Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten

Als der Prophet Muhammad 632 starb, hinterließ er ein Reich, welches fast die komplette arabische Halbinsel bedeckte. Die Geschichte lehrt uns immer wieder, dass sich nach dem Tod eines Führers die Nachfolger gerne bekriegen. Auch die Muslime war sich uneins und die Frage stand im Raum: wer sollte die muslimische Gemeinschaft (Umma) führen? Laut einem Hadith, welches allerdings nur von Schiiten anerkannt wird, soll Muhammad auf seiner letzten Wallfahrt nach Mekka kurz vor seinem Tob gesagt haben: „Wessen Herr ich bin, dessen Herr ist Ali“[1].

Streitigkeiten um die Führung der Umma

Direkt mit dem Tod Muhammads bestand Unklarheit darüber, wo man ihn begraben soll und wer sich an die Spitze des Trauerzugs stellen solle. Derjenige wäre auch gleichzeitig der Nachfolger gewesen. So lag Muhammads Leichnam stundenlang in seiner Lehmhütte. Einer seiner Schwiegerväter, Abu Bakr, sagte daraufhin, dass der Prophet einmal gesagt habe, Propheten sollen dort begraben werden, wo sie gestorben waren. Keiner wollte etwas dagegen sagen und so begrub man Muhammad in seiner Lehmhütte[2].

Viele arabische Stämme, Juden und Christen, die zuvor allesamt Muhammad die Treue geschworen hatten, wurden nun abtrünnig. Nicht wenige Stammesherren beanspruchten die Führung der Umma nun für sich. Während der hitzigen Debatten konnte Abu Bakr, einer der ersten Muslime, jedoch weiterhin einen kühlen Kopf bewahren. Er sagte, Muhammad habe gesagt, dass nur Männer aus dem Stamm der Banu Koraisch (die Stammesföderation, aus der auch Muhammad stammte) die Umma führen dürfen. Ein Führer des Stammes der Aus aus Medina sagte dann, Abu Bakr solle Kalif und damit Nachfolger des Propheten werden. Auch auf den Straßen Mekkas wurden solche Rufe laut. Die Idee wurde schnell zum Konsens und Abu Bakr wurde zum Nachfolger designiert[3].

Seine ersten Amtshandlungen waren die Befriedigung aller Muslime und das Aussenden von Heeren, um abtrünnigen Stämmen wieder Herr zu werden. Außerdem schlagen die Muslime in Palästina 634 die Byzantiner. Im selben Jahr wird ein weiterer Schwiegervater des Propheten, Umar, nach dem Tob Abu Bakrs zweiter Kalif. Er regierte bis 644 und das islamische Reich dehnte sich rasant von Ägypten bis Persien aus. Nach seinem Tod wird Uthman Kalif, er regiert bis 656 und wird – ebenso wie schon Umar vor ihm – ermordet[4].

Herausbildung der „Schiat Ali“

Vor allem gegen Uthman gab es massiven Widerstand unter den Anhängern Alis, Muhammads Schwiegersohn. Ali war mit Fatima liiert, einer Tochter Muhammads. Aus beiden gingen die einzigen Nachfahren des Propheten hervor, die von den Schiiten heute als Imame verehrt werden. Da sie der Meinung waren – und heute immer noch sind-, dass Ali bei der Nachfolge Muhammads übergangen wurde und eigentlich sein legitimer Nachfolger gewesen sei, kämpften sie gegen Uthman, der eine dynastische Herrschaft etablieren wollte[5].

Das Streben nach einer eigenen Dynastie, die die Umma führen sollte, kombiniert mit der Selbstbereicherung, führte 656 schließlich zur Ermordung Uthmans durch ägyptische Gesandte. Die Mehrheit sprach sich nun für Ali als Nachfolger aus. Einflussreiche Heeres- und Stammesführer waren jedoch vehement dagegen. Es begann ein blutiger Bürgerkrieg. Der Statthalter Syriens, Muawija bin Abi Sufjan, ein Nachkomme Uthmans, war zu stark für Ali. In der Schlacht von Siffin 657 konnte Ali Muawija nicht besiegen. Er ließ sich deshalb auf einen Deal mit Muawija ein. Einige seiner Anhänger waren daraufhin so wütend, dass sie Ali 661 schließlich ermordeten. Diejenigen, die dennoch weiterhin loyal zu Ali und seinen Nachkommen standen, wurden als Schiat Ali (Partei Alis) bekannt – die heutigen Schiiten[6].

