IS macht Taliban Konkurrenz

Anfang des Jahres tauchten die ersten Berichte auf, die darauf schließen lassen, dass der IS nun verstärkt in Afghanistan und Pakistan Kämpfer rekrutiert. Zwar gibt es derartige Versuche schon länger (die ersten Berichte stammen von September 2014), jedoch defektierten in den letzten Wochen vermehrt Taliban-Kommandeure.  Eine wichtige Rolle spielte dabei Mullah Raouf Khadim. Er befehligte IS-Kämpfer in Helmand und versucht vermehrt Kämpfer für den IS zu rekrutieren, was die Taliban zu unterbinden versuchen[1]. Das hat bereits schon zu ersten Kämpfen zwischen den Taliban und neuen IS-Mitgliedern in Afghanistan geführt[2].

Die alleinige Präsenz des IS lässt die Taliban schon ziemlich alt und verkrustet aussehen, was sie zu grausamen Attacken in IS-Manier veranlassen könnte. Junge Afghanen sehen schließlich tagtäglich die Propaganda und die schnellen Erfolge des IS im Internet. Auch sind die Taliban rein auf Afghanistan und Pakistan fixiert und sind teilweise sogar zu Friedensgesprächen mit den USA bereit[3]. Der Afghanistan-Experte Michael Kugelmann sieht aber genau wegen der regionalen Agenda der Taliban keine allzu große Gefahr seitens des IS. Jedoch fügt er in einem Gespräch mit der Deutschen Welle hinzu, dass Perspektivlosigkeit in Afghanistan und Pakistan, gepaart mit radikalen Gruppen und Gedankengut, vor allem junge Männer für radikalere Ideen anfällig werden lässt[4].

Kommandeure laufen zum IS über

Im Oktober tauchte ein Schreiben des pakistanischen Parlaments auf, in dem es heißt, dass Leute des IS bereits Gerichte in Gebieten aufbauen, die sich jeglicher staatlichen Kontrolle entziehen. Bis zu 12.000 Anhänger sind es dort schon – diese Zahlen klingen meiner Einschätzung nach jedoch etwas überzogen, zumindest wenn man direkt von Anhängern spricht. Vor kurzem tauchten dazu noch zwei Videos auf: das eine zeigt Studenten in der Roten Moschee in Islamabad, die unter einer IS-Fahne sitzen und Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwören während der Kleriker Maulana Abdul Aziz sagt, der IS wäre hier willkommen; das andere zeigt Männer, die einen Soldaten enthaupten und ebenfalls dem IS die Treue schwören. Graeme Smith von der International Crisis Group erzählte Yahoo, dass es bereits einen ranghohen Taliban gegeben habe, der zum IS übergelaufen ist, weil er sich von den Taliban nicht genügend unterstützt sah. Nun hat er mehr Geld und mehr Waffen zur Verfügung[5].

Einige Kommandeure, die loyal zu Gulbuddin Hekmatyar stehen, zeigten sich schon im September bereit, dem IS beizutreten. Bedingung sei, dass die Wiederherstellung des Kalifats auch die wahre Absicht des IS sei. Desweiteren wurden Pamphlets auf Dari und Paschtu veröffentlicht, die Werbung für die Sache des Kalifats machen[6]. Mitte Januar wandte sich schon ein Konglomerat aus pakistanischen Taliban-Kommandeuren dem IS zu und sagte sich von den Taliban los[7]. Das letzte bekannte Beispiel war Maulana Abu Bakr, ein Emir der pakistanischen Taliban für ihre Baujar-Provinz. Er schwor for einer Woche am 02. Februar dem IS die Treue. Laut eigenen Angaben hat er viele ausländische „Mujaheddin“ in seinen Reihen[8].

Zentralasiatische Länder sind alarmiert

In Faryab sammeln sich laut dem afghanischen Abgeordneten Gulmuhammad Rasuli auch vermehrt IS-Kämpfer. Die lokale Bevölkerung berichtet von IS-Fahnen und Kämpfern, die sich durch die Dörfer bewegen und versuchen, junge Afghanen zu rekrutieren. Einige Taliban haben sich ihnen auch schon angeschlossen. Zuvor gab es bereits Berichte, dass sich Taliban-Kämpfer an der Grenze zu Turkmenistan sammeln. Auch Usbekistan und Tadschikistan melden eine größere Konzentration bewaffneter Männer auf der jeweils afghanischen Seite ihrer Grenzen. Laut tadschikischem Nachrichtendienst sammeln sich auch Kämpfer der IMU (englische Abkürzung für ‚Islamische Bewegung Usbekistans‘). Das tadschikische Militär hat deswegen eine neue Basis in Kulyab im Süden des Landes errichtet um dort Panzer, Militärfahrzeuge und schwere Waffen zu stationieren[9].

