Die Wurzeln der IS-Polemik gegen Schiiten

Schiiten konstituieren für die IS-Organisation den Hauptfeind. Offen werden sie zu Ungläubigen, die man bekämpfen müsse, erklärt. Sie kollaborierten mit dem Feind und wollen die Muslime von innen heraus verraten. Nur wenn der Islam besiegt sei, wären die Schiiten glücklich (Dabiq 13, S.42). Eine Person, die die Ideologie und die Propaganda der IS-Organisation heute am meisten unterfüttert ist der Bahraini Turki al-Binali. In diesem Artikel möchte ich deshalb seine Verbindungen zu anderen Gelehrten, die anti-schiitisch waren, aufzeigen und ein Radio-Interview auswerten, das Binali gab, bevor er nach Syrien reiste.

Turki al-Binalis Querverbindungen

Der 1984 geborene Turki al-Binali studierte nach Ausweisungen aus diversen Ländern aufgrund seiner radikalen Ansichten u.a. beim saudischen Gelehrten Abdallah ibn Dschibrin. Von ihm erhielt er diverse Idschazat.

Abdallah ibn Dschibrin war seiner Zeit Mitglied im Saudi Council of Higher Ulama, dementsprechend ein respektierter und einflussreicher saudischer Gelehrter. Am 30. September 1991 veröffentlichte er eine Fatwa, in der er Schiiten als Rafida bezeichnete und sie zu Ungläubigen erklärte. Weiter schrieb er, dass das Töten von Schiiten keine Sünde darstelle (Fandy, S.206). Im Zuge seines Lebens publizierte ibn Dschibrin jedoch mehrere Fatawa gegen Schiiten. In einer führt er an, dass sie aus vier Gründen Ungläubige seien: 1) sie fechten den Koran an, 2) sie fechten die Sunna und die authentischen aḥādīṯ an, 3) sie würden takfīr auf die Sunniten anwenden (sie als Ungläubige bezeichnen), 4) sie übertreiben die Rolle ʿAlīs und seiner Nachkommen.

Weiter schrieb ibn Dschibrin, dass es ‚Muslimen‘ verboten sei, ihr Schlachtvieh zu essen oder sich mit ihnen zu mischen – dies bedeutet auch das Verbot für eine Hochzeit zwischen Sunniten und Schiiten. Letzteren sei es zudem verboten in Moscheen von Muslimen (masāǧid al-muslimīn) zu beten. Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass die schiitische Gräberverehrung unislamisch sei. Ibn Dschibrin hegte offensichtlich eine tiefe Abneigung gegen Schiiten.

Deso Dog Binali

Denis Cuspert mit Turki al-Binali. Quelle: Twitter

Abu Muhammad al-Maqdisi war noch vor ibn Dschibrin der einflussreichste Gelehrte, bei dem Binali studierte. Bevor es zum Bruch zwischen beiden kam (Maqdisi sieht das von der IS-Organisation ausgerufene Kalifat als illegitim an), veröffentlichte Binali unter dem Pseudonym Abu Hummam Bakr bin Abd al-Aziz al-Athari seine erste Fatwa gegen Schiiten auf der Maqdisis Website. Die Frage, die hier an ihn gestellt wird, ist, ob es erlaubt ist, alle Schiiten zu Ungläubigen zu erklären bzw. was denn das richtige Vorgehen im Detail sei. Binali verweist in dieser Sache kurz auf Maqdisi, der schrieb, dass nicht jeder Schiite das ist, was man heute als Schia bezeichnet, sondern der Begriff sich lediglich auf die 12er-Schiiten bezieht. Laut Maqdisi gebe es keinen Zweifel, dass so jemand ein Ungläubiger sei. Die Vorwürfe sind: die Verfälschung des Korans, der Glaube an die Verborgenheit des zwölften Imams und der Glaube an seine Rückkehr oder der schiitische Brauch, den Großteil der Prophetengenossen zu Ungläubigen zu erklären.

Binalis Radio-Interview in Sirte

Ein vom „Radio des Monotheismus“ (iḏārat at-tauḥīd) aufgenommenes Interview von 2013 in der libyischen Stadt Sirte ist die erste mir bekannte detallierte Darlegung Binalis von seiner Polemik gegen Schiiten. Inhaltlich geht es vor allem um die Geschichte der 12er-Schiiten, die teils jedoch sehr einseitig bis negativ dargestellt wird.

Binali führt an, dass die Schiiten anfangs lediglich Unterstützer von Muhammads Cousin und Schwiegersohn Ali waren. Langsam seien sie jedoch unter den Einfluss des Teufels geraten und hätten die erste bid’a (unerlaubte Erneuerung) begangen, als sie Ali statt Uthman als rechtmäßigen Kalifen ansahen. Damit würden sie an den Worten des Propheten Muhammads zweifeln, der laut at-Tirmidi und al-Buchari in einem Hadith gesagt hat, dass ihm erst Abu Bakr, Umar und Uthman als Anführer der Muslime folgen. Als die Schiiten diese drei Kalifen zu Ungläubigen erklärt haben, hätten sie den Islam abgelehnt.

Heute hätten sich die 12er-Schiiten zusammen mit den Druzen und Alawiten zusammengeschlossen, um einen Krieg gegen die Sunniten zu führen. Schon ibn Taimiya habe demnach richtig geurteilt, als er diese Parteien als schlimmer als Christen und Juden einstufte. Binali selbst führt dieses Argument weiter und sagt, dass Christen und Juden zumindest an einen Gott glaubten.

Aktuelle politische Verhältnisse und Geschichte im reziproken Verhältnis

Während des gesamten Interviews greift Binali neben rechtlichen in erster Linie politische Aspekte auf. In diesem Post wurden Letztere sehr kurz zusammengefasst. Auffällig ist jedoch, dass Binali stets den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart spannt und damit zu zeigen versucht, dass die Schiiten schon immer gegen ‚den Islam‘ waren und ihn bekämpften. Geschichte ist in diesem Sinne also ein nicht enden wollender Zyklus und es sei nun an der IS-Organisation diesen Teufelskreis zu brechen – die Schiiten also zu töten.

Weitere Quellen:
Fandy, Mamoun: Saudi Arabia and the Politics of Dissent (London: MacMillan Press LTD, 1999).

Der vergessene Krieg im Jemen

Am Rande der arabischen Welt tobt ein vergessener Konflikt. Trotz diversen Scheltens seitens der UN bombardiert die internationale Koalition unter saudischer Führung weiter Ziele im Jemen, sind Söldner aus Kolumbien und El Salvador im Einsatz, erstarkt der IS und al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) und sind laut UN 83% der Bevölkerung akut hilfsbedürftig – in Syrien sind es Schätzungen zufolge um die 60%.

