Assads Beziehung mit IS

2003 fürchteten viele in Syriens Regierung, dass das Land nach der US-Invasion im Irak das nächste Opfer im Krieg gegen den Terror sein könnte. Deswegen trafen sie die Entscheidung, der Bush-Doktrin – autoritäre Regierungen zu stürzen – entgegen zu treten, indem sie den irakischen Widerstand unterstützten. Ehemalige Mitglieder von Saddam Husseins Regierung, die als Folge der Invasion ihre Jobs verloren, und Jihadisten bekamen Unterstützung. Für Syrien hatte dies zudem den Vorteil, dass das Land seine eigenen radikalen Salafisten loswerden konnte (Neumann 2014).

Obwohl Hafez al-Assad, Bashar al-Assads Vater, versuchte jegliche religiöse Opposition in Syrien zu zerstören, gab es auch in Syrien immer zumindest eine kleine Opposition. Hafez‘ Kampf dagegen erreichte 1982 in Hama seinen traurigen Höhepunkt, als syrische Soldaten die Stadt belagerten und stürmten, wobei 20.000 Menschen getötet wurden und diejenigen religiösen Führer, die noch lebten, emigrierten. In den 1990ern kam es auch in Syrien zu einer religiösen Wiederbelebung. Gründe dafür waren Korruption, ökonomische und politische Unzufriedenheiten und als Resultat eine Weltsicht, dass das säkulare System in Syrien keine Perspektive biete (Neumann 2014).

Diese Wiederbelebung ging natürlich nicht an Bashar al-Assad vorbei, der darin eine Chance sah, seine Macht auszubauen. Er wurde 2000 Präsident, als die religiöse Opposition gerade erstarkte. Während der ersten Jahre seiner Amtszeit versuchte er sicher zu stellen, dass die islamistische Szene nach seinen Regeln tanzte. Die Kontrolle über Moscheen wurde ausgeweitet, religiöse Führer wie Imame überwacht, islamische Banken gegründet und Gesetze wie das Kopftuchverbot oder das Verbot von Gebeten in der Armee wurden gelockert. Peter Neumann vom King’s College in London betont jedoch, dass diese Kontrolle nicht auf den jihadistischen Teil der Islamisten ausgeweitet wurde. Jihadisten wurden bei Salafisten immer beliebter, vor allem auf dem Land und in den Vorstädten von Dara’a im Süden oder Idlib und Aleppo im Norden. Um die Islamisten zu kontrollieren, wurden sie vom syrischen Geheimdienst infiltriert. Ein Dokument des US State Department, welches bei WikiLeaks veröffentlicht wurde, zitiert einen syrischen Geheimdienstoffizier, der nun auch zugab, dass man Jihadisten infiltriere, diese aber nicht festnehme, sondern auf günstige Momente warte, um dann etwas zu unternehmen. Zugleich war Syrien bis mindestens 2005 Partner im Kampf der USA gegen den internationalen Terrorismus und die USA brachten regelmäßig Gefangene nach Syrien, um sie ‚befragen‘ zu lassen (Neumann 2014).

Syrien etabliert Beziehungen zu irakischen Baathisten

Die US-Invasion im Irak wirkte sich aber auch auf Syrien aus. Wie schon erwähnt, fürchtete man in Syrien, dass man das nächste Opfer sei und man nahm den Krieg auch als eine Chance war, die eigene wachsende jihadistische Szene loszuwerden. Syrische Radikale wurden in den Irak geschickt, während ehemalige irakische Offiziere Hussein’s nach Syrien kamen und dort den `New Regional Command´ gründeten, um Geld auch in Europa und in den USA zu sammeln, Waffen zu erwerben und Kämpfer zu trainieren. Alles unter den Augen der syrischen Regierung (Ricks 2004).

Durch die Unterstützung dieser Gruppen erhoffte Assad seinen Einfluss im Irak auszubauen, da er annahm, die USA würden früher oder später wieder abziehen. Auch wenn syrische und irakische Baathisten dieselbe Ideologie haben, war ihre Beziehung seit dem Iran-Irak-Krieg in den 1980ern doch schwer beschädigt. Damals unterstützte Syrien als einziges arabisches Land den Iran. Allerdings hatten die Iraker jetzt Millionen von Dollar und waren noch immer einflussreich im Irak (Naylor 2007).

