Assads bröckelnde Machtbasis

Am 1. Oktober gab es in Homs zwei Explosionen. Beide ereigneten sich in einer Gegend, die hauptsächlich von Alawiten bewohnt wird – der islamischen Sekte, aus der auch der Assad-Clan stammt. Als Schüler nach Schulbeginn ihre Schule verlassen wollten, detonierte eine Autobombe, die direkt vor der Schule geparkt war. Kurz danach fuhr ein zweites Auto heran und explodierte ebenfalls. Die Bilanz: 45 Tote, davon 41 Kinder, und 56 Verletzte[1].

Assad immer unbeliebter

Für viele, die bisher Assad unterstützten, war es ein Ereignis, welches das Fass zum überlaufen brachte. Die Wut gegenüber der Regierung war deutlich zu spüren. Auch die regimetreuen Medien wurden mit Slogans wie „Lügner, Lügner, die Medien sind Lügner“ ins Visier genommen[2]. Einige Journalisten begangen daraufhin einen Tabubruch, bekundeten ihre Solidarität mit den Demonstranten und sagten offen ihre Meinung – wenn auch nur auf privaten Facebook-Seiten[3].

Nach seiner Wiederwahl im Juni versprach Assad, dass der Krieg Ende dieses Jahres vorbei sein wird und es in Gebieten unter seiner Kontrolle sicher wäre. Viele sind nun wütend, da Assad eben genau diese Sicherheit nicht bieten kann[4]. Zwar gibt es unzählige Checkpoints und Hausdurchsuchungen. Das Problem dabei ist aber die gravierende Korruption. Leute, die vom Regime zur Fahndung ausgeschrieben sind, können mit ein bisschen Geld ungeachtet Checkpoints passieren. Waffen oder sonstige Sachen inklusive. Darin sehen viele Menschen das Problem und dagegen richtet sich ihre Wut[5]. Das Auto, das vor der Schule parkte, passierte Augenzeugenberichten zufolge kurz davor einen Checkpoint der syrischen Armee und hatte ein syrisches Nummernschild[6].

Kaum Vertrauen in die USA

Schon vor diesem Anschlag gab es aber schon Unzufriedenheit unter den Leuten, auf denen Assad seine Macht baut. Viele vertrauen beispielsweise den USA nicht und unterstellen dem Regime mit den USA zu kooperieren. „Wie können die USA Ziele ihrer Luftschläge einwandfrei identifizieren, wenn nicht durch Informationen des syrischen Geheimdienstes“ fragt beispielsweise ein Regierungsangestellter in Al-Monitor. Im selben Bericht erklärt ein junger Syrer aus Tartus die Politik seiner Regierung aus seiner Sichtweise: „Seit drei Jahren erzählt man uns, dass die Jugend in einem patriotischen Krieg gegen Feinde stirbt, die von den USA unterstützt werden. Heute sagen sie uns, dass der Krieg in Kooperation und Koordination mit den USA weitergeht. Das bedeutet, dass das Töten weitergeht – nur dieses Mal in Kooperation mit den USA und ihren Verbündeten. Ist das nicht ironisch?“[7]

Den Hauptgrund für all die Unzufriedenheit findet man aber im Krieg selbst. Das Land ist kriegsmüde, viele wollen einfach nur Frieden. Die hohen Opferzahlen vor allem von Alawiten, die im Kampf für das Regime entweder getötet oder dauerhaft geschädigt werden, führen zu wachsender Unzufriedenheit[8]. Bisher gab Assad auch über syrische Medien konstant Durchhalteparolen aus. Bei vielen zieht das nicht mehr. Menschen warten auf ihre Väter, Söhne, Brüder und Freunde bis sie siegreich aus dem Krieg heimkehren. Meistens kommen nur die jeweiligen Besitztümer zurück[9].

Ein trauriges Beispiel dafür ist der Luftwaffenstützpunkt von Tabqa bei Raqqa, den der IS Ende August vom Regime eingenommen hat. Die Überlebenden aus Assads Armee wurden danach regelrecht massakriert. Berichten zufolge waren es bis zu 250 Männer, die der IS gefangen nahm und anschließend umbrachte[10].

Alawiten beklagen verheizt zu werden

Ein Assad-Treuer hat vor kurzem auf einer Assad-treuen Facebook-Seite folgendes an Assad gerichtet geschrieben: „Haben Sie Formulare ausgefüllt, die Sie zum Besitz über uns Alawiten berechtigen? […] Wir sind Menschen, Herr Präsident! Wir haben Gefühle und manchmal weinen auch wir! […] In der kompletten Geschichte der Alawiten seit dem 9. Jahrhundert bis heute waren Alawiten noch nie das Opfer eines so brutalen Genozids – und durch wen? Durch einen Staat, der von einem alawitischen Präsident geführt wird!!”[11]

Immer mehr Menschen machen nun Assad für die hohen Opferzahlen verantwortlich. Kritik wird allerdings selten geduldet. Ein junger Mann, der nach dem Massaker von Tabqa protestierte und die Wahrheit über den Vorgang forderte, wurde beispielsweise inhaftiert[12]. Assads Regime leidet dem Institute for the Study of War zufolge mehr und mehr unter einem Engpass von syrischen Soldaten. Das führe dazu, dass man sich mehr auf iranische und afghanische Schiiten in den Reihen Assads verlassen müsse[13].