Jemen

Die Altstadt in Sana nach einem saudischen Luftangriff. Quelle: Twitter.

Sunniten, Schiiten, Zaiditen

Oft wird der Krieg als eines der vielen Schlachtfelder im sunnitisch-schiitischen Konflikt bezeichnet. Um sich der Bedeutung dieser Bezeichnung zu vergegenwärtigen, lohnt es sich, einen kurzen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen.
Nach dem Tod Muhammads 632 herrschte Uneinigkeit über die legitime Führung über die von ihm hinterlassene Gemeinschaft und des Reiches. Es folgten Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali. Letzterer brachte mit Muhammads Tochter Fatima die einzigen Nachfahren aus der Linie des Propheten hervor und hatte Unterstützer, die nur ihn und seine Nachkommen als legitime Herrscher ansahen – die Schiat Ali (Partei Alis). Daraus entwickelten sich die Schiiten, die keineswegs eine homogene Gruppe bilden.
In der fünften Generation nach Muhammad starb Zaid ibn Ali, einer seiner Nachfahren, 740 bei einem Aufstand in Kufa. Auf ihn berufen sich die Zaiditen (auch 5er-Schiiten), andere schiitische Gruppen kennen ihn nicht als legitimen Herrscher seiner Generation an. Eine Besonderheit von Zaiditen ist es, dass sie die beiden ersten Kalifen, Abu Bakr und Umar, nicht verfluchen und sie der Ansicht sind, dass in jeder Generation der Stärkste sich mit dem Schwert in der Hand als Anführer der Muslime hervortun muss. Dies sind insbesondere zu den Imamiten (12er-Schiiten), die im Iran, im Irak, im Libanon, in Saudi-Arabien, Bahrain und Kuwait zahlreich sind, auffällige Unterschiede.

Zaiditen im Jemen

896 wurde in der nordjemenitischen Stadt Sada das erste zaiditische Fürstentum gegründet, welches sich in der Geschichte oft über den ganzen Jemen erstreckte. Es wird häufig als 1000-jähriges Reich bezeichnet, da es bis 1962 in verschiedenen Formen Bestand hatte. Allerdings wurde die Modernisierung des Landes verschlafen und es kam zu einem Bürgerkrieg im Nordjemen, in wessen Folge Saudi-Arabien die Royalisten (die Unterstützer des zaiditischen Fürstentums) und u.a. Ägypten die Republikaner unterstütze.
Die Royalisten mussten sich geschlagen geben und der Nordjemen erlebte eine Periode des Chaos, während der Südjemen seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte. Der Süden richtete sich daraufhin stärker an der Sowjetunion aus. Die unsicheren Zeiten im Norden konnten erst von Ali Abdullah Salih, der 1978 an die Macht kam, beseitigt werden.

Der Jemen unter Salih

Nach insgesamt drei Kriegen zwischen dem Norden und dem Süden, davon zwei unter Salih, wurde der Jemen schlussendlich vereint. Der Süden versuchte 1994 nochmal durch eine blutige Auseinandersetzung sich vom Norden zu lösen, Salih behielt jedoch die Oberhand. Aufgrund der geopolitisch wichtigen Lage und den Hafen in Aden, war der südliche Teil des Landes stets liberaler. Dazu hat auch die langjährige sozialistische Regierung durch die Förderung von Bildung beigetragen. Öl führte neben dem Handelsknotenpunkt Aden lange zu relativem Wohlstand. Salih hingegen beutete den Süden so gut es ging aus und lies die Infrastruktur verkommen. Es kam zwar bis heute zu keinem offenen Krieg mehr, Unzufriedenheit, Demonstrationen und vereinzelte Kämpfe waren aber an der Tagesordnung.
Salih, selbst Zaidite, lies auch den Norden verkommen, da er fürchtete, zaiditische Gruppen könnten wieder an der Errichtung eines Fürstentums arbeiten. Dazu förderte er mit Hilfe Saudi-Arabiens Salafismus, eine extrem anti-schiitische Ausprägung des Islams, inmitten des zaiditischen Herzlandes.

Salih

Ali Abdullah Salih. Quelle: WikimediaCommons

Im Norden war man aufgrund der ökonomischen Vernachlässigung auf Schmuggel von Drogen und Menschen nach Saudi-Arabien angewiesen. Die Saudis hingegen verstärkten ihre Grenzkontrollen und versuchten dies zu unterbinden. Durch die parallele Förderung von Salafismus wurde Riad somit zum Symbol der Misere im Norden.
Noch in einem frühen Stadium des Konflikts begann deshalb die zaiditische Huthi-Familie mit der Organisation von Jugendcamps, politischer Partizipation und allgemein mit der Wiederbelebung einer zaiditischen Identität. Salih wurden sie allmählich zu mächtig und er erklärte ihre Aktivitäten als illegal, setzte eine Belohnung auf Hussein al-Huthi aus. 2004 kam es dann zu einem ersten von insgesamt sechs bewaffneten Konflikten zwischen der jemenitischen Regierung und den Huthis, wobei Hussein al-Huthi im September 2004 getötet wurde.

Der arabische Frühling im Jemen

2011 kam es dann auch zu Proteste im Jemen, in wessen Folge die Huthis auch nach Sana kamen und sich den Demonstranten anschlossen. Dies hatte die ersten großen Kontakte zwischen den Huthis und anderen politischen Parteien im Land zur Folge. Salih musste 2012 abtreten und sich aus der Politik heraushalten, im Gegenzug gewährte man ihm eine Amnestie. Sein Nachfolger wurde der bisherige Vize Abd Rabihi Mansur Hadi. Teile der jemenitischen Streitkräfte und die Republikanische Garde waren weiterhin Salih treu.
Es kam zu einem nationalen Dialog mit allen Parteien. Die Huthis fühlten sich von Beginn an vor allem auf das Betreiben der Islah-Partei, dem jemenitischen Ableger der Muslimbrüder und bis 2013 von Riad unterstützt, vom Dialog ausgegrenzt. Während sich die ökonomische Lage im Jemen nicht verbesserte und Korruption grassierte, hatten die Huthis de facto die Provinzen nördlich von Sana unter ihrer Kontrolle oder zumindest unter ihrem Einfluss.

Das Erstarken der Huthis

Die Salafisten wurden 2013 belagert und vertrieben, weil man ihnen vorwarf, Waffen zu horten. Einige gingen in ihre Heimatländer wie Indonesien zurück, einige gingen in andere Teile des Jemen und verbreiteten ihre Ideologie. Parallel wurden Hadi-treue Streitkräfte nach und nach aus dem Norden vertrieben.

