Huthi-Konflikt

1962 wurde das 1000-jährige zaiditische Imamat im Jemen gestürzt. Es hatte verpasst, das Land zu modernisieren und so lehnten sich große Teile des Volkes gegen den Imam auf, was schließlich in einem bis 1967 andauernden Bürgerkrieg mündete. Saudi-Arabien und Jordanien standen auf der Seite der Royalisten, die Republikaner wurden von Nassers Ägypten unterstützt. Danach gründete sich die Jemenitische Arabische Republik. Die Royalisten, speziell im Nordjemen ansässig, waren in erster Linie zaiditisch (die Zaiditen sind 5er-schiitisch, die im Gegensatz zu den 12er-Schiiten die ersten 2 Kalifen nicht verfluchen und als 5. Imam Zaid ibn Ali, nicht Muhammad al-Baqir, anerkennen).

Nach dem Bürgerkrieg wurden die Zaiditen von der Regierung gerne als rückwärtsgewandt angesehen, da man ihre Macht noch immer als eine Gefahr für den Staat ansah. In der Praxis bedeutete dies die ökonomische Vernachlässigung des Nordjemen, Diffamierung der Zaiditen seitens des Staates und staatliche Unterstützung für salafistische Elemente im Nordjemen, um ein Gegengewicht zu den Zaiditen zu schaffen. Unter den Zaiditen kam so der Eindruck auf, dass sie wegen ihres Glaubens vernachlässigt werden und ließ eine starke Gemeinschaft entstehen. Im jemenitischen Parlament wurde Hussein Badreddin al-Huthi Anfang der 90er eines der stärksten Sprachrohre der Zaiditen. Er fing an die Jugend, die sich vernachlässigt fühlte, zu organisieren. So entstanden gemeinsame Schulen im Norden, „Sommercamps“ und gemeinsame Freizeitaktivitäten, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Die Gruppe nannte sich Shabaab al-Mu’min, „Jugend der Gläubigen“, und hatte das Ziel, sich auf die zaiditische Lehre mitsamt ihrer Werte zurück zu besinnen.

9/11 als Wendepunkt

Paradoxerweise tolerierte die jemenitische Regierung diese Gruppe in den 90ern, um den Einfluss der Salafisten in Balance zu halten. Anfang 2000 kam es dann zu ersten Konflikten zwischen der Shabaab al-Mu’min und Salafisten, da man annahm, letztere würden von der jemenitischen Regierung unterstützt. Nach dem 11.09.2001 änderte sich die Situation dann nochmal gewaltig: die USA sahen die jemenitische Regierung als Unterstützer im Kampf gegen den globalen Terrorismus an und unterstützten diese finanziell und mit militärischen Ausbildern. Al-Huthi kritisierte das genauso wie die Kriege in Afghanistan und Irak. Er war einer der wenigen Stimmen und im Jemen wohl die stärkste, die sich gegen die bedingungslose Unterstützung der USA richteten. Nach den Freitagspredigten hielt er Reden, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten und infolgedessen große Teile der Shabaab al-Mu’min gegen die USA und Israel mit dem Slogan „Gott ist größer. Tod den USA. Tod Israels. Fluch über die Juden. Sieg des Islams“ in die Öffentlichkeit gingen. Heute ist der Slogan überall in Sana’a und im Nordjemen in Form von Aufklebern, Graffitis und Plakaten quasi omnipräsent.

Huthi-Logo

Mit solchen Slogans und immer größerer Beliebtheit wurde Al-Huthi mit seiner Jugendgruppe allmählich zur Gefahr für die Regierung. Diese fühlte sich dank der Unterstützung der USA stark und schrieb al-Huthi im März 2004 zur Verhaftung aus. Al-Huthi floh daraufhin in den Norden, wo er im September 2004 vom jemenitischen Militär aufgespürt und getötet wurde. Beide Daten spiegeln Zugleich Anfang und Ende der ersten von bisher 6 großen Phasen in dem Konflikt zwischen Staat und Huthis wieder. Die Huthis hatten 2004 noch circa 2.000 Kämpfer, mittlerweile schätzen Experten ihre Zahl auf bis zu 100.000. Erklärt werden kann das vor allem durch das rabiate Vorgehen seitens der Sicherheitskräfte, die auch keinen Stammeskodex befolgten und beispielsweise gleich mit dem Kampf anfingen, bevor sie Gespräche suchten. Besonders deutlich machte dies die „Operation verbrannte Erde“ in der sechsten Phase des Konflikts von August 2009 – Februar 2010. Damals hat die Armee versucht, die Huthis und ihre Unterstützer ausbluten zu lassen, was zu einer weiteren Unterstützerwelle für die Huthis geführt hat.

Erstarken der Huthis im arabischen Frühling

Während des Arabischen Frühlings 2011, wo auch die Huthis für Demokratie und den Rücktritt Salehs demonstrierten, nutzten sie das Machtvakuum im Nordjemen und eroberten weite Gebiete, entließen Gouverneure und richteten eigene Checkpoints ein. Infolgedessen kam es zu Kämpfen mit Stämmen, die hinter der Regierung standen und salafistischen Gruppen, die vor allem in der Ortschaft Dammaj sich in ihren Schulen – wie die Huthis behaupteten, von den Salafisten verneint – mit Waffen verschanzten und sich weigerten, ihre Waffen abzugeben. Die Huthi-Kämpfer sind allerdings bald wieder abgezogen, um ihren Willen, Frieden zu schaffen, zu untermauern. Als dann im  September 2012 der Film „Die Unschuld der Muslime“ (Muslim’s Innocence) veröffentlicht wurde und gewaltsame Proteste von Muslimen auf der ganzen Welt nach sich zog, konnten die Huthis auch das für sich nutzen. Sie organisierten riesige Demonstrationen im Nordjemen, aber auch in Sana’a. Quellen besagen, dass sie dadurch viele Waffen und Kämpfer nach Sana’a bringen konnten. In der jemenitischen Hauptstadt ist es auch vor allem durch Plakate, Graffitis und Demos sichtbar, dass die Huthis auf eine unglaublich breite Masse an Unterstützern bauen können.

