Syrer geben sich nicht auf

Während die Schlagzeilen in Deutschland voll vom Syrien-Konflikt sind, vor allem seitdem die Kurden und der IS um Kobane kämpfen, und ein Ende des Konflikts in weiter Ferne ist, versuchen die Menschen in anderen Teilen Syriens so gut wie irgend möglich ein bisschen Normalität in ihr Leben zurückzubringen.

Dem Großteil der Menschen in Syrien ist bewusst, wer für den Krieg verantwortlich ist. Und so gibt es auch immer mehr Kritik an Assad, selbst aus seiner Machtbasis heraus. Darüber habe ich vor kurzem einen Bericht geschrieben.

Hoffen auf Normalität

Viele Syrer, die zu den Glücklichen gehören, die noch nicht fliehen mussten, versuchen ihr Leben aber wieder in geregelte Bahnen zu bringen. „Es mag komisch für jeden außerhalb Syriens erscheinen, der den Konflikt verfolgt hat, aber der Strand vor meinen Hotel in Latakia war voll von Familien, die geschwommen sind, und nicht nur ein paar Frauen war im Bikini“ schreibt beispielsweise Charles Glass[1]. Glass ist Journalist und hat vor kurzem den westlichen Teil Syriens bereist – der Teil, der in Assads Hand ist.

Diese Teile sind deutlich privilegiert, wie auch die BBC in einem kurzen Video zeigt. Dort heißt es, dass dank Subventionen seitens der Regierung Brot genauso viel kostet wie vor dem Krieg. Allerdings nur in Gegenden, die Assad kontrolliert. Das übt folglich Druck auf Rebellengebiete aus, die solche Subventionen nur selten zahlen können.

Theater in Aleppo

Man muss aber auch den Blick über die Teile Syriens hinauswerfen, die noch in Händen des dortigen Regimes sind. Nehmen wir die derzeit gefährlichste Stadt der Welt: Aleppo. Die Stadt ist teils von der syrischen Armee, teils von Rebellen und teils vom IS kontrolliert. Vor kurzem hat sich hier eine Gruppe mit dem Namen Tariq al-Chebez (‚Broadway‘) gegründet. Seitdem gibt es wieder Theater in dieser Stadt, das Augenmerk legt die Gruppe auf den Durchschnittssyrer, der – vor allem in Aleppo – meist wenig Hoffnung hat.

Das Stück heißt Dakakin (‚Läden‘). Dakakin zählt zu den ersten Stücken in Syrien seit 40 Jahren, das nicht von der Assad-Regierung zensiert wird. Eine der Hauptfiguren stellt einen Demonstrant dar, der sich bald der Freien Syrischen Armee anschließt um sich und andere zu beschützen, Freunde sterben sieht und in eine Krise gerät. Am Ende entschließt er sich gegen alle zu kämpfen, die die Revolution verkaufen. Ein klarer Rückbezug auf den Titel. Einer der Höhepunkte ist der, als sich eine Figur enthüllt, sich dem Publikum zuwendet und ruft: „Ich bin der Dollar. Ich bin der Teufel“[2].

Frauen wollen Syrien wieder aufbauen

Friedhof von Nabek - Quelle: Syria Deeply

Es gibt aber auch Gruppen, die den Spagat schaffen und in Gebieten, die von der syrischen Armee kontrolliert werden, immer noch oppositionell zu bleiben. Ein für mich schönes Beispiel ist das ‚Friedensforum syrischer Frauen‘, eine Nicht-Regierungsorganisation mit Sitz in Damaskus. In einem Interview mit der englisch-sprachigen Website Syria Deeply erklärt die Gründerin Mouna Ghanem die Idee, die hinter ihrer Organisation steckt. Man will Syrien in ein frohes und buntes Land verwandeln und Frauen durch diese Arbeit Selbstvertrauen geben.

In Nabek, 50 Kilometer nördlich von Damaskus, gab es die letzten Jahre viele Kämpfe. Deswegen hat sich Ghanem mit ihren Mitstreiterinnen entschlossen, die Mauern, die den Friedhof der Stadt umgeben, bunt zu bemalen. So könne man den Menschen, die ihre beerdigten Angehörigen besuchen, zeigen, dass es noch Hoffnung in ihrem Leben gibt.

Das ‚Friedensforum syrischer Frauen‘[3] setze sich aus Frauen jeglicher Gesellschaftsschichten zusammen und jede werde respektiert, so Ghanem. Auch gehen viele ihrer Mitglieder offen mit ihrer Kritik am Regime um. Dazu Ghanem: „unsere Ideologie ist, dass die staatlichen Institutionen den Menschen gehören, nicht einem politischen Regime“. Momentan arbeitet die Gruppe noch an einem Radio namens ‚Radio Souriat FM‘. Dort soll jede Frau ihrer Gruppe zu Wort kommen und ihre Ideen verbreiten können. Denn, so Ghanem, „Freiheit kommt aus dem Geist, wenn wir das herstellen können, sind wir folglich freie Menschen“[4].

Die Menschen, die noch in Syrien leben und vom Krieg einigermaßen verschont bleiben, haben sich an den ständigen Beschuss gewöhnt. Selbst die Menschen in Damaskus. Glass beschreibt Ladenbesitzer, in deren Nachbarhaus ein Geschoss der Rebellen eingeschossen hat. Die Männer machen trotzdem weiter und ignorieren diesen Vorgang. Tägliche Gewalt wird von vielen Menschen verdrängt[5]. Man hat gelernt damit zu leben.

Musik in den Straßen

Auch das ist ein Grund, warum es für freie Künstler immer schwieriger wird, öffentlich aufzutreten. Assads Sicherheitskräfte sind skeptisch gegenüber Menschenansammlungen. Unterkriegen lassen ist trotzdem keine Option. Und so versuchen diese Leute alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den Menschen in den Straßen wieder ein Stück Leben zurückzugeben. Das Video hier ist nur ein Beispiel junger Menschen, die sich für ein friedliches Syrien einsetzen[6].

Natürlich muss man aufpassen, dass jeglicher Bericht hierüber Assad in die Hände spielt. Er kann durch Sicherheit in manchen Landesteilen seinen Machtanspruch rechtfertigen. Nichtsdestotrotz halte ich es für wichtig, auch mal eine gute Meldung über Syrien zu bringen. Die Menschen dort wollen zum Großteil – wie wir – in Frieden leben. Meiner Meinung nach ist es schön, wenn es ein Teil der Bevölkerung auch wieder schafft.

[1] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/nov/06/syria-we-dont-know/

[2] http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2014/10/theatre-amid-aleppo-battle.html

[3] http://www.syrianwomenforumforpeace.com/en/ (Publikationen können lediglich auf der arabischen Version der Homepage eingesehen werden – die Texte sind aber teilweise trotzdem in Englisch: http://www.syrianwomenforumforpeace.com/ar/Downloads/pn0/cat8/)

[4] http://www.syriadeeply.org/articles/2014/10/6189/arts-culture-women-sing-paint-walls-spread-peace-syria/

[5] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/nov/06/syria-we-dont-know/

[6] http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2014/10/syria-culture-music-damascus.html

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