Saudisch-Iranische Beziehungen

Nachdem König Abd al-Aziz al-Saud den Großteil des heutigen Saudi-Arabiens erobert hatte – aber noch vor der Gründung Saudi-Arabiens 1932 – nahm das saudische Königreich 1929 die ersten diplomatischen Beziehungen mit dem Iran auf[1]. Die Beziehungen waren ab 1948 bereits von Spannungen geprägt. Iran erkannte den neu gegründeten Staat Israel an und unterhielt beste Beziehungen zu Israel, während Saudi-Arabien den Krieg erklärte[2]. Hinzu kamen noch territoriale Dispute um drei kleine Hormus-Inseln im Persischen Golf, wobei sich die Großmacht am Golf – Großbritannien – auf die Seite Saudi-Arabiens stellte[3]. 1968 gab Großbritannien schließlich bekannt, dass man 1971 vom Golf abziehen würde. Iran und Saudi-Arabien konnten sich zwar darauf einigen, dass kein ausländischer mehr das Schicksal dieser Region bestimmen sollte. Aber für solch banal anmutende Fragen wie ob der Golf nun arabisch oder persisch sei, fanden beide keine gemeinsame Lösung[4].

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König Abd al-Aziz al-Saud. Quelle: Wikimedia Commons

Der Friede hielt aber nicht lange. Bereits im selben Jahr wie London seinen Rückzug bekannt gab, gab der persische Schah bekannt, dass Bahrain Teil Irans sei. Der Herrscher von Bahrain bat Saudi-Arabien um Hilfe und König Faisal gab bekannt, dass Saudi-Arabien das von den Briten hinterlassene Machtvakuum füllen sollte. Ein Jahr später, 1969, gab der Schah dann bekannt, dass die Bürger von Bahrain doch auch abstimmen könnten, ob sie zu Iran gehören möchten oder Unabhängigkeit erlangen wollen. Auch diesen Vorschlag nahm die bahrainische Regierung nicht an und verwies darauf, dass dies noch größere Spannungen zwischen Persern und Arabern hervorrufen könnte. Nachdem der Iran dann erklärte, er würde die UN verlassen, sollten diese Bahrain als unabhängigen Staat anerkennen, rang sich die bahrainische Wahl schlussendlich zu Wahlen durch. Die Bahrainis konnten anonym wählen ob sie Unabhängigkeit, ein britisches Protektorat werden oder zu Iran gehören möchten. Die Mehrheit sprach sich für Unabhängigkeit aus und als dies zu Spannungen zwischen Briten und arabischen Staaten führte, erklärte Bahrain 1971 seine Unabhängigkeit. Iran war ironischerweise das erste Land, welches diesen Schritt anerkannte[5]. Allerdings waren auch die Saudis froh über diesen Ausgang, da Bahrain nur 15 Kilometer vor der saudischen Küste liegt. Zuvor hatte man dem Iran sogar gedroht, dass ein iranischer Angriff auf Bahrain als ein Angriff auf Saudi-Arabien angesehen werden würde und mit aller Härte darauf geantwortet werden würde[6].

Die iranische Revolution 1979

Diverse Differenzen konnten von nun an auf diplomatischer Ebene beigelegt werden. Die Zeit zwischen 1968 und 1979 wird deshalb oft als die beste Periode saudisch-iranischer Beziehungen angesehen[7]. Dann jedoch kam der große Schlag in Form der Revolution im Iran. Sofort nachdem der Schah aus dem Iran vertrieben worden war bezeichnete die iranische Interimsregierung Saudi-Arabien als „American puppet“. Kurz danach proklamierte Revolutionsführer Ayatollah Chomeini den Revolutionsexport[8]. Die Saudis waren dementsprechend nervös.

