Tadschiken und ISIS

Vor kurzem gab der tadschikische Präsident Emomali Rahmon bekannt, dass nach Einschätzung seiner Regierung 200 Tadschiken in islamistischen Gruppen in Syrien und im Irak kämpfen würden[1]. 30 Tadschiken sollen dabei bis jetzt in Syrien ums Leben gekommen sein. Der englische Wissenschaftler Edward James Lemon schrieb im Juni allerdings, dass seiner Ansicht nach lediglich 22 Fälle von Tadschiken in Syrien und im Irak gesichert sind[2]. Die Zahl kann sich allerdings mittlerweile – vor allem wegen der Gründung des ‚Islamischen Staates‘ stark geändert haben.

Rahmon

Ein Plakat des tadschikischen Präsidenten Rahmon in Duschanbe

Iran befürchtet deswegen, dass persisch-sprechende Tadschiken gegen seine Revolutionsgarden, die in Syrien kämpfen, eingesetzt werden könnten. Auch das war wohl ein Grund für den Besuch des iranischen Geheimdienstministers Mahmud Alavi am 11. August diesen Jahres in Tadschikistan. Auf den Tag genau einen Monat später besuchte dann der iranische Präsident Rohani Duschanbe und machte klar, dass alle, die persische Dichter wie Rudaki und Firdausi lesen könnten, ehrenvolle Bürger Irans seien. Eine deutliche Annäherung an die tadschikische Bevölkerung. Dazu einigten sich beide Länder auf engere Kooperation im Kampf gegen Terrorismus, Extremismus und Drogenschmuggel. Außerdem wolle man Geheimdienstinformationen teilen und Grenzposten gemeinsam ausbilden. All das beinhaltet offensichtlich auch den Kampf gegen die salafistisch-jihadistische Ideologie[3].

Strikte Religionspolitik

Schon zuvor hat die tadschikische Regierung versucht, Religion stärker unter ihre Kontrolle zu bringen. So schrieb man den Imamen eine Kleidung vor und legte fest, dass der Staat für ihren Lohn aufkommt. Weibliche Muslime protestierten vor allem gegen den letzten Schritt, da sie nicht Steuern für Imame bezahlen wollen, die sie gar nicht in ihre Moschee lassen. Der Staat sagt, er habe keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Imame, aber Saidumar Hussaini, ein Parlamentsabgeordneter der islamischen Wiederbelebungspartei, sagte, dass der Staat dies sogar fördere, da er sich vor dem Trend tadschikischer Frauen fürchtet, sich mehr für Religion zu interessieren[4].

Es ist eine Entwicklung, die sich nicht nur bei Frauen festmachen lässt. Bereits im September 2010 berichtete die BBC[5], dass immer mehr junge Tadschiken sich dem radikalen Islam hingeben. Viele von ihnen sehen keine Chancen in ihrem Land, wo Religion immer mehr unterdrückt wird – mittlerweile sogar soweit, dass Kinder unter 16 bis auf Beerdigungen nicht mehr in Moscheen dürfen[6] – und wo es kaum eine Perspektive für junge Menschen gibt. Laut der BBC ist genau das der Grund, warum viele zum radikalen Islam übergehen. Sie sehen den Islam als Antwort auf alles, wohingegen sie im weltlichen Leben Offizielle für Abschlüsse an Universitäten und für Jobs bestechen müssen. Das Land belegt laut Transparency International Platz 154 von 177 Ländern auf der Korruptionsliste[7].

Die Misere zu Hause treibt viele Tadschiken nach Russland, wo nach geschätzten Angaben circa 1 Million Tadschiken[8] die „3-D jobs“ verrichten: dirty, difficult and dangerous (dt.: schmutzig, schwer und gefährlich)[9]. Dort werden sie von den Russen meist ausgegrenzt, arbeiten für wenig Geld und werden von Regierung und Unternehmen regelrecht ausgenutzt. Laut Lemon erscheint es deshalb für viele attraktiver nach Syrien zu ziehen, ein gutes Einkommen zu haben und ihrem Leben durch einen Märtyrertod einen Sinn zu geben (Märtyrer arabisch: Shadid). Ein weiteres Kennzeichen ist, dass alle Tadschiken nicht besonders religiös interessiert waren, bevor sie nach Russland abreisen. Genau dieser Bildungsmangel lässt sie natürlich leicht anfällig für religiöse Hardliner werden[10].

