Allianz zwischen ISIS und Baathisten?

Die Welt wurde am 10. Juni mit der Einnahme Mossuls durch ISIS geschockt. Für viele kam diese Nachricht aus heiterem Himmel, auch wenn im Nachhinein die Stimmen lauter werden, die den Grund für diesen Erfolg in der sektiererischen Politik al-Malikis sehen. Nur so konnte überhaupt ein Nährboden für radikale Gruppen entstehen, hatten doch viele irakische Stämme den USA noch geholfen, al-Qaida zu bekämpfen. Wieso konnte also ISIS nun mit 800 Kämpfern Mossul einnehmen und 30.000 irakische Soldaten entweder vertreiben oder zum defektieren bewegen? Dieser Artikel befasst sich mit zwei großen bzw. einflussreichen Gruppen, die wohl gemeinsam mit ISIS gegen die Regierung Malikis kämpfen und deren Allianz schon am Zerbrechen ist.

So brachen am Wochenende um den 28.06.2014 östlich von Kirkuk, 140 km nördlich von Bagdad, Kämpfe aus. Jaisch Ridschal al-Tariq al-Naqschbandi (Armee der Männer des Weges der Naqschbandi), eine Gruppe, die wohl von Issat Ibrahim al-Duri, der ehemaligen rechten Hand Saddam Husseins, geführt wird, und ISIS fingen nach angeblich gemeinsamen Eroberungen an sich gegenseitig zu bekämpfen. Die Naqschbandi sind ein Sufi-Orden, die auf Baha-ud-Din Naqschbandi (1318 – 1389)zurückgehen und für ihr schweigendes Dhikr (Gedenken an Gott) bekannt sind. Es ist allerdings wichtig, den Orden nicht mit der Naqschbandi-Armee von Duri gleichzusetzen.

Al-Duri und Saddam Hussein

Al-Duri 1942 in Daur in der Nähe von Tiflis und somit ganz in der Nähe von Saddam Hussein geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, schlug sich anfangs als Eisverkäufer durch, aber entdeckte sehr schnell die gewalttätige revolutionäre Politik für sich. So schloss er sich der Baath-Partei an und arbeitete als Informant für sie, wodurch sich sein Weg mit dem Saddams kreuzte. Der sieben Jahre ältere Saddam fungierte als sein Mentor. 1963 saßen beide kurz im Gefängnis ein, wonach Hussein für fünf Jahre ins Exil ging. In dieser Zeit war al-Duri seine Augen und Ohren im Irak. 1968 kam die Baath-Partei schließlich an die Macht und beide, Duri und Hussein, blieben unzertrennliche und loyale Partner. Duri wurde für seine Loyalität mit dem Vizeposten des revolutionären irakischen Kommandorates belohnt, ein Organ, das nur der Baath-Partei Rechenschaft schuldig war und das oberste exekutive und legislative Staatsorgan war.

General Al-Douri

General Al-Douri – Quelle: Wikipedia

Auch wenn al-Duri immer loyal zu Saddam stand, unterhielt er sich ein eigenes Netzwerk namens „Männer der Naqschbandi“. Michael Knights vom Washington Institute vergleicht dieses Netzwerk mit dem der Freimaurer, da seiner Ansicht nach viele Iraker diese Bewegung als eine politische und wirtschaftliche Organisation sahen und sehen, die ihnen helfen sollte, ihren gemeinsamen Interessen nachzugehen. Duri wurde schnell zu einem Naqschbandi-Scheich angehoben und so wurde seine spirituelle Abstammung direkt auf den Propheten Muhammad zurückgeführt. Ab den 1980ern integrierte er mehr und mehr militärische Familien in sein Netzwerk. Bis zum Tod Saddam Husseins am 30.12.2006 agierte dieses Netzwerk im Schatten, doch nach dem Tod Saddams rief Duri die Naqschbandi-Armee aus. Heute ist diese vor allem in Mosul und der Provinz Ninive stark vertreten, aber ihr Einfluss reicht auch in andere Provinzen wie Salah-al-Din.

