Die Theologische Legitimation der Islamischen Republik Iran

Schiiten hatten nie das Problem von Sunniten – eine Staatsgründung war für sie zu keinem Zeitpunkt notwendig, da sie auf das Königreich Gottes auf Erden warteten. Dies sollte geschehen, sobald der letzte Imam (ein Nachkomme aus der Linie des Propheten Muhammads; nach Auffassung der 12er-Schiiten, die im Iran dominieren, ist der 12. in der Linie der Erde ‚entrückt‘) zurückkehrt. Allerdings gab es in der Geschichte immer wieder schiitische Gelehrte, Ulama, die materiell von verschiedenen Staaten profitierten und deswegen mit Herrschern gemeinsame Sache machten. Der Rest der Gelehrten wurde vom Großteil der Bevölkerung als Beschützer vor Tyrannei und Ausbeutung gesehen, was diesen Gelehrten auch ein großes Mobilisierungspotenzial gab – und natürlich Konflikte mit Herrschern hervorrief. Da aber nicht alle Gläubigen gleich gut gebildet waren, kam immer wieder die Frage auf, wie man das Defizit an religiöser Bildung füllen kann. So entwickelte sich mit der Zeit Mardscha-e Taqlid-e Motlaq (persisch: absolute Instanz der Nachahmung). Kurz gesagt bedeutet es, dass ein ‚Laien-Gläubiger‘ dem bestgelehrtesten Kleriker folgen muss. Dieses System münzte Khomeini auf die Politik um und schuf valeyat-e faqih, die Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten. Dieser Artikel soll einen kurzen Überblick über die Entwicklung dieses Systems geben.

Frühe Entwicklung

Prinzipiell gibt es zwei Hauptquellen der Mardscha: die Usuli-Schule und A’lamiyyat (dt.: „mehr Wissen“). Erstere beschäftigt sich mit den Rechtsquellen im Schiitentum – dem Koran, den Aussprüchen der Imame (Idschma) und Rationalität (Aql). Diese Schule gelang im 11. Jahrhundert ins Schiitentum. Im 14. Jahrhundert wurde die Usuli-Schule um den Idschtihad (Urteilsfindung durch eigenes Bemühen) erweitert und ging somit das erste Mal über die Scharia hinaus. Idschtihad wurde in zwei Grundtypen unterteilt:

  • Idschtihad al-Mudschtahid (der Gelehrte)
  • Idschtihad al-Mukallaf (ein ‚normaler‘ Gläubiger, der einem Mudschtahid folgen soll).

Im 18. Jahrhundert war es dann ein schiitischer Gelehrter aus Kerbela namens Bahbarani, der die Gegner der Usuli-Schule, die Akhbaris (traditioneller eingestellt), als Ketzer hinstellen konnte und somit vernichtete. Außerdem schuf Bahbarani die Idee, dass sich alle Mukallafin (also jemand, der einem Gelehrten folgt) dem am meisten gelehrten Mudschtahid anschließen sollten.

Die zweite Hauptquelle der Mardscha, A’lamiyyat, hat eine lange Tradition: es bedeutet vereinfacht gesagt, dass jemand, der mehr Wissen als eine andere Person hat, dieser Person zu bevorzugen ist. Im 19. Jahrhundert konnte sich die Idee dann etablieren und derjenige, der am meisten wusste, wurde auf die gleiche Stufe wie der Imam gestellt. Als Wissen zählen hier die Regeln und Quellen der Rechtsprechung sowie deren Anwendung. Jegliche Handlung eines ‚Laien-Gläubigen‘ war von nun an ohne Wirkung, sofern es sich nicht an einen Mudschtahid richtet.

