Ein Staudamm mit Konfliktpotenzial

Tadschikistan ist das ärmste Land unter den 15 ehemaligen Sowjet-Republiken, weltweit rangiert es auf Rang 146 von 184 Ländern[1]. Sein einziger Reichtum sind Wasser und Berge – 93% der Staatsfläche besteht aus Bergen. Der tadschikische Präsident Rahmon hat sich deswegen ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen: er möchte mit dem Rogun-Staudamm den größten der Welt bauen[2]. Der derzeit größte Staudamm ist mit 300 Metern der Nurek-Damm und steht bereits in Tadschikistan. Der Neue soll Nurek aber um 30 Meter überbieten[3]. Letzterer ist ein Relikt aus Sowjetzeiten und muss aus technischen Gründen bald still gelegt werden. Für Tadschikistan bedeutet das schnellstmöglich nach Alternativen zu suchen, da der Nurek-Damm 80% der dort genutzten Elektrizität produziert[4]. Präsident Emomali Rahmon kam deshalb mit dem ehrgeizigen Plan einen neuen, größeren Stausee und damit das von den Sowjets bereits angefangene Projekt „Rogun“ fertigzustellen.

Der Nurek-Damm wurde von der Sowjetunion neben Elektrizitätsgewinn auch zum Zweck der Bewässerungskontrolle gebaut. Man staute den Vakhsh-Fluss auf um in Trockenzeiten mehr Wasser zur Verfügung zu haben. Für Usbekistan ist das Wasser dieses Flusses allerdings überaus wichtig, da er einen Hauptzufluss zum Amu Darya darstellt, der wiederum wichtig für Bewässerung von usbekischen Feldern und Baumwollplantagen ist[5]. Neben natürlichen Ressourcen wie Gas und Öl beruht die Wirtschaft Usbekistans in erster Linie auf Baumwoll-Export[6].

Die offizielle Erklärung der usbekischen Regierung ist, dass man sich vor allem um die Instabilität des Dammes sorge. Erdbeben kommen in der Region regelmäßig vor und die Pläne für den Rogun-Damm stammen noch aus ehemaligen Sowjet-Zeiten. Das Projekt ist über 40 Jahre alt. Obwohl das und dadurch verursachte Überflutungen ein berechtigter Grund zur Sorge sind, hat man in Usbekistan aber hauptsächlich Angst, dass Tadschikistan den Wasserzulauf regulieren könnte[7]. Die Beziehungen beider Länder zueinander sind schon immer sehr angespannt gewesen[8]. 2010 drohte der usbekische Präsident Islam Karimov deswegen seinem tadschikischem Amtskollegen mit Krieg, sollte er das Projekt nicht einfrieren[9].

Für den ist der Damm aber ein Prestige-Objekt. Ökonomische Unabhängigkeit, neue Einnahmequellen durch Energieexport und Fortschritt verspricht sich die tadschikische Regierung dadurch. Das wird auch an tadschikischen Schulen und Universitäten gelehrt, teils organisiert die Regierung sogar Rallys von Studenten, um zu zeigen, dass die eigene Bevölkerung hinter dem Projekt stehe. Eine Angelegenheit „nationaler Ehre“, wie es Rahmon einmal ausdrückte. Von allen Bürgern würd er am liebsten verlangen, dass sie in das Projekt investieren. Laut Rahmons Rechnung könnte man den Damm fertigstellen, sobald jede Familie 700 US-$ zahlen würde[10]. Die Gesamtkosten belaufen sich auf ungefähr 4 Milliarden US-$ – eine riesige Summe für ein Land, dessen Budget im Jahr 2013 gerade mal 2,45 Milliarden US-$ betrug[11].

Hover-Damm

Beispiel für einen Stausee: der Hover-Damm in Nevada, USA

Die Weltbank hat in einer im September veröffentlichten Studie nun grünes Licht für den Damm gegeben. Es stelle die günstigste Lösung für Tadschikistans Energieproblem dar[12]. Das fehlende Geld kann möglicherweise von Russland kommen. Gespräche dahingehend sind aber noch nicht abgeschlossen[13].

In Tadschikistan selbst müssten dafür 42.000 Menschen umgesiedelt werden, da der Damm ihre Heimat überfluten würde. Das birgt potentiell Sprengkraft für das Land, das den blutigen Bürgerkrieg der 1990er immer noch nicht aufgearbeitet hat[14].

Die größte Hürde, die man neben der Finanzierung aber noch wird nehmen müssen, ist die Aussprache mit dem Nachbarn Usbekistan. Durch seine Einwilligung bei der Finanzierung mitzuhelfen hat Russland sich näher an Tadschikistan gestellt, vor allem da sich die russisch-usbekischen Beziehungen zuvor verschlechtert hatten[15]. Aber auch weil viele Tadschiken und Usbeken das nationale Interesse mit dem Damm verbinden birgt das Projekt neuen Zündstoff für die Region. In Usbekistan gab es sogar schon Demonstrationen dagegen. Vor allem hat Islam Karimov zur Politisierung beigetragen. Er erklärte bereits öfter, dass er den Damm als gefährlich für sein ganzes Land ansehe und die Konstruktion verhindern werde. Ein Scheitern oder ein Erfolg des Dammes wird also auch Konsequenzen für die politische Stabilität Usbekistans zur Folge haben[16].

Auswege wäre eine Zusammenarbeit beider Länder. Tadschikistan hängt stark am usbekischen Gashahn, während Usbekistan abhängig vom tadschikischen Wasser ist. Desweiteren kann Duschanbe das Projekt nicht alleine stemmen. Rahmon und seine Regierung könnten ihren Gegenspielern in Usbekistan einen konstanten Wasserzufluss versichern, während Usbekistan einen regelmäßigen Export von Gas garantieren könnte. Außerdem kann Taschkent beim Aufbau des Dammes durch finanzielle Mittel und Know-How mithelfen. Viele Ingenieure aus dem Land haben bereits Erfahrung mit der Errichtung von Dämmen[17]. Falls keine Lösung in beiderseitigem Einverständnis gefunden wird, birgt das Projekt „Rogun-Damm“ jedoch Gefahren für die bilateralen Beziehungen beider Länder, die sich schnell auf ganz Zentralasien ausweiten könnten.

[1] https://www.gfmag.com/global-data/economic-data/the-poorest-countries-in-the-world

[2] https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/ti.html

[3] http://pulitzercenter.org/reporting/central-asia-tajikistan-rogun-vakhsh-river-dam-impoverished-uzbekistan-worldbank-UN

[4] International Crisis Group: Water Pressures in Central Asia (Europe and Central Asia Report N°233 | 11 September 2014), S.2

[5] http://old.cacianalyst.org/?q=node/5764

[6] https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/uz.html

[7] http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/8580171.stm

[8] http://www.worldpolicy.org/blog/2013/04/02/dammed-or-damned-tajikistan-and-uzbekistan-wrestle-over-water-energy-nexus

[9] http://pulitzercenter.org/reporting/central-asia-tajikistan-rogun-vakhsh-river-dam-impoverished-uzbekistan-worldbank-UN

[10] http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/8580171.stm

[11] https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/ti.html

[12] http://www.worldbank.org/en/region/eca/brief/rogun-assessment-studies

[13] http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/CEN-01-160914.html

[14] http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/CEN-01-160914.html

[15] http://www.jamestown.org/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=42754&no_cache=1#.VGDaz4IxC7v

[16] http://old.cacianalyst.org/?q=node/5764

[17] http://www.worldpolicy.org/blog/2013/04/02/dammed-or-damned-tajikistan-and-uzbekistan-wrestle-over-water-energy-nexus

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