Hinzu kam, dass der neue Iran die saudische Herrschaft über die zwei heiligsten Stätten des Islams, Mekka und Medina, als illegitim betrachtete und Chomeini anti-monarchisch war. Er stand für die Herrschaft des Klerus. Das war gleich ein doppelter Affront gegenüber der saudischen Königsfamilie, die ihre Herrschaft unter anderem mit Mekka und Medina legitimiert[9]. Dessen nicht genug wollte Iran diese zwei Städte von nun gemeinsam mit Saudi-Arabien verwalten[10]. Da der Herrscher über Mekka und Medina traditionell auch als Herrscher über die islamische Welt galt, wollte sich Chomeini als Alternative zu den Saudis etablieren[11]. Für Saudi-Arabien musste sich das wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen: der Islam wurde auf der arabischen Halbinsel offenbart, die Sprache der Religion war arabisch und die logische Folge war, dass man sich selbst als „wahre Muslime“ ansah – der Großteil der Iraner ist noch dazu schiitisch und ein anderes Volk, was gerne als heretisch bezeichnet wird[12]. Obwohl Iran keinen Erfolg hatte, wurde Chomeini bei Schiiten sehr beliebt[13].

Iran-Irak-Krieg 1980

Als 1980 der Iran-Irak-Krieg ausbrach, gab es Riad die Möglichkeit, den revolutionären Iran zu schwächen. So wurde König Faisal sofort ein enger Verbündeter von Saddam Hussein. Letzterer brach diesen Krieg vom Zaun, weil er auf das iranische Öl direkt an der irakischen Grenze schielte und ebenfalls das Übergreifen der Revolution auf die irakischen Schiiten fürchtete. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Saudi-Arabien unterstütze Hussein bis zum Kriegsende 1988 mit ca. 25 Milliarden US-$. Da dieser Krieg im kollektiven Gedächtnis des Irans noch heute eine große Rolle spielt, leiden bis heute noch die saudisch-iranischen Beziehungen darunter[14]. In den 1980ern wurde außerdem noch der Golf-Kooperationsrat (GCC) von fünf arabischen Golfstaaten geschaffen, um ein Gegengewicht zum Iran zu schaffen[15].

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Irakische Kriegsgefangene in der iranischen Stadt Choramschahr. Quelle: Wikimedia Commons

Auf der anderen Seite benutzte der Iran seine Quds-Brigaden um Angriffe in Saudi-Arabien durchzuführen, vor allem während der alljährlichen Pilgerfahrt nach Mekka[16]. Während des ersten Hadsch nach der Revolution demonstrierten Iraner in Mekka gegen die „Feinde des Islams“: die USA und Israel. Die Saudis wurden dadurch unruhig. Diese Demonstrationen waren ein Grund für die Unterstützung für den Irak in den 80ern[17]. 1987 erreichten die Demonstrationen währenddessen ihren Höhepunkt als iranische Pilger die große Moschee in Mekka belagerten und infolgedessen 317 Pilger und 85 Sicherheitskräfte getötet wurden[18]. Chomeini war außer sich vor Wut und stellte erneut in Frage, ob die Saudis der Aufgabe Mekka und Medina zu bewachen gewachsen seien[19]. Er vertrat sogar die Ansicht, dass die Saudis in die Hölle geschickt warden müssten, weil sie keine legitimen Beschützer seien[20].

Tod Chomeinis

1988 starb Chomeini, der Gründer der islamischen Republik Iran. Im selben Jahr endete der Krieg mit dem Irak und der Iran hatte mit politisch-ökonomischen Problemen zu kämpfen. In den folgenden Jahren brach dann noch die Sowjetunion auseinander – diese grenzte bis dahin noch an den Norden Irans – und Saddam Hussein besetzte Kuwait. Als Folge dieser politischen Umweltzungen sowohl im Iran als auch außerhalb versuchte das Land seinen Platz neu zu definieren. Ideologie rückte mehr in den Hintergrund und Realpolitik wurde die dominantere Kraft[21]. Dadurch verbesserten sich auch Teherans internationale Beziehungen. Spannungen blieben zwar, aber es kehrte wieder mehr Ruhe ein[22].