Die Entstehung des Amt des Mardscha

Damit entstand auch das Amt des Mardscha. Der erste von allen anderen Mudschtahidin anerkannte Mardscha war 1846 Scheikh Muhammad Hasan Najafi (Großayatollah in Kerbela). 1911-1919 formulierte Großayatollah und Mardscha Yazdi dieses Amt aus: der einfache Gläubige müsse dem am besten Gelehrtestem folgen, da der das gleiche Wissen wie der 12. Imam habe – außerdem müsse man ihm den choms (dt.: Fünftel, eine Steuer von 20% des Einkommens) entrichten. Der letzte von allen Schiiten akzeptierte Mardscha war Borudscherdi, der 1960 starb. Bis kurz vor seinem Tod gab sich der Großteil der Ulama apolitisch, obwohl sie vor allem in Iran zwischen 1925 und 1941 massiv vom damaligen Herrscher Reza Schah unterdrückt wurden.

Allerdings verlangte ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung von der Ulama und vor allem vom Mardscha gegen Tyrannei vorzugehen. Aber erst als die eigene Macht auf dem Spiel stand, reagierte die Ulama: 1960 brachte Borudscherdi eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) gegen die von Muhammad Reza Schah geplante Landreform und Frauenemanzipation heraus. Die Befürchtung war – neben dem Verlust von Ländereien -, dass man die Menschen durch kein Aufbegehren gegen den Schah an alternative Systeme wie den Kommunismus verlieren könne. Nach dem Tod Borudscherdis kam die Frage auf, wer sein Nachfolger werden sollte. Von nun an sollte der Mardscha nicht nur zu religiösen, sondern auch zu sozialen und politischen Themen Stellung beziehen können.

Khomeini nimmt sich der Idee an

Die nächste große Änderung fand dann 1979 statt, als Khomeini die Islamische Republik Iran ausrief. Er plädierte dafür, dass der Mardscha in Vertretung des Imams die religiös-politische Führung inne haben solle. Sein einziges Problem war, dass er nicht der einzige Mardscha war, da es auch andere Gelehrte gab, die von Schiiten als höchste Instanz betrachtet wurden. Allerdings waren Khomeinis Anhänger während Diskussionen um eine zukünftige Verfassung erfolgreich darin, Khomeinis Gegner auszubooten und seine Doktrin von der Herrschaft des Klerus zu etablieren (für eine genaue Beschreibung dieses Prozesses siehe Said Saffari The Legitimation Of The Clergy’s Right To Rule In The Iranian Constitution Of 1979).

Quelle: Wikipedia

Ayatollah Khomeini – Quelle: Wikipedia

Khomeini war der Ansicht, dass es einige Hadithe (Aussprüche des Propheten Muhammad) gibt, die die Gelehrten in der Position des ‚Hüters der Angelegenheit‘ lassen, die dann auch die notwendigen Fähigkeiten hätten, als Vertreter des verborgenen Imams auf Erden zu herrschen. So bezieht er sich beispielsweise auf ein Hadith, in dem es heißt, dass die islamischen Gelehrten die Treuhänder des Propheten sind. Außerdem bezieht er sich auf den Koran, in dem es heißt, dass darin ein System zum Zusammenleben für alle Menschen zu finden sei – für Khomeini ist die Sache klar: man kann Politik und Religion nicht trennen. Und die Rechtsgelehrten seien in seinen Augen diejenigen, die den Durchschnitts-Gläubigen Gottes System darlegen müssten.

Vor und während der Revolution wurde dieses von Khomeini entworfenes Konzept kaum diskutiert. Den meisten war es wichtiger, eine geeinte Front gegen Muhammad Reza Schah zu formen und so wollte man nach einer gelungenen Revolution darüber diskutieren, wie der neue Iran aussehen könnte. Nachdem man den Schah im Januar 1979 vertrieb und am 1. April die Islamische Republik gründete, schaffte es Khomeini mit seinem Charisma und mangels einer geeinten Front der Gegner einer Klerus-Herrschaft seine Leute in den Expertenrat zu setzen. Dieser hatte die Aufgabe eine neue Verfassung zu erarbeiten. Und so wurde dann das Prinzip der Herrschaft des höchsten Rechtsgelehrten, valeyat-e faqih, in die Verfassung mit aufgenommen. Wenn man einen Blick auf die iranische Verfassung wirft, wird auch sofort klar, dass es zwar eine demokratische Verfassung ist – allerdings hat am Ende immer der höchste Rechtsgelehrte das letzte Wort.