IS gründet Khorasan-Gruppe in Afghanistan

Ob Khadim auf Befehl von Baghdadi oder auf Eigeninitiative handelte kann nicht gesagt werden. In Verhören hat er stets abgestritten Mitglied bei den Taliban zu sein, war äußerst kooperativ – allerdings nur bis man auf seine eigene Rolle in Afghanistan zu sprechen kam (Taliban und Opiumhandel). Er wurde als „medium threat“ eingestuft und 2007 frei gelassen. Als er aus Guantanamo kam wurde er seines einflussreichen Amtes bei den Taliban enthoben. Dann wäre er nach eigener Aussage nur noch Baghdadi treu gewesen[10]. Gestern (09.02.2015) wurde er dann bei einem Luftangriff der USA im Norden der Provinz Helmand getötet[11].

Derweil hat eine Gruppe mit dem Namen „Khorasan“ in der Provinz Wardak versucht, Kämpfer zu rekrutieren. Khorasan ist ein alter Name für Afghanistan. Es hat auch einen mystischen Unterton, da laut einer alten Prophezeiung schwarze Fahnen über Khorasan wehen würden, bevor das Ende der Welt kommt. Ob die Gruppe Verbindungen zu derjenigen, die die USA in Syrien bombardierte, hat, ist jedoch ungewiss. Seit kurzem werden jedoch vermehrt Zivilisten ins Visier genommen. Die BBC berichtet von einem Volleyball-Spiel, dass von einem Selbstmordattentäter attackiert wurde. Die Taliban sahen von solchen Attacken in der Vergangenheit immer ab[12]. Ende Januar dann hat Abu Muhammad al-Adnani, der Sprecher des IS, in einem Statement offiziell die Gründung der Khorasan-Gruppe propagiert. Darin forderte er auch alle Mitstreiter auf, gegen Fraktionalismus einzustehen und sich zu verbrüdern – eine klare Botschaft an die Taliban[13].

Die tun sich immer schwerer, weil ihr Führer Mullah Omar sich schon 15 Jahre nicht mehr hat sehen lassen. Ein Kommandeur der Taliban hat Reuters gesagt, dass sie selbst immer mehr daran zweifeln, dass er überhaupt noch am Leben ist. Diskussionen über den schnellen Erfolg des IS werden so natürlich angeschürt[14]. Viele afghanische Stammesältere sagen derweil, dass sie bereits die Russen und die USA kommen und gehen haben sehen. Aber sie hoffen alle, dass der IS nicht komme[15].

[1] http://www.longwarjournal.org/archives/2015/01/ex-guantanamo_detain_2.php?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+LongWarJournalSiteWide+%28The+Long+War+Journal+%28Site-Wide%29%29

[2] http://news.yahoo.com/islamic-state-group-reaches-afghanistan-pakistan-183209282.html

[3] http://news.yahoo.com/islamic-state-group-reaches-afghanistan-pakistan-183209282.html

[4] http://www.dw.de/are-pakistani-militants-moving-closer-to-islamic-state/a-17899184

[5] http://news.yahoo.com/islamic-state-group-reaches-afghanistan-pakistan-183209282.html

[6] http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/pakistan/11075390/Islamic-State-claims-Pakistan-and-Afghanistan-for-its-caliphate.html

[7] http://www.longwarjournal.org/archives/2015/01/video_pakistani_tali_2.php

[8] http://www.longwarjournal.org/archives/2015/02/pakistani_taliban_em.php?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+LongWarJournalSiteWide+%28The+Long+War+Journal+%28Site-Wide%29%29

[9] http://www.timesca.com/news/14907-islamic-state-fighters-appear-on-turkmen-afghan-border

[10] http://www.longwarjournal.org/archives/2015/01/ex-guantanamo_detain_2.php?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+LongWarJournalSiteWide+%28The+Long+War+Journal+%28Site-Wide%29%29

[11] http://www.khaama.com/mullah-abdul-rawouf-khadim-wounded-4-comrades-killed-in-drone-strike-29041

[12] http://www.bbc.com/news/world-asia-30777565

[13] http://www.longwarjournal.org/archives/2015/01/islamic_state_appoin.php?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+LongWarJournalSiteWide+%28The+Long+War+Journal+%28Site-Wide%29%29

[14] http://www.reuters.com/article/2015/01/21/us-mideast-crisis-southasia-insight-idUSKBN0KU2VC20150121

[15] http://www.bbc.com/news/world-asia-30777565

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