Als 1996 die Khobar Towers in Saudi-Arabien Ziele von Bombenanschlägen wurden, bei denen 19 US Luftsoldaten getötet wurden, wiesen Untersuchungen des FBIs in den Iran. Allerdings verbesserten die USA und der Iran zu dieser Zeit seine Beziehungen und die Funde blieben unter Verschluss[23]. Auch der Verband der arabischen Golfstaaten, der GCC, verbesserte auf Anraten Riads seine Beziehungen zu Teheran[24]. Die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran hatte auch ökonomische Interessen, da beide auf 60% der weltweit bekannten Ölvorräte sitzen und gemeinsam in der OPEC dominieren können[25].

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Die Khobar-Türme nach dem Anschlag 1996. Quelle: Wikimedia Commons

Irak-Krieg 2003

Kein anderes Ereignis hat die Machtbalance im Nahen Osten so verschoben wie die US-Invasion im Irak 2003. Offensichtliches Resultat war, dass der Irak, der Iran und Saudi-Arabien – die bis dahin mächtigsten Staaten am Golf – sich nicht mehr gegenseitig die Waage halten konnten. Vor 2003 war der gemeinsame Feind Irak ein Grund für die Annäherung zwischen dem Teheran und Riad. Jetzt auf einmal standen sich beide direkt gegenüber[26]. Im selben Jahr wurde Irans Atomprogramm publik[27]. Durch die demografische Mehrheit der Schiiten im Irak war eine vom Iran dominierte Regierung in Bagdad ein saudischer Alptraum[28]. Folglich versuchten beide Länder so viel Einfluss wie nur möglich im Irak zu gewinnen[29].

Der Einfluss Irans unter den Schiiten war nicht so groß wie erhofft. Jedoch konnte man mit Nuri al-Maliki 2006 einen treuen Mann in das Amt des Ministerpräsidenten bekommen und 2010 sogar zum Präsident wählen lassen[30]. Die Stimmen, die genau diese Politik partiell für den Erfolg des IS ausmachen sind zahlreich[31]. Sunniten und Schiiten sind sich fremder denn je und viele Sunniten sehen den IS sogar als kleineres Übel im Gegensatz zur schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. Ohne eine Lösung für dieses Problem zu finden wird auch der IS nicht besiegt werden können.

Auch im arabischen Frühling wurde die Sicht von Saudi-Arabien und Iran als vom jeweils anderen gesteuerten Proteste sichtbar. So schossen die Saudis die mehrheitlich von Schiiten getragenen Demonstrationen in Bahrain nieder; der Iran unterstützt noch bis heute Asad, während Saudi-Arabien sunnitische – teils radikale – Milizen in Syrien mit Waffen beliefert; ein weiteres trauriges Beispiel ist der Jemen, wo Saudi-Arabien einen Krieg aus Angst vor einer mit Iran befreundeten Regierung an der eigenen Haustür führt. Die Leidtragenden dieser Politik ist in jedem Land die Zivilbevölkerung. Auch wenn es Annäherungsversuche zwischen beiden Ländern gibt, scheint der offensive Kurs der neuen saudischen Regierung doch eher auf Konfrontation aus zu sein – dies zeigt sich auch an der Exekution des schiitischen Geistlichen Nimr an-Nimr. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass es in dem Konflikt auch um den Zugang zu Ressourcen geht. Dass der Iran jetzt wieder an die internationalen Märkte gekoppelt ist und mit den drittgrößten Ölreserven eine ernsthafte Konkurrenz zur saudischen Monarchie, die an Öl-Einnahmen hängt, ist, ist auch ein grundlegender Grund für die derzeitige Abkühlung der Beziehungen.

[1] Wrampelmeier, Brooks (1 February 1999). Saudi-Iranian Relations 1932-1982 in Middle East Policy. Zugriff: 21 August 2013. (http://www.thefreelibrary.com/Saudi-Iranian+Relations+1932-1982.-a054208508)

[2] Ackerman, Harrison (28 November 2011). Symptoms of Cold Warfare between Saudi Arabia and Iran: Part 1 of 3 in Journalism and Political Science 16. Zugriff: 21 August 2013. (http://www.nupoliticalreview.com/?p=940)

[3] Al-Saud, Faisal bin Salman Iran, Saudi Arabia and the Gulf (London: I.B. Tauris, 2003), p.9