Abd al Malik al Huthi

Abd al-Malik al-Huthi. Quelle: WikimediaCommons

Im Sommer 2014 kam es dann zu größeren Demonstrationen in Sana für und gegen die Huthis. Sie selbst sahen sich als Retter der Jemeniten, die als einzige die Korruption und Ungerechtigkeit beseitigen können würden. Tatsächlich werden die Huthis bis heute auch von sunnitischen Stämmen unterstützt, teils gibt es auch zaiditische Opposition.
Die Huthis erstarkten immer weiter und Hadi musste im Januar 2015 nach Riad fliehen, wo er bei den Saudis für ein Eingreifen im Jemen zu Gunsten seiner Regierung warb. Währenddessen hatten die Huthis fast den ganzen Jemen unter ihrer Kontrolle und machten auch durch die Verfolgung politischer Gegner von sich Reden. Die Skepsis der Jemeniten stieg und einflussreiche Stämme und Gruppen griffen zu den Waffen.

Der Eingriff Saudi-Arabiens

In diesem Kontext griff Saudi-Arabien in den Krieg ein. Im März 2015, ein paar Tage bevor ein wichtiges Ultimatum in den Atomverhandlungen zwischen dem Westen und Irans auslief, begann Riad mit der Bombardierung. Iran unterstützt die Huthis, übt jedoch keine Kontrolle über sie aus. Saudi-Arabien möchte dennoch keine pro-iranische Regierung im eigenen Hinterland wissen und erachtet den Einfluss selbst als größer.
Der Krieg hat sich weiter internationalisiert und sogar der IS-Organisation ein Standbein im Land ermöglicht. Heute ist keine Seite dem Sieg nahe und jeder werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die saudische Koalition setzt mittlerweile Söldner vor allem aus Kolumbien, aber auch aus El Salvador und Nicaragua ein.
Kein Land ist bereit auf der Seite Saudi-Arabiens seine Soldaten in den Kampf zu schicken. Die Saudis selbst schrecken ebenfalls davor zurück. Auf der anderen Seite fehlt den Huthis die breite Unterstützung im Land.

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Demonstrationen der Huthis in Sana. Quelle: Twitter.

Am Osterwochenende 2016 gab es in Sana große Proteste gegen Saudi-Arabien in Erinnerung an den Start der Bombenangriffe ein Jahr zuvor. Derweil wurde bekanntgegeben, dass ab dem 10. April ein Waffenstillstand gilt und ab dem 18. April Verhandlungen in Riad stattfinden werden. Als Zeichen des guten Willens wurden bereits Gefangene ausgetauscht. Ein Hoffnungsschimmer für einen vergessenen Konflikt.

 

Syriens Kriegsökonomie IV – Entführung und Erpressung

Mitte Januar entführte der IS 400 Menschen in der Stadt Deir ez-Zour, nachdem man Asads Armee aus einem Stadtteil verdrängen konnte. Zuvor wurde schon oft über Entführungen, wie die von 253 assyrischen Christen im Februar 2015 und von 200 im August 2015, berichtet. In Deir ez-Zour wurden 270 zeitnah wieder freigelassen, der Rest wird verhört und – falls Verbindungen zu Asad bestehen – mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet. Auch von den Christen ist ein großer Teil mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Dies zeigt einerseits, dass politische Motive eine Rolle spielen, andererseits aber auch finanzielle Aspekte. Im Mai 2015 forderte die Gruppierung bspw. 23 Millionen $ für die Freilassung der im Februar entführten Christen. Ob zu irgendeinem Zeitpunkt Lösegeld geflossen ist, kann nicht bestätigt werden. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, da in Syrien längst alle Seiten zu Entführungen und Erpressungen greifen.

Aleppo 2012

Reuters beschrieb schon im Oktober 2012, drei Monate nachdem der Kampf um Aleppo begonnen hatte, wie sich die Situation in der Stadt darstellt. Demnach wurden sowohl große als auch kleine Geschäftsmänner Opfer von Entführungen und Erpressungen. Viele von ihnen sehen die Wurzeln für diese Übergriffe in der ökonomischen Situation vieler Syrer. Arme Dorfbewohner hegten Neid auf reiche Städter.

Dabei spielte es keine Rolle, auf wessen Seite man stand. Kriminelle Gruppen aus der Opposition und aus dem Lager des Regimes versuchten Geschäftsleute dazu zu drängen, ihnen Waffen zu kaufen; Shabiha-Milizen (pro-Asad) wollten ihren „Lohn“ eintreiben; vor allem oppositionsnahe Kräfte entführten Geschäftsleute; Schutzgeld im Rahmen von teils 4000-5000$ pro Monat musste bezahlt werden; zuletzt wurde auch Gewalt gegen politisch positionierte Geschäftsleute angewandt – wobei keine Seite vor der anderen sicher war. Wer konnte, versuchte in diesem Klima zu fliehen. Obwohl der Großteil auf Seiten Asads stand, wurde es schon vor 3 ½ Jahren zu gefährlich.

Im selben Jahr warnten liberale Aktivisten vor radikalen Gruppen, was vor allem die Entführung von James Foley im August 2012 in Aleppo unterstrich. Syrer versuchten ihn zu finden, allerdings wurde er von einer Gruppe zur anderen gereicht, bis er schließlich beim IS landete, welcher ihn enthauptete. Syrer, die bspw. gegen die Nusra-Front (der syrische al-Qaida-Ableger) oder den IS demonstrierten, riskierten dabei ihr Leben. Oft wurden – und werden – Aktivisten entführt, gefoltert und teils umgebracht. Entführungen dienten neben der finanziellen Erpressung schon früh auch der Einschüchterung.

Kriminelle und oppositionelle Gruppen

Wie in Aleppo waren es auch oft einfach kriminelle Gruppen, die Syrer entführten. Die Entführer gaben sich als Kämpfer aus, am liebsten als Soldaten der Freien Syrischen Armee (FSA), und baten die Opfer auf eine Dienststelle mitzukommen. Dies war häufig der Beginn eines Martyriums, welches erst endete, als Lösegeld bezahlt wurde.

Die Probleme dabei liegen im Machtvakuum, das entstand. Nicht immer gelang es Rebellen für Sicherheit in Gebieten zu sorgen, die zuvor von Asad erobert wurden. Auf der anderen Seite war dies auch nicht immer gewollt, um aus der Bevölkerung Geld zu pressen.

Diese Entwicklungen, gepaart mit einer vermehrten Gewaltanwendung seitens der Opposition gegen Gefangene Soldaten, brachte Unterstützer der syrischen Rebellen schon 2013 in Erklärungsnot. Sogar die UN beklagte im selben Jahr, dass ihr Personal immer häufiger Opfer von Entführungsversuchen wird und die Sicherheitslage sich im ganzen Land rapide verschlechtert.

