Tonnen Weizen und 350.000 Tonnen Zucker importiert hatte. Die Aman Group agiert mit Sitz in Latakia agiert als Zwischenhändler zwischen dem Ausland und der staatlichen Habub. Laut dem World Food Programme war der durchschnittliche Preis für ein Kilo Brotmehl in Syrien im November 2015 171 Syrische Pfund, was nach derzeitigem Kurs 0,71 € sind. Das klingt im ersten Moment zwar nicht nach viel, jedoch kommt man bei einer Hochrechnung auf ein Geschäft im hohen Millionen-Bereich. Aktuelle Zahlen der Aman Group liegen zwar nicht vor, jedoch ist davon auszugehen, dass man immer noch zehntausende Tonnen importiert.

Handel in Syrien

Problematisch ist für Asad, dass er wegen des Krieges die Preise für Brot in denen von ihm kontrollierten Gebieten bereits mehrfach anheben musste. Lange war Nahrung ein Grund für die Erfolge seiner Streitkräfte. Dadurch, dass die wichtigsten Versorgungsrouten noch immer in Asads Hand sind, kontrolliert er auch viele Nahrungsmittel und konnte sie nach Belieben verteilen. Das änderte sich jedoch, als Oppositionsgruppen die Speicher voll mit Weizen angriffen. 140 davon gab es vor dem Krieg, heute kontrolliert der syrische Staat nur noch 40.

Anfangs zeichneten sich Rebellengruppen durch Missmanagement aus und verloren Teile der Ernte. Mit der Zeit kristallisierte sich jedoch ein System heraus: Milizen erlaubten Experten von der Regierung den Eintritt in das von ihnen kontrollierte Territorium, um Bäckereien oder Silos am Laufen zu halten. Laut Washington Post erlaubt sogar der IS seinen Experten nach Damaskus für Schulungen zu reisen.

Im selben Bericht heißt es weiter, dass durch diese informelle Zusammenarbeit die Bauern weiterhin ihre Felder bestellen können. Der Großteil des Weizens in Syrien wird im Nordosten (Kurden und IS) angebaut, während es im Westen (Asad und diverse Rebellengruppen) gebraucht wird. Auf dem Weg in die verschiedenen Gebiete schneidet sich jede Gruppe ein Stück vom Kuchen in Form von „Steuern“ ab. Das hat solche Preissteigerungen zur Folge, dass Asad mittlerweile vermehrt aus Russland und dem Iran importieren lässt.

Da Asad die von anderen Gruppen besetzten Gebiete vom Handel mit Nahrungsmittel abschneidet, hat sich vor allem im Norden Syriens ein Handel mit der Türkei etabliert – der Handelsraum der Türkei wurde dadurch erweitert.

Die nächste humanitäre Katastrophe

Eine Stadt, die in der Berichterstattung oft untergeht, ist Deir ez-Zur im Osten Syriens. Die Stadt ist vom IS abgeriegelt, die syrische Armee kontrolliert noch den Flughafen und Teile im Süden der Stadt. Der IS lässt niemanden und nichts rein, die syrische Armee niemanden und nichts auf dem Luftweg heraus. Mittlerweile werden Ausreiserlaubnise sogar gegen Gold gehandelt.

Wenn internationale Organisationen die Stadt mit Hilfsmittel versorgen dürfen, dann nur über den Flughafen und über die syrische Armee, die es dann nach Gutdünkten auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft. Vor kurzem war auch Russland 22 Tonnen ab, Regimetruppen waren gleich vor Ort und beschlagnahmten die Hilfsgüter. Zudem berichtete die UN, dass bei einer Offensive des IS vor kurzem Schmuggler getötet oder zumindest gefangen genommen wurden.

Fazit

Falls die UN außerhalb der vom Regime kontrollierten Gebiete Nahrungsmittel verteilen kann, werden sie oft von anderen Gruppen beschlagnahmt. So beispielsweise vom IS, der UN-Hilfsgüter mit dem eigenen Logo überklebte. Offiziell verteilte der IS dann hier den Zakat, die Almosensteuer im Islam. Aber auch in Videos gibt sich der IS als gut organisierte Kraft, welche die Bevölkerung mit Nahrungsmittel versorgt.

Neben Asad nutzt somit der IS auch offiziell Nahrung in seiner Propaganda und als Legitimation, genauso wie der syrische al-Qaida-Ableger, die Nusra-Front. Wer in Syrien den Zugang zu Nahrungsmitteln kontrolliert, bekommt Akzeptanz in der Bevölkerung. Hohe Preise stoßen auf Ablehnung, weshalb jede Seite versucht, die Menschen im jeweiligen Gebiet so gut es geht günstig mit Nahrung zu versorgen. Dabei schneidet jedoch jeder sein Stück vom Kuchen ab. Es geht ums nackte Überleben. Dies kann auch Asad auf seinem Gebiet nicht mehr unterbinden.

Ein Grund, warum viele Syrer fliehen und versuchen nach Europa zu kommen, ist Nahrung. Letztes Jahr musste die UN ihre Hilfen drastisch reduzieren, da die internationale Staatengemeinschaft kein Geld mehr überwies. Vielen Menschen geht es mittlerweile nur noch darum, die Ernährung ihrer Familie sicherzustellen. Oder um es mit den Worten eines Bewohners in Deir ez-Zur zu sagen: „Mein Bart ist lang und mein Magen ist leer. Lass sie [den IS] kommen, solange sie uns nur Nahrung geben“.

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