[4] Ibid., p.29

[5] Kechichian, J.A. Bahrain in Encyclopedia Iranica Online. Zugriff: 21 August 2014 (http://www.iranicaonline.org/articles/bahrain-all)

[6] Al-Saud (2003), p.32

[7] Ackermann (2011)

[8] Afrasiabi, Kaveh L. Saudi-Iranian Tensions fuels wider Conflict in Asia Times (6 December 2006). Retrieved 21 August 2014 (http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/HL06Ak04.html)

[9] Jahner, Ariel Saudi Arabia and Iran: The Struggle for Power and Influence in the Gulf in International Affairs Review, Volume XX, Number 3 (Spring 2012), p.40

[10] Shehabi, Saeed The Role of Religious Ideology in the Expansionist Policies of Saudi Arabia in Madawi al-Rasheed (editor) Kingdom Without Borders (New York: Columbia University Press 2008), p.186

[11] Matthiesen, Toby Sectarian Gulf (California: Stanford University Press 2013), p.20

[12] Boucek, Christopher & Karim Sadjapour Rivals – Iran vs. Saudi Arabia in Carnegie Endowment Online, 20 September 2011. Retrieved 21 August 2014  (http://carnegieendowment.org/2011/09/20/rivals-iran-vs.-saudi-arabia#history)

[13] Matthiesen (2013), p.20

[14] Ackerman, Harrison (28 November 2011) Symptoms of Cold Warfare between Saudi Arabia and Iran: Part 2 of 3 in Journalism and Political Science 16. Retrieved 21 August 2013 (http://www.nupoliticalreview.com/?p=1435)

[15]Hussein, Abdurahman A. So History Doesn’t Forget: Alliances Behavior in Foreign Policy of the Kingdom of Saudi Arabia (Bloomington: Author House 2012), p.80-81

(http://books.google.com.tr/books?hl=en&lr=&id=8VhO5FJuoeMC&oi=fnd&pg=PR4&dq=al+saud+family+and+kings+of+saudi+arabia&ots=7kzL50QO9A&sig=3h76FViKctU0YlP4ovW15bVHCXU&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false)

[16] Rubin, Michael Iran and Saudi Arabia’s hate-hate relationship in CNN Online (11 October 2011). Retrieved 22 August 2014 (http://security.blogs.cnn.com/2011/10/11/iran-and-saudi-arabias-hate-hate-relationship/)

[17] Amiri, Reza Ekhtiari & Ku Hasnita Binti Ku Samsu & Hassan Gholipour Fereidouni The Hajj and Iran’s Foreign Policy towards Saudi Arabia in Journal of African and Asian Studies (5 October 2011), p.680

[18] Ackermann (2011)

[19] Jahner (2012), p.41

[20] Amiri & Ku Samsu & Fereidouni (2011), p.680

[21] Ibid., p.681

[22] Afrasiabi (2006)

[23] Rubin (2011)

[24] Jahner (2012), p.43

[25] Afrasiabi (2006)

[26] Jahner (2012), p.43-44

[27] Zeino-Mahmalat, Ellinor Saudi-Arabiens und Irans Regionalpolitik zwischen Ideologie und Pragmatismus (Hamburg: Giga-Institute 2009), p.1

[28] Gause, F. Gregory Saudi Arabia: Iraq, Iran, the Regional Power Balance, and the Sectarian Question in Strategic Insights, Volume VI, Issue 2 (March 2007), p.2

[29] Wehrey, Frederic (et al.) Saudi-Iranian Relations after the Fall of Saddam (Santa Monica: RAND Corporation 2009), p.60

[30] Eisenstadt, Michael & Michael Knights & Ahmed Ali Iran’s Influence in Iraq (Washington: Washington Institute for Near East Policy 2011), p.ix

[31] Abdul-Ahad, Ghaith Iraqi politics needs an overhaul in The Guardian Online (15 August 2014). Retrieved 22 August 2014 (http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/aug/15/iraqi-politics-complete-overhaul-nouri-al-maliki-politics)

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