Regimetreue Kräfte

Dafür ist auch Asad verantwortlich. Je länger der Konflikt dauerte, desto mehr zielten seine Attacken auf Menschengruppen ab, die Oppositionellen halfen. Dazu gehören laut Lama Fakih von Human Rights Watch Ärzte oder Entführung und Ermordung von Familien, deren Väter im Lager der Rebellen mitkämpfen. Wer in Gefängnissen landet, darf keine gute Behandlung erwarten: die Aufenthalte dort sind gekennzeichnet von schwerer Folter, Mangel an Nahrungsmittel und an Hygiene.

Laut dem ehemaligen syrischen Militärfotograf „Caesar“ wandelte sich dieser Aspekt gar in eine Tötungsmaschine. Er schmuggelte zwischen 2011 und 2013 Tausende Bilder auf USB-Sticks aus Syrien heraus. Auch er bestätigt, dass es anfangs vor allem individuelle Gegner Asads traf. Mit der Zeit wurden Gefangene aber gefoltert, um zu sterben. Seine Bilder beweisen laut Experten die systematische Tötung von mindestens 11.000 Gefangenen.

Aufgrund der ökonomischen Situation in Syrien profitieren aber auch einfache Soldaten von Entführungen. Die berühmt-berüchtigten Shabiha-Milizen, die mittlerweile formell der Armee angehören, ziehen an Check-Points Leute aus dem Verkehr, die dann in Gefängnisse oder andere Behörden weitergegeben werden. Jeder, der in dieser Kette arbeitet, schneidet sich ein Stück vom Kuchen ab, indem man sich Informationen über den Aufenthalt oder die Vorwürfe gegen die Entführten bezahlen lässt. Asad gibt laut der Heinrich-Böll-Stiftung seinen Sicherheitskräften demnach freie Hand. Viele Soldaten wären demnach zwar nicht von Asad überzeugt, jedoch hängt ihr finanzielles Überleben von ihm ab. So baut er Loyalität auf.

Ein Anwalt beschreibt im Artikel der Heinrich-Böll-Stiftung das Procedere: anfangs verschwindet das Opfer für ein paar Tage, bevor man nach Handynummern von Familien-Mitgliedern gefragt wird. Diese werden kontaktiert und um Lösegeld gebeten. Wenn diese finanziell ausgebeutet sind, übergeben die Shabiha-Milizen die Opfer an den Geheimdienst. Viele Syrer zahlen, weil sie um das Leben ihrer Familienmitglieder fürchten. Wer erst einmal beim Geheimdienst ist hat wenige Chancen, wieder lebend herauszukommen. Man zahlt dann lediglich für die Gewissheit, dass die Angehörigen nicht zu Tode gefoltert werden.

Teilfinanzierung des IS

Nicht zuletzt die schon weiter oben erwähnte Entführung von James Foley oder die von Steven Sotloff warf Licht auf die Entführungs-Industrie des IS. Der BBC gelang es, ein Interview mit einem ehemaligen Zuarbeiter des IS zu führen. Abu Huraira, wie der Syrer genannt wird, beschreibt darin im Detail seine Masche, bevor er aus dem Geschäft ausstieg.

Ein ausländischer Journalist wurde kontaktiert und ihm wurden gute Filmaufnahmen und Kontakte vor Ort in Syrien versprochen. Derweil arbeiteten die „Helfer“ der Journalisten mit dem IS zusammen und kassierten ein paar Tausend Dollar pro Kopf. Einmal in Syrien wurden die Journalisten gefangen genommen und an den IS übergeben. Dieser hat eigens dafür einen „Geheimdienst-Apparat“ aufgebaut. Laut einem US-Geheimdienst nahm die Gruppe dadurch im Jahr 2014 25 Millionen $ ein.

Im selben Bericht heißt es zudem, dass der IS ebenfalls gezielt Aktivisten ins Visier nahm. Diese wurden – wie bei der Nusra-Front – entführt und mittels Folter eingeschüchtert. Dazu greift der IS auf sein in Syrien aufgebautes Netzwerk von Spionen zurück. Für viele geht es ums Geld, für den IS auch um Ideologie. Wenn Lösegeld für Ausländer fließt, dann geht es meist um Millionen-Beträge. Besonders makaber war das Angebot des IS, dass eine norwegische und eine chinesische Geisel zum Verkauf stehen.

Unter den Tisch fällt jedoch des Öfteren, dass der IS auch im von der Gruppe kontrollierten Territorium Zivilisten entführt. Hunderte Syrer und Iraker wurden entführt, um Geld von Familien zu erpressen. Die ZEIT beschreibt das Beispiel einer christlichen Familie aus dem Irak, die wie tausende andere Christen vom IS vertrieben wurden. Allerdings nicht ohne zuvor Angehörige – in ihrem Fall ihr 3-jähriges Kind – abgeben zu müssen, um es später freizukaufen. Christen, die nicht vor dem IS geflohen sind, müssen die Dschiziya zahlen, eine Kopfsteuer für Nicht-Muslime in einem muslimischen Land. Im Gegenzug ist ihre Sicherheit gewährleistet. In Raqqa leben bspw. dennoch nur noch 25 christliche Familien, die zu arm für die Flucht waren. Der Rest der 1500 Familien ist bereits geflohen. Im irakischen Mosul hingegen gelang es allen Christen zu fliehen. Sie hatten sich geweigert zum Islam zu konvertieren oder die Dschiziya zu zahlen. Die Konsequenz wäre die Todesstrafe gewesen..

Fazit

Entführung und Erpressung ist in Syrien mittlerweile zu einem eigenen Geschäftszweig geworden. Schon früh begannen alle Seiten damit, die Bevölkerung zu drangsalieren. Die Motive sind sowohl politischer als auch ideologischer oder schlicht ökonomischer Natur. Einfache Syrer sind dabei die Leidtragenden.

Erschwerend hinzukommt, dass oft Nachbarn oder Freunde ihre Bekannten verkaufen. Wer kann, bemüht sich darum, seine Angehörigen mittels Kontakte wieder zu bekommen. Oft sind jedoch so viele Leute verstrickt, dass Geld fließen muss. Ein Zusammenleben nach dem Krieg wird dadurch erschwert, dass Vertrauen zerbricht.

Wichtig ist jedoch zu betonen, dass Menschen oftmals auch nur wegen ihrer politischen Einstellung entführt, gefoltert und teils getötet werden. Trotzdem darf die ökonomische Komponente nicht vernachlässigt werden. Viele Syrer versuchen sich mit allen Mitteln über Wasser zu halten. Manche beteiligen sich dabei an solch schmutzigen Geschäften.