Die Armee besteht aus hohen Mitgliedern der ehemaligen republikanischen Garde, die immer noch loyal zu Duri sind. Sie errichteten Militärcamps und hatten eine sehr gute militärische Organisation. Man konnte also schon früh annehmen, dass die meisten Mitglieder größere Ziele hatten. Diese Gruppe hatte am wenigsten Verbindung zum Terrorismus, da sie von Sunniten und sogar von vielen Polizisten als legitime Rebellen angesehen wurden. Falls es doch mal Probleme mit der Bevölkerung gab, beauftragte sie wohl am liebsten al-Qaida mit einer großen Attacke – meist Autobomben.

Duri begab sich stets bedeckt, da 10 Millionen US-Dollar auf seinen Kopf ausgeschrieben waren. Viele Gerüchte verbreiteten sich daraufhin. Spekuliert wurde sowohl über seinen Gesundheitszustand (bis hin zum angeblichen Tod) als auch über seinen Aufenthaltsort. Trotzdem schaffte er es, Briefe an Bush oder Obama zu schreiben, ein Interview mit dem Time zu führen und zuletzt im Januar 2013 von sich Reden zu machen. In seiner letzten Botschaft an die Öffentlichkeit rief er zum Kampf gegen die Regierung in Bagdad auf. Im Time-Magazin vom 24.07.2006 sagte Duri, dass 95% der Attacken gegen die US-Armee im Irak von Kämpfern loyal zur Baath-Partei begangen werden. Die US-Regierung hätte dies stets wissentlich verschwiegen. Angeblich floh er nach der US-Invasion nach Syrien und versuchte mit Unterstützung des syrischen Geheimdienstes die Baath-Partei im Irak wiederherzustellen.

Naqschbandi-Armee nur für den Irak?

Die Naqschbandi-Armee bekräftigte immer wieder, dass sie den Irak nicht aufspalten, sondern ihn – genau wie seine arabische und islamische Identität – erhalten will. Trotzdem bekämpft sie prinzipiell keine jihadistischen Bewegungen sondern kooperiert sogar mit ihnen, falls sie dieselbe Agenda hatten. Fremden steht sie vor allem wegen der Erfahrung durch die US-Besatzung sehr skeptisch bis feindlich gegenüber. Iraker sollen allerdings nicht das Ziel von Attacken sein, solange sie nicht mit Besatzern kollaborieren.

Ein US-Terrorbericht von 2011 beschrieb die Beziehung zwischen der Naqschbandi-Armee und Al-Qaida im Irak. Er kam zu dem Schluss, dass die Naqschbandi-Armee Al-Qaida bei der Finanzierung von strategischen Attacken hilft. So werde die sie Feinde los und Al-Qaida im Irak könne Verantwortung für Terrorattacken übernehmen. Ob das allerdings der Wahrheit entspricht kann hier nicht mit Sicherheit gesagt werden. Eine Kooperation ist wie oben beschrieben allerdings nicht ganz unwahrscheinlich.

Logo der Jaisch Ridschal al-Tariq al-Naqschbandi

Logo der Jaisch Ridschal al-Tariq al-Naqschbandia – Quelle: Wikipedia

Mit dem arabischen Frühling und dem Abzug der USA bekam Duri die Chance, von der er träumte: eine Rückkehr der Baath-Partei an die Macht. Im März 2013 wurde ein Protestcamp in Hawija der Naqschbandi-Armee gewaltsam von schiitischen Soldaten geräumt. 53 Sunniten starben. Eine lokal konzentrierte Auflehnung gegen die schiitisch dominierte Regierung war die Folge. Auch ISIS konnte im Juni nur so schnelle Eroberung verbuchen, weil er Unterstützung von sogenannten „Neo-Baathisten“ bekam. Für die letzteren war es die Entfesselung ihres eigenen Aufstandes im Nordirak. ISIS wird somit nur als kurzes notwendiges Mittel angesehen. Schon zuvor bekämpften sich beide Gruppen. Muzhir al-Qaisi, ein Sprecher der Naqschbandi-Armee, beschrieb ISIS vor kurzem als eine Gruppe von Barbaren. Außerdem sei ISIS viel zu schwach, um so ein Territorium zu kontrollieren. Konflikte sind bei beiden Gruppen vorprogrammiert, da die Naqschbandi-Armee keine Fremden mag und die Interpretation des Islams durch ISIS als viel zu radikal ansieht.