Keine Alternative zu Assad

Trotz der Wut darüber, wie sie und ihre Angehörigen verheizt werden, bleibt vielen Menschen gar nichts anderes übrig, als weiterhin für Assad zu kämpfen oder ihn zumindest zu tolerieren. Solange Alawiten, Christen, Drusen und sonstige Minderheiten, aber auch Sunniten, Angst haben, von sunnitischen Jihadisten massakriert zu werden, ist Assad mangels Alternativen der lächelnde Dritte[14]. Dazu passen auch Berichte, dass seine Armee nicht konsequent gegen Jihadisten, die Minderheiten bedrohen, vorgeht. Der Grund dahinter ist simpel: solange die Menschen die Gefahr spüren, bleiben sie ihm treu[15]. Trotzdem bringt es ein Alawit auf den Punkt: „Assad ist auf seinem Platz und unsere Söhne in ihrem Grab“[16].

Selbst die Drusen, die bekannt dafür sind, ihre politischen Absichten zu verbergen, gehen offen in Distanz zu Assad. Bisher haben sie ihn meistens aus pragmatischen Gründen unterstützt. Jedoch werfen sie ihm vor, dass das Regime sie nicht ausreichend gegen den syrischen Ableger von al-Qaida, Jabhat al-Nusra, unterstützt habe. Als keine oder nur wenig Hilfe kam, forderten sie vergeblich Waffenlieferungen. Mittlerweile fürchtet der Großteil von ihnen sowohl Jabhat al-Nusra als auch Assad[17].

Nach anderen Lösungswegen suchen

Wenn man wirklich für Alternativen zu Assad sucht, sollte man hier ansetzen. Bisher konnte das syrische Regime sich immer als Beschützer vor allem von Minderheiten profilieren. Man muss diesen Wind aus Assads Segeln nehmen und neue Ansätze präsentieren. Wenn sich vor allem der Westen bekannt gibt innerhalb des nächsten Jahres nun 5.000 moderate Rebellen ausbilden zu wollen, hat das nur wenig Sinn. Allein für den Ostteil des Landes, den der IS kontrolliert, sind Schätzungen zufolge 12.000-15.000 Soldaten für eine Rückeroberung nötig[18]. Das Problem wird durch die Ausbildung von 5.000 Rebellen aber bei weitem nicht gelöst. Ein weiteres Problem ist, dass viele Minderheiten der von Sunniten geführten und von Assad und anderen, gewalttätigen Gruppen in die Enge getriebenen FSA nicht richtig trauen.

Ein hoher christlicher Geistlicher in Syrien hat im Januar beklagt, dass die starken oppositionellen Gruppen in Syrien ausländische Truppen sind. Genau diese Truppen sind es, die immer wieder Anschläge auf Minderheiten wie Christen verüben. Der Geistliche plädiert deswegen an das Ausland, vor allem an die USA, endlich aufzuhören irgendwelche Gruppen zu unterstützen und den Weg der Diplomatie einzugehen[19]. Wenn man den Syrien-Konflikt lösen will, muss man den Menschen dort glaubhaft Alternativen und Perspektiven bieten. Viele sind offensichtlich auf der Suche danach.

[1] http://www.aljazeera.com/news/middleeast/2014/10/children-killed-homs-double-blasts-201410113272780724.html

[2] http://english.alarabiya.net/en/News/middle-east/2014/10/03/For-first-time-Syria-s-Alawites-protest-against-the-regime.html

[3] https://www.facebook.com/alaa.ebrahim.sy/posts/925497660813530

[4] http://www.middleeasteye.net/news/blah-1096870407

[5] http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2014/10/homs-suicide-bombing-children-regime-syria-war-protests.html

[6] http://eaworldview.com/2014/10/syria-daily-turkey-votes-erdogans-fight-assad-islamic-state/

[7] http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2014/10/syria-regime-supporters-humiliation-international-alliance.html

[8] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/nov/06/syria-we-dont-know/

[9] http://syrianobserver.com/Commentary/Commentary/Syria+Three+Years+of+Bleeding+Has+the+Alawite+Mood+Begun+to+Change

[10] http://www.washingtonpost.com/posttv/world/islamic-state-releases-video-showing-capture-of-tabqa-air-base/2014/09/05/e2c87324-350b-11e4-9f4d-24103cb8b742_video.html

[11] http://www.liveleak.com/view?i=e03_1396622553#1S5T7iXzttMzvSYP.99

[12] http://www.dailystar.com.lb/News/Middle-East/2014/Sep-02/269265-pro-regime-syrian-activist-arrested-after-rare-public-dissent.ashx#axzz3EzluCvEn

[13] https://middleeastbackground.files.wordpress.com/2014/10/a2d2c-syria2bsitrep2b2014-10-17_high.png

[14] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/nov/06/syria-we-dont-know/

[15] http://syrianobserver.com/Commentary/Commentary/Syria+Three+Years+of+Bleeding+Has+the+Alawite+Mood+Begun+to+Change

[16] http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/nov/06/syria-we-dont-know/

[17] http://www.al-monitor.com/pulse/security/2014/10/syria-druze-suwayda-weapons-assad-extremists.html

[18] http://www.reuters.com/article/2014/09/26/us-mideast-crisis-usa-rebels-idUSKCN0HL24E20140926

[19] http://swampland.time.com/2014/01/30/syrian-christian-leaders-call-on-us-to-end-support-for-anti-assad-rebels/

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