Wirtschaftliche Probleme und Korruption tragen zur Misere vieler Menschen bei

Die tadschikische Regierung trägt neben der Korruption auch noch durch die Unterdrückung moderater islamischer Kräfte zu einer leichteren Radikalisierung bei. Bemerkbar macht sich das vor allem am wachsenden Druck für die Islamische Renaissance Partei Tadschikistans[11] und an Berichten, wonach angeblich bärtige Männer auf der Straße aufgegriffen werden und man ihnen dann die Bärte abrasiert bzw. sie dazu zwingt es selber zu tun. Berichte darüber gibt es zur Genüge, z.B. hier, hier und hier. Hintergrund ist, dass Tadschikistan Salafismus 2009 als extremistische Bewegung eingestuft hat und deswegen hart gegen jeden vorgeht, der im Verdacht steht, Salafist zu sein. Viele gläubige Sunniten, vor allem Salafisten, lassen sich ihren Bart wachsen, da der Prophet Muhammad auch Bart trug[12].

Was die Renaissance Partei angeht, so werden Mitglieder von ihr regelmäßig unter dem Vorwand nach Syrien reisen zu wollen oder bereits dort gewesen zu sein verhaftet. Präsident Rahmon befürchtet wohl, dass moderate Kräfte eine Gefahr für ihn darstellen. Allerdings kann das Unterdrücken eben dieser Kräfte leicht in ein Erstarken von radikalen münden[13].

Für einige Tadschiken, die sich nach Russland aufgemacht haben, wurde das bereits wahr: sie wurden mehreren Berichten zufolge immer von Männern angesprochen, die ihnen vom glorreichen Jihad erzählen, der die Pflicht jedes Muslims sei und einen näher zu Gott bringe. Manchmal wurde ihnen scheinbar Geld versprochen – dann mündete der Traum schnell in ein Desaster und ließ die jungen Männer wieder abreisen – und manchmal wurde ihnen eben die Nähe zu Gott versprochen. Offensichtlich nehmen das manche an, da im April ein Video veröffentlicht wurde, das fünf Tadschiken zeigt, wie sie ihre Pässe in Syrien verbrennen und den Ungläubigen in Tadschikistan den Kampf ansagen[14]. Der Islamische Staat (IS) reagiert offensichtlich auf solche Männer. Ende August wurde ein Tadschike, von dem kaum etwas bekannt ist, zum Emir in Raqqa ernannt[15]. Ein Grund für dessen Ernennung könnte sowohl der gewalttätige Ruf der Tadschiken sein, den sie sich mit anderen zentralasiatischen oder kaukasischen Kämpfern teilen, als auch dass man versucht Tadschiken besser an sich zu binden. Berichten zufolge sollen Kämpfer aus Zentralasien und dem Kaukasus immer an erster Front sein und die lokale Bevölkerung meidet sie so gut es geht, da sie für ihre harte Behandlung bekannt sind[16].

Von Tadschikistan zur Frontlinie des Jihad

Allgemein gibt es zwei Wege für Tadschiken nach Syrien: entweder von Russland über die Türkei oder von Tadschikistan über die Türkei. Ersterer Weg wird hauptsächlich von jungen Männern genutzt, die in Russland wegen ihrer aussichtslosen Situation rekrutiert werden. Ein Großteil landet dann in Raqqa, wo sie in Ausbildungslagern ein paar Wochen lang ein hartes Training bekommen. Das Trainingslager dort soll von Umar Shishani, einem Tschetschenen, geleitet werden[17].