Gegen iranischen Einfluss

Trotzdem scheint es so, als hätte die Naqschbandi-Armee mit ISIS zusammengearbeitet. Darauf lassen mehrere Berichte schließen, u.a. einer der New York Times. Beide Gruppen vereint, dass sie eine Herrschaft der Sunniten wiederherstellen und die Regierung von Nuri al-Maliki – und damit den iranischen Einfluss im Irak – verdrängen wollen. Wie der Twitter-Account @wikibaghdady (bekannt als „ISIS Leaks“) vor kurzem berichtete, haben sich Mitglieder der Naqschbandi-Armee und ISIS vor zwei Wochen getroffen, um ein gemeinsames Vorgehen gegen Maliki zu besprechen.

Außerdem tauchten Berichte auf, dass kurz nach der Einnahme Mossuls Plakate von Saddam Hussein aufgehängt wurden und ISIS befohlen habe, diese innerhalb von 24 Stunden sofort abzuhängen. Desweiteren dankte Saddams Tochter Raghad aus ihrem jordanischen Exil ihrem „Onkel Issat“ al-Duri für die Siege und hofft auf eine baldige Rückkehr ihrerseits in den Irak. Zu guter Letzt würde der Einfluss Duris das schnelle Überlaufen von Teilen der irakischen Armee bzw. deren Aufgabe erklären.

Was Duris Armee noch einflussreicher machen könnte, sind ihre Botschaften. So leibten sich die Baathisten Sufi-Elemente ein, inklusive der Verehrung von schiitischen Grabmälern im Südirak (z.B. die von Ali Abu Talib und al-Hussein). Der Kampf gelte also nicht den Schiiten im eigenen Land, sondern iranischem Einfluss. In jedem Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine angebliche Allianz von ISIS und der Naqschbandi-Armee lange bestehen könnte. Vor allem die radikalen Ansichten von ISIS sprechen dagegen.

Selbstverteidigung gegen Sicherheitskräfte

Eine andere starke Gruppe, vielleicht sogar die stärkste, ist die generelle Militärversammlung für irakische Revolutionäre. Sie ist neben der Naqschbandi-Armee und ISIS die wohl stärkste Kraft, die für den Kampf gegen al-Malikis Regierung im Irak mit verantwortlich ist. Obwohl sie seit Sommer 2013 existiert, hat sie erst im Januar 2014 offiziell ihre Existenz proklamiert. Als Grund für die Gründung wurde die Verteidigung von Demonstranten, vor allem sunnitische, die in der Provinz Anbar von schiitischen Sicherheitskräften beschossen wurden, angegeben. Die Militärversammlung besteht in erster Linie aus verschiedenen arabischen Stämmen. Nach eigenen Angaben leiten ehemalige Offiziere der irakischen Armee die 75.000 Mann starke Truppe. Die meisten Anhänger hat sie wohl in den Provinzen Anbar, Salah-al-Din und Ninive. Daneben gibt es noch andere ihr untergeordnete Gruppen in den Provinzen Ta’mim, Bagdad, Diyala, Karbala, Dhi Qar und Maisan.

