Privater Aufbau einer irakisch-christlichen Miliz

Für 1000 US-$, „einem kleinen Betrag“, kann man die Ausbildung eines Milizen-Kämpfers finanzieren. Ab 100 US-$ bekommt man ein Bild von einem Kämpfer geschickt, welches man sich einrahmen oder als Poster aufhängen kann. Das Bild ist aber auch schon für 20 US-$ im Shop erwerbbar[1].

Nördlich von Mosul startete Ende letzten Jahres ein Boot Camp. Es ist ein neues Projekt, bei dem US-Veteranen Iraker trainieren. Das Gelände wird von kurdischen Peshmerga bereitgestellt. Matthew VanDyke, der bekannt wurde als er an der Seite von Rebellen gegen Ghaddafi in Libyen kämpfte, berichtet, dass die Moral der Anwärter mit nichts vergleichbar sei.  Die Beschlagnahmung ihres Besitzes durch Da’esh, die Vergewaltigung ihrer Frauen und ein machtloser irakischer Staat hätten in ihnen ein Feuer entfacht. Ende Februar graduierten die ersten 500 Christen[2].

Privatpersonen bauen eine Miliz auf

Begonnen wurde das Projekt von VanDyke, der im Dezember mit einem US-Veteran aus Afghanistan die ersten 25 Freiwilligen ausbildete. Als er – nach eigener Aussage – das Feuer in den Kämpfern brennen sah, holte er einen US-Marine zur Ausbildung in den Irak. Kurz darauf folgten nochmal zwei Veteranen der US Army. Zum Zweck gründete VanDyke Sons of Liberty Internatioanal (SOLI), eine private Sicherheitsfirma, die auf ihrer Homepage damit wirbt, auf keinen Gewinn aus zu sein und sich für Minderheiten auf der Welt einsetzt[3].

Mittlerweile helfen Christen von überall auf der Welt finanziell mit, den Kampf gegen Da’esh zu unterstützen. Die bekannteste Miliz ist die Niniveh Plains Protection Unit (NPU). Sie gehört Restore Niniveh Now (RNN), was wiederum von der American Mesopotamian Organization (AMO), eine assyrisch-amerikanische Gruppe mit Sitz in Kalifornien, betrieben wird. Zuvor wurde die NPU von VanDyke aufgebaut. Die Zusammenarbeit zwischen VanDyke und RNN wurde mittlerweile eingestellt. RNN wirft VanDyke vor, die Arbeit im Irak für private Zwecke zu missbrauchen[4].

Die AMO hat nach eigenen Angaben bereits über 250.000$ gesammelt – 80% in den USA, wie der Vorsitzende David Lazar AFP erzählte. Geld wird in erster Linie über den Kanal ‚Assyrian National Broadcasting‘ gesammelt. Neben Nahrung, Kleidung und Schutzmaterialien wurde eine der „top five“ Sicherheitsfirmen engagiert, um Freiwillige zu trainieren. Der Großteil des Geldes komme von Assyrern, die in den USA leben, z.B. von Joseph Baba, einem Autoverkäufer aus Teheran, der seit 2000 in Kalifornien lebt und auf einen Schlag 10.000$ gespendet hat[5].

Er sagte AFP auch sofort, dass Terrorexperte Walid Phares, ehemaliger Anführer einer christlichen Miliz im libanesischen Bürgerkrieg, stark involviert sei. Baba bestritt später die Aussagemacht zu haben und Phares seinerseits stritt eine Verbindung ab. Er berate lediglich MECHRIC, ein Zusammenschluss von NGOs im Nahen Osten, zu denen auch AMO gehört. AMO versichert auch, dass eine Unterstützung der Organisation keine Terrorfinanzierung ist[6].

Irakischer Staat erodiert weiter

Die Ziele der Niniveh Protection Unit (NPU) sind durchaus ehrenhaft. So sollen ethnische und religiöse Minderheiten vor Da’esh geschützt werden und die Miliz beinhaltet neben Christen auch Jesiden. Nach Da’esh soll die Wirtschaft durch Mikro-Kredite angekurbelt werden, derzeit fließen „zehntausende Dollar“ an Flüchtlinge. Außerdem werden Familien von Kämpfern, die im Kampf fallen, unterstützt[7].