Die iranische Nachrichtenagentur Fars News publizierte im Juli einen Artikel, nachdem Turkish Airlines angeblich 91 tadschikische Kämpfer mit dem Flug 254 von Duschanbe nach Istanbul am 2. Juli um 21:10 Uhr befördert hat. Demselben Bericht zufolge spielt die saudische Botschaft in Tadschikistan demnach eine wichtige Rolle. Es soll der Dreh- und Angelpunkt für Rekrutierung und Beförderung von Tadschiken nach Syrien sein. Allen voran der oberste Botschaftssekretär Abu Tariq soll die dazu die Zügel in der Hand halten. Fars News beruft sich in dem Bericht auf eine anonyme Quelle[18]. Berichte von anderer Seite zu dieser Anschuldigung konnte ich nicht finden.

Als relativ gesichert gilt jedoch, dass Tadschiken auch von Zentralasien ins Ausland reisen, um sich dem Jihad anzuschließen – wenn auch in eher geringeren Zahlen. So wollte beispielsweise vor kurzem eine Frau ihrem Mann nach Syrien nachreisen und wurde am Flughafen in Duschanbe festgenommen[19]. Ein männlicher Tadschike wurde in Kirgisistan festgenommen, als er von dort aus wohl nach Israel wollte, um sich dem palästinensischen Jihad anzuschließen[20]. Der letzte Fall hat zwar nicht direkt etwas mit ISIS zu tun, zeigt aber, dass allgemein das Potenzial für junge Leute, die sich dem Jihad anschließen wollen, auf jeden Fall vorhanden ist. Bemerkenswert ist, dass diese Menschen meist aus derselben Gegend kommen und meist über Familien- oder Clanstrukturen miteinander verbunden sind: ein Viertel der Kämpfer stammt aus Kulob im Süden des Landes, der Rest teilt sich auf in Nordtadschiken und solche, die um die Hauptstadt Duschanbe leben. Aus dem Rascht-Tal, das eigentlich immer mit „radikalem Islam“ in Verbindung gebracht wurde, kommt aber kein einziger[21].

Lösungswege und Gefahren

Die tadschikische Opposition versucht währenddessen, so gut wie möglich dagegen an zuarbeiten. Haji Akbar Turajonzoda, der Vorsitzende der Renaissance Partei, spricht als einer der wenigen über das heikle Thema „Jihad“: so bedeute dieses Wort, dass man sein Land vor äußeren, ungläubigen Feinden beschützen will. Assad’s Regime in Syrien erfülle seiner Meinung nach nicht den Anforderungen eines „ungläubigen“ Regimes. In den 40 Jahren, in denen der Assad-Clan an der Macht war, wurden Sunniten von der Macht zwar teilweise ausgegrenzt, jedoch nicht unterdrückt. Im Gegenteil, Dispute seien immer politisch ausgetragen und die Religionsfreiheit zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt worden[22].

Junge Männer können offensichtlich trotzdem nicht komplett daran gehindert werden, nach Syrien zu reisen. Diejenigen, die eventuell wieder heimkommen, stellen natürlich eine Gefahr für den Staat dar. Sie sind erstens erfahrene Kämpfer und zweitens bilden sie mit ihrer Ideologie eine Rekrutierungsbasis für mehr junge Menschen, was unausweichlich zu Problemen führen würde. Der kasachische Wissenschaftler Yevgeny Satanovsky schlägt im Interview jedoch eine Null-Toleranz-Behandlung solcher Kräfte vor. Man solle sie isolieren und hart bekämpfen, während man auf der anderen Seite Vertrauen in den jeweiligen Staat schaffen müsse[23].

Die tadschikische Regierung versucht wohl diesen Weg zu gehen. Mittlerweile bietet sie Straffreiheit für jene an, die in Syrien gekämpft haben, aber wieder zurück wollen und sonst keine Verbrechen begangen haben. Andererseits wurden Strafen für solche, die nicht bereuend zurückkehren, massiv verschärft. Einige haben das Angebot der Regierung bereits angenommen und sind nach Hause zurückgekehrt[24]. Trotzdem gibt es noch viele, die in Syrien und im Irak kämpfen. Es scheint sich zwar zahlenmäßig um keine große Gefahr zu handeln, mit jedwedem Erstarken des Islamischen Staates jedoch wird sich die Ideologie verbreiten[25]. Solange allerdings grundlegende Probleme wie das Unterdrücken der Opposition, die versuchte Kontrolle über Religion, wirtschaftliche Probleme und die Perspektivlosigkeit junger Menschen nicht gelöst sind, wird der Nährboden für radikale Kräfte weiter gedeihen.