Die generelle Militärversammlung gibt sich wie die Naqschbandi-Armee als nationalistisch und konfessionsübergreifend. Ein Dorn im Auge ist ihr die Einmischung der iranischen Revolutionsgarden in den Irak, die vor allem über die beiden schiitischen Gruppen Asa’ib Ahl al-Haq und Kata’ib Hizbollah großen Einfluss in die irakischen Sicherheitskräfte haben. Die Militärversammlung gibt sich deswegen als anti-Maliki und anti-Iran. Sie versuchen auch schiitische Stämme in den Provinzen Basra, Dhi Qar und Maisan, die angeblich genauso desillusioniert von Malikis Regierung wie die Unterstützer der Militärversammlung seien, für ihre Sache zu gewinnen.

Ihr erklärtes Ziel ist es, die „iranische Puppe Maliki“ aus Bagdad zu entfernen. Mitglieder sagen, dass die Militärversammlung eng mit der Naqschbandi-Armee kooperiert, um ihr Ziel zu erreichen. Viele Baathisten und einige Mitglieder der Naqschbandi-Armee seien in hohen Führungspositionen, allerdings nicht ausschließlich Baathisten. Daneben hat sie wohl noch gute Kontakte zur sozial-politischen Bewegung Hay’at al-Ulama al-Muslimin (Vereinigung muslimischer Wissenschaftler).

„Wir können ISIS jederzeit aus dem Land werfen“

Eine kontroverse Beziehung ist die mit ISIS. Angeblich habe die Versammlung explizit Baathisten mit ins Boot geholt, die nun in Absprache mit und Einwilligung von ISIS und lokalen Stämmen die eroberten Provinzen verwalten. Auch aus der Militärversammlung kommen Stimmen, die sagen, dass ISIS viel zu klein sei und ohne Hilfe niemals eine Provinz oder so eine große Stadt wie Mosul hätte einnehmen können. Eine unbenannte Quelle sagte der BBC vor kurzem, dass man ISIS so gut es ging vermeiden und sobald man ihn nicht mehr brauche aus dem Land werfen werde. Warum man trotzdem mit ISIS kollaboriert wird durch unterschiedliche Berichte deutlich. So sagen Einwohner von Mosul, dass sie sich jetzt, da sowohl die USA als auch die irakische Armee weg seien, zum ersten Mal richtig frei fühlen. Es geht also um größeren Einfluss, mehr Macht und vielleicht auch darum, sich – wie Assad in Syrien – als Alternative zu ISIS darzustellen.

In jüngster Vergangenheit wurden im Irak offensichtlich schwerwiegende Fehler begangen. Ein Großteil der Sunniten spricht sich derzeit dennoch für eine friedliche Lösung aus. So auch vor allem die oben genannte generelle Militärversammlung. Problematisch könnte allerdings werden, dass große Teile der militanten sunnitischen Gruppen gemeinsame Sache mit ISIS gemacht haben und somit Schiiten an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln könnten. Auch scheint es nicht so, als würden sich Gruppen, die gegen al-Maliki stehen, mit einer Lösung zufrieden geben, die ihn noch an der Macht sieht. Angeblich kämpfen 41 verschiedene Gruppen gegen Malikis Regierung und sowohl ISIS, die Naqschbandi-Armee als auch die Militärversammlung sind nur ein Teil davon. Laut Knights stellen vor allem Duri und seine Naqschbandi-Armee aufgrund der Uneinigkeit im Irak wohl die einzige Kraft dar, die ISIS langfristig wieder verdrängen könnte.

Friede wird sicherlich nur schwer wiederherzustellen sein. Wenn man dieses Ziel allerdings verfolgt, sollte man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und alle Gruppen in einen geordneten Übergangsprozess mit einbeziehen. So lassen sich Terrorgruppen wie ISIS effektiv bekämpfen. Wenn sich keine Konfession oder Ethnien mehr benachteiligt fühlt, finden radikale Gruppen im Irak nur sehr schwer einen Nährboden. Ein Eingreifen von außen zu Gunsten einer bestimmten Partei würde solchen Gruppen allerdings wieder in die Karten spielen.

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