2007 gab es dann eine Konferenz zwischen verschiedenen irakischen Widerstandsgruppen in Zabadani in der Nähe von Damaskus. Sieben irakische Gruppen beschlossen hierbei eine Allianz mit dem ausdrücklichen Ziel, die irakische Regierung zu stürzen. Syriens Hauptverbündeter Iran wollte, dass Assad die Konferenz absagt, war aber nicht erfolgreich. Teheran war zwar schon ein Big Player im Irak, hatte aber noch kaum Einfluss auf die dortigen Sunniten und Baathisten – was ein Grund dafür sein könnte, dass die Konferenz schlussendlich doch stattfand. Hunderte von Jihadisten kamen zu dieser Konferenz, darunter Harith al-Dari (Vorsitzender der Association of Muslim Scholars) und der Baathist Nizar Samari (ehemaliger Medienberater Saddam Husseins, der gleichzeitig als Sprecher der Konferenz fungierte) (Kersting und Tanter 2009).

2009 gab es am selben Ort eine zweite Konferenz. Diesmal hatte der irakische General Hussein Ali Kamal einen Spitzel unter den Teilnehmern. Hochrangige syrische Militärs und Geheimdienstler waren ebenso anwesend wie irakische Baathisten und Mitglieder von ISI (Islamischer Staat im Irak). Es ging um einen massiven Anschlag in Bagdad. Irak erhöhte daraufhin umgehend die Sicherheitsmaßnahmen, konnte den Anschlag aber nicht verhindern: am 19. August 2009 detonierten drei Bomben vor dem irakischen Finanzministerium, töteten 101 Menschen und verwundeten über 600. Die bilateralen Beziehungen zwischen Bagdad und Damaskus erreichten daraufhin einen Tiefpunkt und die Türkei wollte vermitteln. Allerdings vergeblich. Der syrische Delegierte Ali Mamlouk lächelte nur und sagte, er kenne niemanden an, der von einer Regierung stammt, die von den USA beherrscht werden (Chulov 2014).

Irak wird zum Ventil für syrische Radikale

Ein berühmter syrischer islamischer Prediger war Abu al-Qaqa. Jihadisten und Salafisten unterstellten ihm oft, dass er lediglich ein Agent Assads sei. Trotzdem war sein Einfluss enorm. 2003 rief er im Fernseh Muslime auf, in den Irak zu gehen und gegen die USA zu kämpfen. Er betonte, dass Syrer ihren Frust nicht an der eigenen Regierung auslassen sollten, was erklären würde, wieso diese ihn in Ruhe ließ. Sicherheit wurde in seinen Reden als etwas Gutes angesehen und zum Hauptgrund ernannt, weshalb syrische Jihadisten das eigene Land nicht als Ziel auswählen sollten (Moubayed 2007).

Während seines Lebens in Aleppo fehlte es ihm an nichts: er konnte sich immer frei bewegen (jedoch mit Bodyguards), hatte einen Merzedes und ein schönes Appartment; die Händler aus Aleppo unterstützten ihn wo immer sie konnten, was seinen Einfluss steigen ließ. Ob der syrische Geheimdienst ihn kreierte oder ob er ihn nur benutzte ist ein strittiges Thema. Allerdings war es immer offensichtlich, dass er Assad half, Syriens Straßen frei von Radikalen zu halten (Mouyabedi 2007), während Tausende an al-Qaqas Vorlesungen teilnahmen. Laut Neumann unterstützte al-Qaqa Abu Musab al-Zarqawi, den Führer von al-Qaida im Irak (AQI, der Vorgänger von ISI und damit dem heutigen IS) mit einer großen Anzahl an Kämpfern. 2003 kamen die mit Abstand meisten ausländischen Kämpfer im Irak aus Syrien (Neumann 2014).

Syrien wird zum Transit ausländischer Jihadisten

Schon bald waren aber Libyer und Saudis zahlreicher. 2006 entdeckte die US-Armee während einer Operation in Sinjar, nahe der syrischen Grenze, Dokumente, die detaillierte Informationen über die ausländischen Kämpfer bereitstellten: Name, Heimatland, Beruf, Kontakte zu Hause und – am wichtigsten für diesen Artikel – ihre Reiseroute in den Irak. Das Combating Terrorism Center at West Point hat den Fund publiziert. Demnach kamen die mit Abstand meisten Ausländer über Syrien in den Irak (Felter und Fishman 2007, S.20).