Syriens Kriegsökonomie III – Öl und Gas

Noch vor den ersten Demonstrationen in Syrien 2011 stellten die Einnahmen des Ölhandels 25% der Staatseinnahmen. Seit Beginn des Konflikts fiel die Ölproduktion im Land von 400.000 Barrel pro Tag um 90% auf 25.000 (2015). Laut der europäischen Kommission importierte die EU selbst 2011 noch Öl im Wert von 3 Milliarden $ aus Syrien. Vor allem nach der Übernahme vieler syrischer Ölfelder durch den IS fiel die offizielle Exportrate dramatisch ab. Offizielle syrische Stellen vermelden zudem, dass täglich hunderte Barrel von kriminellen Gruppen gestohlen und in Nachbarstaaten exportiert werden.

Deir ez-Zour

Die größten Ölvorkommen auf syrischem Gebiet sind auf die Provinz Deir ez-Zour konzentriert. Viele der 220.000 Einwohner der gleichnamigen Hauptstadt arbeiteten daher in der Ölindustrie. Im November 2012 eroberten syrische Rebellen das erste größere Ölfeld namens al-Ward in der Region. Asad stellte zwar an jeder wichtigeren Raffinerie Soldaten ab, diese gerieten jedoch zusehends unter Druck.
Je länger der Krieg dauerte und je mehr Kinder ihre Eltern verloren, desto häufiger traf man Minderjährige auf Ölfeldern. Ihr Job war – und ist – die Ölproduktion. Dazu wird Rohöl erhitzt; je heißer, desto hochwertiger ist die Qualität des Endprodukts. Wöchentlich ereignen sich bei zu hoher Erhitzung des Öls Explosionen.
Auch die Umwelt wird damit in Leidenschaft gezogen. Ökologische Standards weichen dem Kampf ums Überleben und um Geld. Es gibt Berichte von ganzen Ziegenherden, die starben, nachdem sie aus einem vergifteten Fluss tranken. Die aufsteigenden Rauchwolken führen bei Anwohnern zudem zu Atemproblemen und teils gar zu Krebs.

olt

Aufstiegsmöglichkeiten

In einem Bericht von Foreign Policy jubelt Ali, der Sohn eines Stammesoberhaupts: „ich danke Bashar al-Asad jeden Tag, zuvor waren wir faul und jetzt – schaut mal zu was wir fähig sind!“ Bis 2011 war Ölproduktion und -verkauf (mit Ausnahme von Schmuggel) in der Hand von Asad. Viele arme Sunniten aus ländlichen Regionen schufteten teils im Libanon als Billigarbeiter auf Plantagen. Der Krieg bot ihnen zum ersten Mal Aufstiegsmöglichkeiten.
Tatsächlich konnte man bspw. einen Anstieg von luxuriöseren Autos beobachten, da zuvor die syrische Regierung 300% Steuern erhob. Mit dem Wegfall effektiver Grenzkontrollen konnten auch keine Abgaben mehr eingezogen werden. Die Probleme, die damit einhergehen, sind, dass vielen Kämpfer mehr an der Wahrung ihrer eigenen ökonomischen Interessen liegt, als einem Kampf für Freiheit.
Ein syrischer Freund, der bis Ende 2012 auf einem Ölfeld in Deir ez-Zour tätig war, bestätigte mir dies: er und seine Kollegen wurden aus Sicherheitsgründen mit Bussen nach Damaskus transportiert. Der Bus, der vor ihm abfuhr, wurde angehalten und die Insassen exekutiert. Laut seinen Angaben von der Freien Syrischen Armee.

Der Einstieg des IS und der Überlebenskampf Asads

Heute kontrolliert der IS den Großteil der syrischen Ölfelder. Das macht die Gruppe zum Big Player in Syrien, da jeder sich an den IS für Öl wenden muss: sowohl andere Rebellengruppen als auch Asad. Vor kurzem publizierte Russland Bilder von tausenden LKWs, die angeblich Öl vom IS in die Türkei bringen sollten. Diese Anzahl scheint übertrieben zu sein, gesichert ist laut Reuters dennoch, dass auch Öl in die Türkei exportiert wird.
Für Asad ist ironischerweise ein Christ sein Mittelsmann zum IS: George Haswani. Bekannt wurde Haswani im März 2015, als die EU Sanktionen über ihn erließ und ihm damit einen Aufenthalt in der EU verbot als auch seine sämtlichen Vermögenswerten in der EU einfrieren ließ. Seine Firma HESCO kooperiert laut dem britischen Telegraph sogar mit dem IS. Er lässt Fachleute auf Ölfeldern des IS arbeiten, damit der Ertrag zwischen Asad und dem IS geteilt werden kann. Asad kann so teils noch billiges Öl anbieten und damit die Loyalität seiner Anhänger sichern.
Laut Bloomberg exportiert der Iran mittlerweile umsonst Millionen Barrel an Asad. Allein im ersten Halbjahr 2015 soll es sich dabei um 10 Millionen Barrel Rohöl gehandelt haben. Bei einem Marktwert von 59$ pro Barrel macht das 600 Millionen $. Stoppen kann man die Tanker, die dieses Öl nach Syrien bringen, nicht. Es gibt keine offiziellen Geldtransfers und kein Gesetz, welches es erlauben würde, einzugreifen.
Auf der anderen Seite steht der IS mit dem Öl in Syrien. Den Transport gibt die Organisation an Syrer weiter, die durch den Krieg ihre Lebensgrundlage verloren haben. Dadurch werden auch die Gefahren von Luftschlägen weitergereicht. Teils wird das Öl demnach sogar mit Eseln transportiert.
Feste Zahlen, was die Öleinnahmen dem IS bringen, gibt es allerdings nicht. Hochrechnungen bestehen jedoch. So wurde im Februar 2015 in der Provinz des Deir ez-Zour laut IS-Dokumenten 2 Millionen $ durch Öl eingenommen – 27% der gesamten IS-Einnahmen in einer ölreichen Provinz. Durch die vielen Luftschläge hat auch die Infrastruktur Schaden genommen. Der IS finanziert sich also nicht wie oft behauptet zum Großteil durch Öl.