Verfassungsänderung mangels breiter Unterstützung im Klerus

Erwähnenswert ist noch, dass es auch von vielen schiitischen Geistlichen Kritik daran gibt. Der Hauptpunkt ist, dass man sich als Klerus eher aus der Politik raushalten solle und dass Khomeini mit seinem System der valeyat-e faqih, welches das religiöse Mardscha-System politisch werden lässt, das Reich, das der letzte Imam bei seiner Wiederkehr gründen soll, vorwegnimmt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis es zur ersten Krise kam. Kurz bevor Khomeini starb, ordnete er eine Verfassungsänderung an. Zu dieser Zeit blieb nur ein Mardscha, der hinter valeyat-e faqih stand, übrig. Dieser war Montazeri. Sein Fehler war jedoch, dass er unter anderem Misswirtschaft, Egozentrik der Geistlichen und Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Iran kritisierte. Khomeini blieb nichts anderes übrig, als ihn als seinen Nachfolger auszuschließen.

Ali Chamene'i

Ali Chamene’i – Quelle: Wikipedia

Im schiitischen Islam gibt es vier verschiedene Stufen eines Gelehrten: einfacher Geistlicher (nach Ausbildung in einer religiösen Schule, einer Madrasa); Hodschatoleslam (wenn man erste Schüler um sich schart und sie lehrt); Ayatollah und schließlich Großayatollah (nur ein Großayatollah kann ein Mardscha sein. Dieser genießt großes Ansehen unter den anderen Geistlichen und wächst langsam in die Rolle des Großayatollahs hinein, wird also von niemand ernannt). Jeder Ayatollah oder Großayatollah zieht Steuern von seinen Anhängern ein, betreibt eigene religiöse Schulen, Waisenhäuser und Moscheen. Das macht ihn zu einer einflussreichen Person, die unabhängig vom Staat agieren kann. Der jetzige religiöse Führer des Iran, Ali Khamenei, war allerdings nur auf der Stufe des Hodschatoleslam. Mangels Alternativen wurde die iranische Verfassung 1989 also geändert. Von nun an konnte auch ein Mann wie Khamenei, der ohne das notwendige Prüfungsverfahren zum Ayatollah aufgewertet wurde (und damit auch nie die Unterstützung anderer hoher Geistlicher genoss), der höchste Rechtsgelehrte im Staat sein.

Und noch etwas ist bemerkenswert: die islamische Republik Iran existiert nur solange, bis der letzte Imam zurückkehrt und das Zepter in die Hand nimmt. Dann ist sie abrogiert. All das ist in der iranischen Verfassung festgehalten.

Diese kurze Übersicht hat das Ziel, dem interessierten Leser einen Einblick in die theologische Rechtfertigung der iranischen Verfassung zu geben. Wenn man den Iran verstehen möchte, ist es meiner Ansicht nach wichtig, auch seine Absicht – in diesem Fall das Reich Gottes auf Erden zu etablieren – zu verstehen. Der Artikel basiert auf folgenden Texten:

Buchta, Wilfried: Die islamische Republik Iran und die religiös-politische die Kontroverse um marja’iyat in Orient – Deutsche Zeitschrift für Politik und Wirtschaft des Orients, 36. Jahrgang Nr.3 (Hamburg: Deutsches Orient-Institut, September 1995)

Imam Khomeini Governance of the Jurist (Valeyat-e Faqeeh) (Tehran: The Institute for Compilation and Publication of Imam Khomeini’s Work)

Lampton, Ann K. S.: A Reconsideration of the Position of the Marja‘ Al-Taqlid and the Religious Institution in Studia Islamica, No.20 (1964), pp. 115-135

Moussavi, Ahmad Kazemi: The Establishment of the Position of Marja’iyyt-i Taqlid in the Twelver-Shi’i Community in Iranian Studies, Volume XVIII, No. 1 (Boston: Bosworth Printing Company 1985)

Said Saffari The Legitimation Of The Clergy’s Right To Rule In The Iranian Constitution Of 1979 in British Journal of Middle Eastern Studies, Vol. 20, No. 1 (1993), pp. 64-82

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