Die meisten kamen am internationalen Flughafen von Damaskus an, wo sie erst einmal vom syrischen Geheimdienst festgenommen wurden. Anschließend wurden sie ins Militärgefängnis Sadnaya in der Nähe von Damaskus gebracht. Falls sie als eine Sicherheitsbedrohung für Syrien angesehen wurden, blieben sie auch dort – falls nicht, wurden sie in den Irak transportiert (Abi-Habib 2014).

Die Route in den Irak ging hautpsächlich über Dayr al-Zawr, wo auch die meisten syrischen Kämpfer herstammten. Von dort ging es per Bus nach Abu Kalmal an die irakische Grenze und dann entweder per Bus oder zu Fuß weiter nach alQa’im im Irak (Felter and Fishman 2007, S.21).

Assad reduziert seine Unterstützung

2005 wurde klar, dass die US-Mission im Irak scheiten könnte und Syrien musste somit nichts mehr fürchten. Außerdem stellten die vielen irakischen Flüchtlinge Syriens Wirtschaft vor eine Herausforderung, AQI begann Schiiten anstatt die USA zu attackieren (ein Alptraum für Syriens herrschende Alawiten) und Syrien fing an eher Stabilität in der Region sehen zu wollen. 2007 wollte Assad dann auch die Unterstützung für den irakischen Widerstand masiv reduzieren. Im selben Jahr wurde al-Qaqa dann unter mysteriösen Umständen ermordert. Sein Begräbnis erinnerte mit der Nationalflagge um seinen Sarg und hochrangigen syrischen Regierungsmitglieder eher an ein Staatsbegräbnis (Neumann 2014). Wie aber an der Konferenz 2009 ersichtlich wird, blieb Assad einflussreich.

Die Sinjar-Dokumente belegten auch, dass al-Qaqa nicht der einzige in Syrien war: es gab demnach um die 100 Individuen, die Ausländer in den Irak halfen und Waffendepots in Damaskus, Latakia-Stadt, Deir ez-Zour und anderen größeren Städten in Syrien anlegten. Mit der Zeit verlor Assad zudem die Kontrolle über Gruppen, die im Irak operierten. Die Hauptkonsequenz dieser Politik war jedoch, dass Syrien dem internationalen Jihadisten-Netzwerk zugänglich gemacht wurde (Neumann 2014).

Die USA übten oft Druck auf Assad aus, damit dieser seine Unterstützung für den irakischen Widerstand einstelle und Syrien kooperierte teils sogar, indem hochrangige irakische Baathisten und Jihadisten verhaftet wurden. Nichtsdestotrotz betonten die USA immer, dass Syrien weitaus mehr unternehmen könne. 2005 führte dies dann zu Verstimmungen in Syrien, als Damaskus diplomatische Beziehungen mit den USA abbrachen (Kersting und Tanter 2009).

Die Wiederbelebung der Beziehung

Sehr bald nachdem die ersten Demonstrationen in Syrien 2011 begannen, entließ Assad viele Gefangene im Rahmen einer Generalamnesty, mit der er seinen Behauptungen zufolge seinen guten Willen demonstrieren wollte. Unter den Freigelassenen befanden sich Insaßen des Sadnaya-Gefängnisses, in welchem während des irakischen Widerstandes Jihadisten inhaftiert wurden. Damaskus behauptete oft, dass die Freigelassenen nie einen Terroranschlag verübt hätten (was durchaus der Wahrheit entsprechen dürfte). Aber Bassam Barabandi, der zu dieser Zeit ein Diplomat im syrischen Außenministerium war und mittlerweile defektiert ist, sagte dem Wall Street Journal, dass Assad nichts so sehr fürchtete wie eine friedliche Revolution. Deswegen ließ er Jihadisten frei, damit die Welt sich zwischen ihm und radikalen Fundamentalisten entscheiden könne (Abi-Habib 2014).