Kooperation zwischen Asad und IS

Als der IS letztes Jahr Palmyra –im lokalen Sprachgebrauch auch Tadmur genannt – einnahm, standen dahinter auch ökonomische Interessen. In Palmyra befinden sich die größten Gasvorkommen Syriens. Noch 2013 generierte laut eigenen Angaben die syrische Regierung 90% ihrer Elektrizität durch Gas. Mit der Einnahme von Palmyra im Mai 2015 nahm der IS Asad 45% seiner Quellen für Strom.
Dem gingen vermehrt Kämpfe im Jahr 2014 zwischen beiden Seiten voraus. Dabei ging es in erster Linie um das größte Gasfeld in Syrien: Shaer. Nachdem keiner das Feld länger halten konnte begann der IS nach Palmyra zu schielen. Als Asad dann aus Palmyra vertrieben wurde, sprengten die Jihadisten mehrere Fabriken in die Luft, die bis dahin das rohe Gas umgewandelt hatten. Conoco – benannt nach der US-Firma, die es gebaut hat – ist heute noch die einzig funktionierende Station, die der IS bedienen kann.

Fazit

Da Asad Elektrizität benötigt und der IS das Know-How, scheinen sich beide Seiten schon auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt zu haben: Asad bekommt Gas und der IS Elektrizität. Wie schon beim Öl überwiegt der Pragmatismus der Kontrahenten.
Die syrische Wirtschaft liegt zwar am Boden, trotzdem lassen sich aufgrund des Chaos noch große Summen an Geld erwirtschaften. Viele Kämpfe konzentrieren sich heute vermehrt auf den Zugang zu Ressourcen – Palmyra und Deir ez-Zour sind dafür die vielleicht wichtigsten Beispiele in Syrien. Deutlich wurde dies nochmal Ende Janaur, als der IS eine Großoffensive in Deir ez-Zour begann, um die alleinige Kontrolle in der Region zu erhalten.

Der „saudische Obama“

Als Barack Obama 2009 als erster schwarzer Präsident der USA das Weise Haus bezog, wurde Adil al-Kalbani der erste schwarze Imam der großen Mosche in Mekka. Meist war dieser Posten ausschließlich von Arabern aus der tiefen arabischen Halbinsel besetzt worden, weshalb es ein Novum darstellte und er den Spitznamen „saudischer Obama“ erhielt. Al-Kalbani kommentierte seine Ernennung damit, dass es im Islam keinen Rassismus sondern nur Egalitarismus gäbe. Außerdem habe der Islam viele große Männer mit schwarzer Hautfarbe hervorgebracht – ganz anders als der Westen. Offiziell wurde er nominiert, da er ein bekannter Rezitator des Korans war und bereits in der König Chalil Moschee in der saudischen Hauptstadt 20 Jahre lang ein Imam war. Viele Beobachter sahen darin jedoch einen Schritt des damaligen König Abdullahs sein Land für mehr Toleranz zu öffnen.

Al-Kalbani selbst ist Sohn eines armen Einwanderers aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und wurde 1960 geboren. Der Vater bekam in Saudi-Arabien nur einen Job als ein unbedeutender Klerikaler der Regierung. Nach seinem Schulabschluss musste al-Kalbani deshalb für Saudi Arabian Airlines arbeiten und in abendlichen Einheiten sein Studium an der King Saud University absolvieren. Bald begann er seinen Fokus auf islamisches Recht und Koranrezitation zu legen. Mit seinem erfolgreichen Abschluss fand er kurzzeitig eine Anstellung als Imam in der Moschee am internationalen Flughafen in Riad, bevor er zum Imam der König Chalid Moschee in Riad ernannt wurde. 2009 dann wurde er zum Imam der al-Haram Moschee in Mekka ernannt. Dem ging ein persönliches Treffen mit König Abdullah voraus, bevor dieser historische Schritt getan wurde. Laut al-Kalbani war dies wichtiger als die Nominierung Obamas zum Präsident, da das Weise Haus nur für die Amerikaner ist, während die große Moschee in Mekka für alle Muslime sei. Das Amt bekleidet er derzeit nicht mehr.

Standpunkte

Bereits gleich nach seiner Nominierung kam Kritik seitens der saudischen Schiiten an al-Kalbani auf. Dieser hatte in einem Live-Interview mit dem britischen Sender BBC gesagt, dass schiitische Geistliche Apostaten seien. Kritik an solchen Aussagen kam auch umgehend von offizieller saudischer Stelle, jedoch musste sich Saudi-Arabien die Frage gefallen lassen, wieso ein solcher Prediger zum Imam ernannt wurde. Unter anderem der damalige Chefredakteur Turki al-Sudeiri der regierungsnahen Zeitung Al Riyadh lehnte al-Kalbani daraufhin ab.

Auf der anderen Seite publizierte er bereits 2010 eine Fatwa, in der es hieß, dass Singen mit Musik und das Hören derselben legal seien und der Islam dies nicht verbietet. Als er daraufhin kritisiert wurde, fügte er hinzu, dass eine solche Musik mit angemessenen Wörtern moralische Vorstellungen unterstützen müsse. Letztes Jahr schrieb er auf Twitter, dass es auf der arabischen Halbinsel keine Kirchenglocken geben sollte.

Al-Kalbani und der internationale Terrorismus

Al-Kalbani hatte in den 1980ern Kontakt zu Osama bin Laden und Abdullah Azzam – letzterer der Chefideologe der ausländischen Kämpfer in Afghanistan. Beide schleusten über ihr Servicebüro arabische Kämpfer in den Kampf gegen die Sowjetunion. Laut New York Times sympathisierte al-Kalbani in den 1980ern mit beiden. Auch noch später, als bin Laden „den Westen“ als das Grundproblem allen Übels ausmachte. Erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 löste er sich gänzlich von Osama bin Laden. Dass die Unterstützung je über die Ideologie hinausging und sich al-Kalbani al-Qaida anschloss, wird im Artikel der NYT nicht ersichtlich, kann aber auch ausgeschlossen werden. Auch in Saudi-Arabien könnte kein Terrorverdächtiger ein einflussreicher Imam werden.

Aufsehen erregte al-Kalbani nun wieder, als er am 22.01.2016 ein Interview gab, das am 27.01. übersetzt von der britischen Organisation Integrity UK ins Internet gestellt wurde. Darin sagt er, dass der IS „ohne Zweifel ein Produkt der islamischen Wiederbelegung“ wäre und er den IS nicht aufgrund seiner Ideologie, sondern seines Handelns kritisiere. Schließlich stehe er ebenso für diese Ideologie. Diese Ideologie sei der Salafismus, nicht etwa der Sufismus, der Weg der Muslimbrüder oder der eines Sayyid Qutbs.  Er fügt noch hinzu, dass wohl Geheimdienste hinter dem IS stehen und diese die Ideologie nun ausbeuten.