[1] Tajik president says 200 Tajik jihadists fight in Iraq, Syria in Asia Plus http://www.asiaplus.tj/en/news/tajik-president-says-200-tajik-jihadists-fight-iraq-syria

[2] Profiling Tajik Fighters in Syria in Exeter Central Asian Studies Network http://blogs.exeter.ac.uk/excas/2014/09/15/profiling-tajik-fighters-in-syria/

[3] Shared Concerns Over Salafi Extremism Steer Iran and Tajikistan Into Security Agreement in Eurasia Daily Monitor Volume: 11 Issue: 166 (22 September 2014) http://www.jamestown.org/programs/edm/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=42854&tx_ttnews%5BbackPid%5D=27&cHash=fe0f79dd114384501c9895894dbe50a9#.VCP9eccZmg6)

[4] Tajik Women Fight Mosque Exclusion in Institute for War and Peace Reporting (28 February 2014) http://iwpr.net/report-news/tajik-women-fight-mosque-exclusion

[5] Tajikistan youth turn to radical Islam in BBC (27 September 2010) http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-pacific-11398444

[6] Tajikistan Freedom House http://www.freedomhouse.org/report/nations-transit/2014/tajikistan#.VCP9escZmg6

[7] http://www.transparency.org/country#TJK_DataResearch

[8] http://blogs.exeter.ac.uk/excas/2014/09/15/profiling-tajik-fighters-in-syria/

[9] Tajikistan youth turn to radical Islam in BBC

[10] http://blogs.exeter.ac.uk/excas/2014/09/15/profiling-tajik-fighters-in-syria/

[11] What Is Motivating Dushanbe’s Campaign Against the IRPT? Publication: Eurasia Daily Monitor Volume: 11 Issue: 79 http://www.jamestown.org/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=42283&no_cache=1#.VCQgkccZmg4

[12] Tajikistan Launches Anti-Beard Campaign in Radio Free Europe http://www.rferl.org/content/Tajikistan_Launches_AntiBeard_Campaign/2196546.html

[13] Siehe Fußnote 9

[14] Video showing five Tajiks burning Tajik passports in Syria posted on Youtube in Asia Plus

http://news.tj/en/news/video-showing-five-tajiks-burning-tajik-passports-syria-posted-youtube

[15] Tajik jihadist behind IS recent gains in Raqqa in Zaman Alwsl https://www.zamanalwsl.net/en/news/6298.html

[16] Tajiks decry appointment of countryman as ISIL leader in Syria in Al-Shorfa http://al-shorfa.com/en_GB/articles/meii/features/2014/09/03/feature-02

[17] http://blogs.exeter.ac.uk/excas/2014/09/15/profiling-tajik-fighters-in-syria/

[18] Turkish Airline Transporting Tajik Militants to Syria, Iraq in Farsnews http://english.farsnews.com/newstext.aspx?nn=13930424000972

[19] Tajik President Says 200 Tajik Jihadists Fight in Iraq, Syria in Radio Free Europe http://www.rferl.org/content/tajik-president-says-200-tajik-jihadists-fight-in-iraq-syria/26595128.html

[20] Assessing the Threat of Returning Foreign Fighters from Central Asia in Geopolitical Monitor http://www.geopoliticalmonitor.com/assessing-threat-returning-foreign-fighters-central-asia/

[21] http://blogs.exeter.ac.uk/excas/2014/09/15/profiling-tajik-fighters-in-syria/

[22]Central Asian Muslims in the Syrian War in New Eastern Outlook http://journal-neo.org/2014/06/22/rus-sredneaziatskie-musul-mane-v-sirijskoj-vojne/

[23]Islamic State will come to Central Asia in UZ News http://www.uznews.net/en/central-asia/27688-islamic-state-will-come-to-central-asia

[24] http://www.eurasianet.org/node/69511

[25] http://www.uznews.net/en/central-asia/27688-islamic-state-will-come-to-central-asia

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