Ehemalige irakische Baathisten wie Haji Bakr, der Mastermind hinter IS, hatten neben guten Beziehungen zu Assad auch gute zu AQI entwickelt (mehr zu diesem Thema in Kürze). Ein Dreieck zwischen Assad, irakischen Baathisten und Jihadisten im Irak entstand. Jede Gruppe ging davon aus, dass sie die anderen benutzen könne, um den eigenen Einfluss zu steigern. Vor dem US-Abzug aus dem Irak 2011 wollte Syrien, wie schon erwähnt, diese Allianz reduzieren. Nach dem arabischen Frühling jedoch kam es zu einer Widerbelebung der Allianz. Im Januar 2014 flog die syrische Luftwaffe Angriffe ausschließlich auf Rebellen, wenn diese gerade gegen ISIS (der Vorgänger von IS) kämpften. Sogar als ISIS Raqqa einnahm konnte die syrische Luftwaffe vom Luftwaffenstützpunkt Tabaqa aus direkt neben der Stadt noch operieren. Dies änderte sich, als ISIS in Mosul schwere Waffen in die Finger bekam und sich nun stark genug fühlte, mit der Allianz zu brechen. Tabaqa wurde eingenommen und die 200 gefangengenommen syrischen Soldaten exekutiert (Reuter 2015).

Auch wenn Kämpfe zwischen Assad und IS zugenommen haben, bleiben gewisse Kontakte doch bestehen. Eine kürzlich erschienene BBC-Dokumentation zeigt auf, wie Assad Öl von IS kauft und damit hilft, die Gruppe zu finanzieren (Taylor 2015).

Die Allianz besteht derzeit offensichtlich nur, weil Assad Öl braucht und IS Geld – obwohl sie sich mittlerweile bekämpfen. Neumann schreibt, dass Assad denselben Fehler gemacht hat wie die USA und Saudi-Arabien in den 1980ern in Afghanistan: man glaubte, man könne den Jihad für eigene Zwecke missbrauchen (Neumann 2014).

Quellen:

Abi-Habib, Maria (22.08.2014): Assad Policies Aided Rise of Islamic State Militant Group. Online available http://www.wsj.com/articles/assad-policies-aided-rise-of-islamic-state-militant-group-1408739733.

Chulov, Martin (11.12.2014): Isis: the inside story. Online available http://www.theguardian.com/world/2014/dec/11/-sp-isis-the-inside-story

Felter, Joseph and Brian Fishman (02.01.2007): A First Look at the Sinjar Records. Online available https://www.ctc.usma.edu/posts/al-qaidas-foreign-fighters-in-iraq-a-first-look-at-the-sinjar-records.

Kersting, Stephen and Raymond Tanter (Spring 2009): Syria’s Role in the Iraq Insurgency in Focus Spring 2009 Vol.III: No.1. Online available http://www.jewishpolicycenter.org/827/syrias-role-in-the-iraq-insurgency.

Moubayed, Sami (27.06.2006): Syria’s Abu al-Qaqa: Authentic Jihadist or Imposer? in Terrorism Focus Vol.3, Issue 25. Online available http://www.jamestown.org/programs/tm/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=820&tx_ttnews%5BbackPid%5D=239&no_cache=1#.VToJ5Xt4TMI.

Naylor, Hugh (07.10.2007): Syria reportedly encourages Sunni insurgents. Online available http://www.nytimes.com/2007/10/07/world/africa/07iht-syria.1.7781943.html?_r=0.

Neumann, Peter (03.04.2014): Suspects into Collaborators. Online available http://www.lrb.co.uk/v36/n07/peter-neumann/suspects-into-collaborators.

Reuter, Christoph (18.04.2015): Secret Files Reveal the Structre of Islamic State. Onlive available http://www.spiegel.de/international/world/islamic-state-files-show-structure-of-islamist-terror-group-a-1029274.html.

Ricks, Thomas E.: General: Iraqi Insurgents Directed From Syria. Online available http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A5886-2004Dec16.html.

Taylor, Peter (22.04.2015): ‚It`s God`s gift.‘ Islamic Sate fills coffers with Iraqi government cash. Onlinve available http://www.theguardian.com/world/2015/apr/22/isis-fills-coffers-with-iraqi-government-cash.

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