Syriens Kriegsökonomie I – Captagon

Der Krieg in Syrien finanziert sich durch diverse Quellen. Eine, die jährlich hunderte Millionen Dollar generiert ist die Herstellung und der Handel mit Drogen – vor allem Captagon. Außerhalb vom Nahen Osten ist diese Droge kaum bekannt, innerhalb jedoch werden jährlich circa 20 Tonnen konsumiert. Saudi-Arabien führte 2010 die Liste der Konsumenten mit 7 Tonnen an. Ein Mitglied einer prominenten Familie im libanesischen Bekaa-Tal erzählte Reuters, dass die Nachfrage stetig ansteigt. Mittlerweile zählen auch Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate zu den größten Konsumenten. Derselbe Kontakt sagte ebenfalls, dass 2013 die Nachfrage im Vergleich zu 2011 im Libanon um 90% fiel. Hauptgrund ist hierfür die verstärkte Produktion in Syrien[1].

Eine Rolle gespielt haben Drogen wohl auch im November in Paris: die Polizei fand in den Hotelzimmern der Attentäter Spritzen. Manche behaupten, die Attentäter hätten sich damit Captagon injiziert[2]. Dies darf jedoch angezweifelt werden, da Captagon als Pille eingenommen wird. Außer Frage steht damit jedoch, dass die Attentäter sich mittels Drogen auf ihren Job vorbereiteten und ruhig stellten. Dies lässt jedoch die Frage aufkommen, welche Rolle denn diese Droge denn spielt, wenn sie sogar von IS-Kämpfern eingenommen wird?

Captagon

1961 kam Captagon auf den Markt. Es besteht aus Fenetyllin, einem Amphetamin-Wirkstoff, der eine Alternative zu herkömmlichen Amphetaminen darstellte – die Pille heißt Captagon[3]. Bereits in den 1980ern wurde es von den Vereinten Nationen für höchst suchterregend eingestuft und größtenteils wieder vom Markt genommen. Allerdings ist die Droge noch immer im Nahen Osten, v.a. in den Golfstaaten, beliebt[4]. Captagon ist zwar menschgemacht, weißt aber hohe Ähnlichkeiten zu Neurotransmittern wie Dopamin und Adrenalin auf. Sobald man Captagon einnimmt, wird die Pille vom Körper auf Amphetamine heruntergebrochen. Die Folgen sind erhöhte Konzentration und physische Belastbarkeit, außerdem ein Gefühl von Unbesiegbarkeit. Negative Auswirkungen sind Depressionen, Herz-Kreislaufstörungen und Schlafstörungen[5].

Der libanesische Psychologe Ramzi Haddad, der die Folgen dieser Droge behandelt, beschreibt die Wirkungen: „Du wirst euphorisch. Du redest viel, du schläfst nicht, du isst nicht, du bist voller Energie.“ Interessant wird Captagon zusätzlich dadurch, dass es leicht herzustellen ist. Mit ein bisschen Chemie-Wissen kann man die Produktion schon starten[6]. Die Zutaten sind ganz legal erhältlich und dementsprechend kostet die Produktion einer Pille lediglich ein paar Cent. Verkauft wird sie dann für 20 US-$[7].

Alle Parteien sind involviert

Obwohl Asads Truppen gerne mit dem Finger auf die Opposition zeigen, die die Revolution benutzen würden, um ihre illegalen Aktivitäten zu verdecken, ist das Fazit nicht so einfach zu ziehen. Fakt ist dennoch, dass syrische Regierungstruppen stets Waffen und Captagon finden, wenn sie ein Lager von Rebellen einnehmen. Dennoch profitiert auch die libanesische Hizbollah, die Asad unterstützt, von der Drogenproduktion und ihrem Schmuggel. Zwar heißt es von oberster Stelle aus der Hizbollah, dass man sich aus dem Drogenhandel so gut wie möglich raushält, gesteht aber ein, dass einige Individuen aus den eigenen Reihen damit Geld verdienen[8]. Was Asad angeht scheint die Sache ähnlich zu sein. Zwar wird von offizieller Seite jegliche Beteiligung zurückgewiesen, dennoch berichten Psychater, wie George aus Latakia, dass v.a. in alawitischen Gegenden fast jeder junge Mann Captagon nimmt. Die meisten davon kämpfen in irgendeiner Art und Weise im Krieg[9].

Allgemein hat George vermehrt mit Patienten zu tun, die unter dem Einfluss von Captagon stehen. Diese Fälle seien zwar schon vor 2011 angestiegen, mit Beginn der Revolution jedoch explodiert. Auch ein Offizier aus Asads Reihen in der Stadt Homs hat seine Erfahrungen damit gemacht. Er sagte Reuters, dass Rebellen bei der Folter oft lachten. Also wartete man drei Tage, bis die Wirkung nachließ und folterte sie dann mit mehr Erfolg[10].