Experten warnen aber einheitlich vor einer Erodierung des irakischen Staates, in erster Linie aber mit Blick auf durch Iran unterstützte schiitische Milizen. Am 21. Januar 2014 gab die irakische Regierung bekannt, dass in der Niniveh-Prärie ein neuer Bundesstaat entstehen soll, der als sicherer Ort für Assyrer und Jesiden fungieren würde. Der Großteil dieses Territoriums wird derzeit von Da’esh beherrscht[8].

Auf ihrer Homepage wirbt Restore Niniveh Now damit, dass Assyrer und Jesiden seit über 100 Jahren von muslimischen Herrschern unterdrückt würden und dass es somit endlich an der Zeit sei, dass Territorium für diese Gruppen zu realisieren. Dazu versuche die NPU vom irakischen Staat anerkannt zu werden[9]. Nichtsdestotrotz wird hier eine Miliz aufgebaut, die abseits des irakischen Staates für eigene Interessen kämpft. Die Erodierung des Iraks wird dadurch weiter betrieben.

Dabei liegen solche Beobachtungen aber im Trend: seit Ende des Kalten Krieges zieht sich der Staat immer weiter zurück, kann dabei das Gewaltmonopol nicht durchsetzen und private Akteure treten in diese Lücke. Werden sie nicht bezahlt, holen sich Milizen ihren Lohn. Was für ein Land wie den Irak aber schlimmer wiegt, ist, dass die Milizen dort ethnisch oder konfessionell sind und sich dem irakischen Staat nicht verpflichtet fühlen[10]. Kritiker können zwar einwerfen, dass es nie richtig starke, moderne arabische Staaten gab. Nichtsdestotrotz nehmen die irakischen Sicherheitskräfte eine immer mehr marginale Rolle ein. Für die Zukunft des Iraks als Staat hat dies erheblich negative Auswirkungen.

Finanzierung ist eine Grauzone

VanDyke und andere Privatpersonen agieren bei ihrer Finanzierung zudem in einer Grauzone, da bspw. SOLI nur als Firma in den USA registriert ist. Für das Trainieren von bewaffneten Gruppen ist jedoch eine Lizenz von der US-Regierung notwendig. VanDyke meinte allerdings, dass ihm das egal sei, da seiner Ansicht nach die Einstellung der USA ist: „as long as you shoot in the right direction they don’t care“[11].

Der Begriff „Da’esh“ anstatt ISIS oder IS wird hier absichtlich verwendet. Es ist das arabische Akronym für ad-daula al-islāmiyya fī l-ʿIrāq wa-š-Šām (Islamischer Staat in Irak und Groß-Syrien). „Da’esh“ bedeutet als Verb im Arabischen auch ‚auf jemandem herumtrampeln‘ und wird hier erstens wegen dieser Bedeutung gebraucht, aber auch, weil der Autor durch eine Verwendung des Wortes „Staat“ in der Verbindung mit dieser Gruppe keine Legitimität verleihen möchte.

[1] Homepage Restore Niniveh Now. Online aufrufbar unter http://www.restoreninevehnow.org/.

[2] Pizzi, Michael (26.02.2015): Assyrian Christians crowdfunded an army to retake homeland from ISIL. Online aufrufbar http://america.aljazeera.com/articles/2015/2/26/on-the-brink-of-extinction-assyrian-christians-crowd-fund-an-army.html.

[3] Homepage Sons of Liberty International. Online aufrufbar http://www.sonsoflibertyinternational.com/.

[4] Homepage Restore Niniveh Now.

[5] Krohn, Jonathan (07.04.2015): US Christians back emerging private war on Iraqi Jihadists. Online aufrufbar  http://news.yahoo.com/us-christians-back-emerging-private-war-iraq-jihadists-110207743.html.

[6] Ebd.

[7] Homepage Restore Niniveh Now. Online aufrufbar unter http://www.restoreninevehnow.org/.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ralph-M. Luedtke, Peter Strutynski (Hrsg.): Pazifismus, Politik und Widerstand. Analysen und Strategien der Friedensbewegung, Jenior Verlag: Kassel 1999, S. 16-26.

[11] Krohn (2015)

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