Entstehung der Shia

Im Jahr 680 dann wurde al-Hussein, ein Sohn Alis, von seinen Anhängern in Kerbela eingeladen, um mit ihrer Hilfe an die Macht zu kommen. Am 10.10.680 (10. Muharram 61 nach islamischer Geschichtsschreibung) wurde al-Hussein dann von Truppen Muawijas auf dem Weg umgebracht. Sie töteten jeden männlichen Begleiter al-Husseins, außer seinen kranken Sohn, und verschonten Frauen und Kinder. Er machte sich nach Kerbela auf, obwohl er wusste, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod finden würde. Damit war al-Hussein der erste Märtyrer. Ein Wort, das noch bei den heutigen Schiiten eine sehr wichtige Rolle spielt[7].

Seine Anhänger in Kerbela wurden von einer Gewissenskrise befallen, weil sie al-Hussein im Stich gelassen haben. Sie erwägten sogar einen kollektiven Selbstmord. Da der Koran den Selbstmord sowie das Töten von anderen Muslimen jedoch verbietet, wurde die Idee wieder verworfen. Im Haus des Anführers der Gruppe, Sulaiman ibn Surad, wollten sie nun durch Buße ihr Gewissen erleichtern. Dadurch entstanden viele Rituale, die die Schiiten heute ausmachen[8].

Am 10. Muharram, dem Todestag al-Husseins, begehen Schiiten jährlich das bekannte Ashura-Ritual. Dabei geißeln sich Schiiten selbst und geben zum Ausdruck, dass sie – wenn sie die Gelegenheit hätten – für al-Hussein eingestanden und falls nötig mit ihm gestorben wären. Laut dem bekannten Schia-Forscher Heinz Halm konnten die Schiiten nur durch diese Ritualisierung der Buße bis heute fortbestehen. Jedes Jahr wird kollektiv an ihre Geschichte erinnert. Die Begebenheit stellt zwar keine Erbsünde, jedoch einen großen Makel dar[9].

Zuerst politische, später theologische Trennung

Die Trennung war zu diesem Zeitpunkt rein politisch. Erst durch die Einführung von Ritualen unterschieden die Schiiten langsam auch theologisch von den Sunniten. Heute gelten die Aussprüche von Muhammads (Hadith), Fatimas, aller Imame und der Koran als die Quelle schiitischen Rechts (bei den Sunniten sind es lediglich der Koran und die Aussprüche des Propheten). Weil alle Imame als Märtyrer gelten, lässt sie das laut den Schiiten zu Vermittlern zwischen Gott und Menschen werden[10]. Heute ist das noch ein großer Streitpunkt zwischen Sunniten und Schiiten. Einige setzten Ali sogar mit Gott gleich: die heutigen Alawiten, denen auch Bashar al-Assad angehört. Unter den Schiiten splitterten sich auch verschiedene Gruppen ab, die teilweise den 5., den 7. oder den 12. Imam als den letzten sehen.

Im Iran sind heute die 12er-Schiiten dominant. Am 25.12.873 oder 01.01.874 starb der 11. Imam Hasan al-Askari. Die 12er-Schiiten glauben jedoch, dass er einen Sohn namens Muhammad hatte, den er vor seinen Feinden schützen wollte und deswegen immerzu versteckt hielt. Nach dem Tod al-Askaris soll sich der Sohn Muhammad in einer Höhle versteckt haben und lebt heute immer noch weiter, ist der Welt jedoch ‚entrückt‘[11]. Laut den 12er-Schiiten ist der Beweis dafür der Fortbestand der Welt. Wäre der letzte Imam schon tot, würde die Welt aufhören zu existieren[12].

Die islamische Republik Iran repräsentiert heute laut ihrer Verfassung das Reich des 12. Imams und ist abgeschafft, sobald er zurückkehrt und seine Anhänger mit dem Schwert in der Hand zum Sieg führt[13].

[1] Faath, Sigfried (Hrsg.) (Januar 2010): Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost (Berlin: Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.), S.28

[2] Konzelmann, Gerhard (1980): Mohammed – Allahs Prophet und Feldherr (Köln: Lingen Verlag), S.293-294

[3] Ibid., S.294-297

[4] Pieper, Dietmar und Rainer Traub (Hrsg.) (2011): Der Islam (München: Deutsche Verlags-Anstalt), S.50

[5] Konzelmann (1980), S.306-307

[6] Pieper und Traub (2011), S.60-61

[7] Faath (Januar 2010), S.30

[8] Halm, Heinz (1994): Der schiitische Islam (München: C.H. Beck Verlag), S.29-31

[9] Ibid.

[10] Ibid., S.43-44

[11] Faath (Januar 2010), S.33

[12] Halm (1994), S.45

[13] https://middleeastbackground.com/2014/08/29/theologische-legitimation-der-islamischen-republik-iran/

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