Seit Anfang diesen Jahres sind Kämpfe zwischen den Salafisten im Norden, dem jemenitischen Ableger der Muslimbrüder (al-Islah Partei) und dem al-Ahmar Stamm (der stärkste in der al-Islah Partei) auf der einen und den Huthis auf der anderen Seite entbrannt. Die Salafisten mussten ihre Schule in Dammaj mittlerweile aufgeben, sie wurden von den Huthis verdrängt. Wie immer gab es oft kurze Waffenstillstände, die aber immer wieder gebrochen wurden – wobei sich beide Seiten gegenseitig des Bruches beschuldigten. Die Huthis haben außerdem geschafft den al-Ahmar Stamm zu verdrängen, haben weite Gebiete im Nordjemen unter ihrer Kontrolle und sind mittlerweile seit knapp 4 Monaten ein paar Kilometer vor Sana’a. Sie verneinen zwar jegliche Absicht, Sana’a einnehmen zu wollen, es ist in jedem Fall aber eine gefährliche Situation, die jeden Moment eskalieren könnte. Somit stellen sie eine Kraft da, die die alte politische Ordnung aufgebrochen hat und gezeigt hat, dass sie jegliche Entscheidung seitens der Regierung beeinflussen kann. Auch dadurch bekommen die Huthis sogar von sunnitischer Seite immer größeren Zulauf.

Anfang Juli nahmen die Huthis sogar Amran Stadt ein, die Hauptstadt der Provinz Amran direkt nördlich von Sana’a. Dort verdrängten sie die 310. Brigade der jemenitischen Armee. Deren Kommandeur Al-Qushaibi starb dabei, wobei die Huthis sagen, man habe ihn schon tot im Haus aufgefunden und ihn nicht – wie von Al-Qushaibis Anhängern unterstellt – getötet. Al-Qushaibi war dazu noch Mitglied der al-Islah Partei.

Fremde Mächte im Konflikt

Ob Iran nun wirklich seine Finger im Spiel hat, kann man nicht nachweisen. Die einzige äußere Macht, die bis jetzt nachweislich in die Kämpfe eingegriffen hat, ist Saudi-Arabien, das negative Auswirkungen eines schiitischen Aufstandes so nahe an seiner Grenze im eigenen Land fürchtet. Außerdem haben Huthi-Kämpfer 2009 auch saudische Grenzbeamte angegriffen. Iran soll die Huthis logistisch unterstützen und die Hisbollah soll sie ausbilden – was von diesen Seiten jedoch vehement bestritten wird. Die jemenitische Regierung hingegen behauptet das und hat angeblich schon öfter iranische Schiffe aufgehalten, die Waffen in den Nordjemen bringen sollten. Sowohl Iran als auch die Huthis weisen dies zurück, die Huthis mit dem Argument, dass es im Jemen schon genügend Waffen gäbe. Als relativ gesichert gilt jedoch nach Berichten der Jerusalem Post, dass Huthi-Kämpfer auch im syrischen Bürgerkrieg unter Führung der Hisbollah mitmischen. Weitere Kräfte sind Jordanien, Marokko und Pakistan, die jeweils Saudi-Arabien oder die jemenitische Regierung unterstützen.

Abzulesen lässt sich auf jeden Fall, dass der Konflikt mittlerweile eine größere internationale Dimension angenommen hat und er auch innerhalb des Jemens das Land schon sensibel destabilisiert. Zusammen mit Al-Qaida und Sezessionisten im Süden ist der Huthi-Konflikt eine große Gefahr für die Stabilität des Landes. Es gibt mittlerweile auch wieder Berichte, dass die Huthis in Aden im Südjemen eine Gegenkraft zu der Zentralregierung in Sana’a etablieren wollen. Zu diesem Zweck würden Berichte passen, dass sich die Huthis mal wieder mit den dortigen Sezessionisten treffen sollen und auch immer mehr Huthi-Kämpfer in Aden gesehen werden. Ob beide Gruppen den Jemen so zwischen sich in Nord und Süd aufteilen wollen, kann man allerdings nicht sagen. Eine Gefahr diesbezüglich besteht allerdings.

Ohne eine ernsthafte Eingliederung der Zaiditen in den Staat und mehr Geld für Entwicklung im Norden wird sich der Konflikt auf jeden Fall nicht lösen lassen. Viele Stämme unterstützen die Huthis beispielsweise vor allem aus pragmatischen Gründen: sie wollen die lukrativen Schmuggelrouten für Waffen und Qat nach Saudi-Arabien aufrecht erhalten. Mittlerweile ist er der drittgrößte Konflikt im arabischen Raum des letzten Jahrzehnts – an erster Stelle steht Irak, an zweiter mittlerweile Syrien. Für den Jemen gibt es keine gesicherten Zahlen, allerdings schätzt man die Zahl der Toten nach der Ende der sechsten Phase im Februar 2010 auf 25.000, dazu kommen 250.000 Binnenflüchtlinge im Jemen und 50.000 in Saudi-Arabien.

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