IS und Drogen

Obwohl der IS sich gerne als lupenreiner „islamischer Staat“ darstellt, florieren Drogen auch in den eigenen Reihen. Diverse detektierte Kämpfer berichten, dass sie sich vor Dienst oft Pillen einwarfen. Wie oben schon erwähnt standen die Attentäter von Paris wohl unter dem Einfluss von Drogen oder puschenden Mitteln. In Syrien und im Irak ist jedoch Captagon das gängige Mittel. Das berichtete bspw. ein 19-jähriger IS-Kämpfer, der von Kurden gefangen genommen wurde. Unabhängig bestätigen kann man solche Vorwürfe zwar nicht, aber auch US-Beamte halten dies für sehr wahrscheinlich[11].

Auffallend ist jedoch, dass vor allem europäische Anhänger des IS in ihrem Lebenslauf oft mit Drogen in Kontakt gekommen sind. Eine Studie der Universität Rotterdam über Konvertiten, die sich dem IS anschlossen, macht Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen aus. So ist auffällig, dass die Konvertiten eine schwierige Kindheit oder Pubertät durchlebten. Viele wurden von ihrem Vater im Stich gelassen und griffen oft zu Drogen und Alkohol[12]. Der IS verspricht ihnen nun Absolution. Paradox ist nun jedoch, dass der IS seinen Kämpfern weiterhin Drogen verabreicht. Bershidsky hat dies in einem Artikel für Bloomberg View auf den Punkt gebracht: Sex and Drugs on the Road to Jihad[13].

Anwachsen des Marktes

Da die Nachfrage für Captagon immer weiter steigt – wie auch im Westen gewisse Medikamente im Alltag immer öfter benutzt werden – scheint es utopisch zu hoffen, dass sich auch in Syrien etwas ändert. Der Krieg wird mindestens teilweise durch den Verkauf von Drogen finanziert[14]. Erschwerend hinzukommt, dass im Transitland Libanon nicht nur gewöhnliche Drogenschmuggler mitmischen. Ende Oktober wurde ein saudischer Prinz mit zwei Tonnen Captagon in seinem Privatjet festgenommen. Der Name des Prinzen blieb zwar unter Verschluss[15]. Der Vorfall zeigt jedoch eindrucksvoll auf, wie hoch die Droge schon im Kurs steht.

 

[1] Kalin, Stephen (13.01.2014): Insight – War turns Syria into major amphetamines producer, consumer. Online aufrufbar unter http://uk.reuters.com/article/uk-syria-crisis-drugs-idUKBREA0B04K20140113 [07.12.2015].

[2] Schofield, Matthew (18.11.2015): Police raid in search of Paris attackers triggers intense firefight. Online aufrufbar unter http://www.mcclatchydc.com/news/nation-world/world/article45316056.html [07.12.2015].

[3] Drahl, Carmen (21.11.2015): What You Need To Know About Captagon, The Drug Of Choice In War-Torn Syria. Online aufrufbar unter http://www.forbes.com/sites/carmendrahl/2015/11/21/what-you-need-to-know-about-captagon-the-drug-of-choice-in-war-torn-syria/ [07.12.2015].

[4] Autor unbekannt (20.11.2015): 5 things to know about Captagon, amphetamine linked to ISIS. Online aufrufbar unter http://www.wsbtv.com/news/news/world/5-things-know-about-captagon-amphetamine-linked-is/npSDn/ [07.12.2015].

[5] Drahl: What You Need To Know.

[6] Kalin: Insight.

[7] Baker, Aryn (28.10.2013): Syria’s Breaking Bad: Are Amphetamines Funding the War?. Online aufrufbar unter http://world.time.com/2013/10/28/syrias-breaking-bad-are-amphetamines-funding-the-war/ [07.12.2015].

[8] Ebd.

[9] Kalin: Insight.

[10] Ebd.

[11] McConnel, Dugald und Brian Todd (21.11.2015): Syria fighters may be fueled by amphetamines. Online aufrufbar unter http://edition.cnn.com/2015/11/20/world/syria-fighters-amphetamine/ [07.12.2015].

[12] van San, Marion: Lost Souls Searching for Answers? – Belgian and Dutch Converts Joining the Islamic State in Perspectives on Terrorism Vol.9, No.5 (2015). Online aufrufbar unter http://www.terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/460/html [07.12.2015].

[13] Bershidsky, Leonid (24.11.2015): Sex and Drugs on the Road to Jihad. Online aufrufbar unter http://www.bloombergview.com/articles/2015-11-24/sex-and-drugs-in-islamic-state-recruits-road-to-jihad [07.12.2015].

[14] Kalin: Insight.

[15] Autor unbekannt (02.11.2015): Lebanon charges Saudi prince with drug smuggling. Online aufrufbar unter http://www.bbc.com/news/world-middle-east-34700489 [07.12.2015].

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