Somit ist al-Kalbani zumindest einer der wenigen saudischen Gelehrten, die offen aussprechen, dass ihre Ideologie dieselbe des IS ist. Ob der Beiname „saudischer Obama“, den ihm die New York Times 2009 gab, gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Syriens Kriegsökonomie II – Brot

Durch den Krieg in Syrien werden Steuereinnahmen für den Staat zur Mangelware. Aber auch für andere, nicht-staatliche Akteure (die Opposition jeglicher Couleur und kriminelle Banden), sind Einnahmen wichtig. Ob sie nun Strukturen in denen von ihnen beherrschten Gebieten aufbauen möchten oder nicht. Eine Ressource, die in Krisenzeiten immer wichtig ist, sind Nahrungsmittel (und das, obwohl Syrien vor 2011 zu den wenigen Staaten gehörte, die sich selbst bestens versorgen konnten). Mit deren Schmuggel lässt sich in Syrien eine goldene Nase verdienen. Hunger ist zudem eine Waffe im syrischen Bürgerkrieg, die von allen Seiten gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Madaja ist ein trauriges Beispiel, das vor kurzem Schlagzeilen dazu gemacht hat.

Geschäftsleute mit Verbindungen zu Asad

Schon im November 2013 berichtete Reuters, dass reiche Geschäftsleute, die mit Asad auf gutem Fuße stehen, vom Handel mit Nahrungsmittel enorm profitieren. Zu diesem Zeitpunkt kam zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Weizen nach Syrien, welches von Frankreich importiert wurde. Es herrschen zwar Sanktionen über Syrien, Nahrungsmittel sind jedoch traditionell von solchen Sanktionen ausgenommen. In das kriegsgebeutelte Land kommen solche Lieferungen in erster Linie per Schiff über die Küste, eine Region, die stark in der Hand von Asad ist.

Zwei Namen, die vor diesem Hintergrund immer wieder fallen, sind Ayman Dschaber und Rami Machluf, beides reiche Geschäftsleute; letzterer war eine wichtige Stützte von Asad und gab seine privatwirtschaftliche Geschäftstätigkeit 2011 offiziell auf. Allerdings scheint dies nur ein Schritt gewesen zu sein, um die erhitzten Gemüter vieler Syrer aufgrund der Korruption und Forderungen nach einer Bestrafung Machlufs zu beruhigen. Laut Reuters gründen Dschaber und Machluf stets Schattenfirmen, um im Handel mit Nahrungsmittel mitzuspielen. Sobald diese dann international auffällig werden, werden neue Firmen gegründet.

Tief verwoben in den Import von Nahrungsmittel ist auch die Aman Group, die 2013 nach eigenen Angaben u.a. 1 Million Tonnen Weizen und 350.000 Tonnen Zucker importiert hatte. Die Aman Group agiert mit Sitz in Latakia agiert als Zwischenhändler zwischen dem Ausland und der staatlichen Habub. Laut dem World Food Programme war der durchschnittliche Preis für ein Kilo Brotmehl in Syrien im November 2015 171 Syrische Pfund, was nach derzeitigem Kurs 0,71 € sind. Das klingt im ersten Moment zwar nicht nach viel, jedoch kommt man bei einer Hochrechnung auf ein Geschäft im hohen Millionen-Bereich. Aktuelle Zahlen der Aman Group liegen zwar nicht vor, jedoch ist davon auszugehen, dass man immer noch zehntausende Tonnen importiert.

Handel in Syrien

Problematisch ist für Asad, dass er wegen des Krieges die Preise für Brot in denen von ihm kontrollierten Gebieten bereits mehrfach anheben musste. Lange war Nahrung ein Grund für die Erfolge seiner Streitkräfte. Dadurch, dass die wichtigsten Versorgungsrouten noch immer in Asads Hand sind, kontrolliert er auch viele Nahrungsmittel und konnte sie nach Belieben verteilen. Das änderte sich jedoch, als Oppositionsgruppen die Speicher voll mit Weizen angriffen. 140 davon gab es vor dem Krieg, heute kontrolliert der syrische Staat nur noch 40.

Anfangs zeichneten sich Rebellengruppen durch Missmanagement aus und verloren Teile der Ernte. Mit der Zeit kristallisierte sich jedoch ein System heraus: Milizen erlaubten Experten von der Regierung den Eintritt in das von ihnen kontrollierte Territorium, um Bäckereien oder Silos am Laufen zu halten. Laut Washington Post erlaubt sogar der IS seinen Experten nach Damaskus für Schulungen zu reisen.

Im selben Bericht heißt es weiter, dass durch diese informelle Zusammenarbeit die Bauern weiterhin ihre Felder bestellen können. Der Großteil des Weizens in Syrien wird im Nordosten (Kurden und IS) angebaut, während es im Westen (Asad und diverse Rebellengruppen) gebraucht wird. Auf dem Weg in die verschiedenen Gebiete schneidet sich jede Gruppe ein Stück vom Kuchen in Form von „Steuern“ ab. Das hat solche Preissteigerungen zur Folge, dass Asad mittlerweile vermehrt aus Russland und dem Iran importieren lässt.

Da Asad die von anderen Gruppen besetzten Gebiete vom Handel mit Nahrungsmittel abschneidet, hat sich vor allem im Norden Syriens ein Handel mit der Türkei etabliert – der Handelsraum der Türkei wurde dadurch erweitert.

Die nächste humanitäre Katastrophe

Eine Stadt, die in der Berichterstattung oft untergeht, ist Deir ez-Zur im Osten Syriens. Die Stadt ist vom IS abgeriegelt, die syrische Armee kontrolliert noch den Flughafen und Teile im Süden der Stadt. Der IS lässt niemanden und nichts rein, die syrische Armee niemanden und nichts auf dem Luftweg heraus. Mittlerweile werden Ausreiserlaubnise sogar gegen Gold gehandelt.

Wenn internationale Organisationen die Stadt mit Hilfsmittel versorgen dürfen, dann nur über den Flughafen und über die syrische Armee, die es dann nach Gutdünkten auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft. Vor kurzem war auch Russland 22 Tonnen ab, Regimetruppen waren gleich vor Ort und beschlagnahmten die Hilfsgüter. Zudem berichtete die UN, dass bei einer Offensive des IS vor kurzem Schmuggler getötet oder zumindest gefangen genommen wurden.

Fazit

Falls die UN außerhalb der vom Regime kontrollierten Gebiete Nahrungsmittel verteilen kann, werden sie oft von anderen Gruppen beschlagnahmt. So beispielsweise vom IS, der UN-Hilfsgüter mit dem eigenen Logo überklebte. Offiziell verteilte der IS dann hier den Zakat, die Almosensteuer im Islam. Aber auch in Videos gibt sich der IS als gut organisierte Kraft, welche die Bevölkerung mit Nahrungsmittel versorgt.

Neben Asad nutzt somit der IS auch offiziell Nahrung in seiner Propaganda und als Legitimation, genauso wie der syrische al-Qaida-Ableger, die Nusra-Front. Wer in Syrien den Zugang zu Nahrungsmitteln kontrolliert, bekommt Akzeptanz in der Bevölkerung. Hohe Preise stoßen auf Ablehnung, weshalb jede Seite versucht, die Menschen im jeweiligen Gebiet so gut es geht günstig mit Nahrung zu versorgen. Dabei schneidet jedoch jeder sein Stück vom Kuchen ab. Es geht ums nackte Überleben. Dies kann auch Asad auf seinem Gebiet nicht mehr unterbinden.

Ein Grund, warum viele Syrer fliehen und versuchen nach Europa zu kommen, ist Nahrung. Letztes Jahr musste die UN ihre Hilfen drastisch reduzieren, da die internationale Staatengemeinschaft kein Geld mehr überwies. Vielen Menschen geht es mittlerweile nur noch darum, die Ernährung ihrer Familie sicherzustellen. Oder um es mit den Worten eines Bewohners in Deir ez-Zur zu sagen: „Mein Bart ist lang und mein Magen ist leer. Lass sie [den IS] kommen, solange sie uns nur Nahrung geben“.

Saudisch-Iranische Beziehungen

Nachdem König Abd al-Aziz al-Saud den Großteil des heutigen Saudi-Arabiens erobert hatte – aber noch vor der Gründung Saudi-Arabiens 1932 – nahm das saudische Königreich 1929 die ersten diplomatischen Beziehungen mit dem Iran auf[1]. Die Beziehungen waren ab 1948 bereits von Spannungen geprägt. Iran erkannte den neu gegründeten Staat Israel an und unterhielt beste Beziehungen zu Israel, während Saudi-Arabien den Krieg erklärte[2]. Hinzu kamen noch territoriale Dispute um drei kleine Hormus-Inseln im Persischen Golf, wobei sich die Großmacht am Golf – Großbritannien – auf die Seite Saudi-Arabiens stellte[3]. 1968 gab Großbritannien schließlich bekannt, dass man 1971 vom Golf abziehen würde. Iran und Saudi-Arabien konnten sich zwar darauf einigen, dass kein ausländischer mehr das Schicksal dieser Region bestimmen sollte. Aber für solch banal anmutende Fragen wie ob der Golf nun arabisch oder persisch sei, fanden beide keine gemeinsame Lösung[4].

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König Abd al-Aziz al-Saud. Quelle: Wikimedia Commons

Der Friede hielt aber nicht lange. Bereits im selben Jahr wie London seinen Rückzug bekannt gab, gab der persische Schah bekannt, dass Bahrain Teil Irans sei. Der Herrscher von Bahrain bat Saudi-Arabien um Hilfe und König Faisal gab bekannt, dass Saudi-Arabien das von den Briten hinterlassene Machtvakuum füllen sollte. Ein Jahr später, 1969, gab der Schah dann bekannt, dass die Bürger von Bahrain doch auch abstimmen könnten, ob sie zu Iran gehören möchten oder Unabhängigkeit erlangen wollen. Auch diesen Vorschlag nahm die bahrainische Regierung nicht an und verwies darauf, dass dies noch größere Spannungen zwischen Persern und Arabern hervorrufen könnte. Nachdem der Iran dann erklärte, er würde die UN verlassen, sollten diese Bahrain als unabhängigen Staat anerkennen, rang sich die bahrainische Wahl schlussendlich zu Wahlen durch. Die Bahrainis konnten anonym wählen ob sie Unabhängigkeit, ein britisches Protektorat werden oder zu Iran gehören möchten. Die Mehrheit sprach sich für Unabhängigkeit aus und als dies zu Spannungen zwischen Briten und arabischen Staaten führte, erklärte Bahrain 1971 seine Unabhängigkeit. Iran war ironischerweise das erste Land, welches diesen Schritt anerkannte[5]. Allerdings waren auch die Saudis froh über diesen Ausgang, da Bahrain nur 15 Kilometer vor der saudischen Küste liegt. Zuvor hatte man dem Iran sogar gedroht, dass ein iranischer Angriff auf Bahrain als ein Angriff auf Saudi-Arabien angesehen werden würde und mit aller Härte darauf geantwortet werden würde[6].

Die iranische Revolution 1979

Diverse Differenzen konnten von nun an auf diplomatischer Ebene beigelegt werden. Die Zeit zwischen 1968 und 1979 wird deshalb oft als die beste Periode saudisch-iranischer Beziehungen angesehen[7]. Dann jedoch kam der große Schlag in Form der Revolution im Iran. Sofort nachdem der Schah aus dem Iran vertrieben worden war bezeichnete die iranische Interimsregierung Saudi-Arabien als „American puppet“. Kurz danach proklamierte Revolutionsführer Ayatollah Chomeini den Revolutionsexport[8]. Die Saudis waren dementsprechend nervös.

Hinzu kam, dass der neue Iran die saudische Herrschaft über die zwei heiligsten Stätten des Islams, Mekka und Medina, als illegitim betrachtete und Chomeini anti-monarchisch war. Er stand für die Herrschaft des Klerus. Das war gleich ein doppelter Affront gegenüber der saudischen Königsfamilie, die ihre Herrschaft unter anderem mit Mekka und Medina legitimiert[9]. Dessen nicht genug wollte Iran diese zwei Städte von nun gemeinsam mit Saudi-Arabien verwalten[10]. Da der Herrscher über Mekka und Medina traditionell auch als Herrscher über die islamische Welt galt, wollte sich Chomeini als Alternative zu den Saudis etablieren[11]. Für Saudi-Arabien musste sich das wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen: der Islam wurde auf der arabischen Halbinsel offenbart, die Sprache der Religion war arabisch und die logische Folge war, dass man sich selbst als „wahre Muslime“ ansah – der Großteil der Iraner ist noch dazu schiitisch und ein anderes Volk, was gerne als heretisch bezeichnet wird[12]. Obwohl Iran keinen Erfolg hatte, wurde Chomeini bei Schiiten sehr beliebt[13].

Iran-Irak-Krieg 1980

Als 1980 der Iran-Irak-Krieg ausbrach, gab es Riad die Möglichkeit, den revolutionären Iran zu schwächen. So wurde König Faisal sofort ein enger Verbündeter von Saddam Hussein. Letzterer brach diesen Krieg vom Zaun, weil er auf das iranische Öl direkt an der irakischen Grenze schielte und ebenfalls das Übergreifen der Revolution auf die irakischen Schiiten fürchtete. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Saudi-Arabien unterstütze Hussein bis zum Kriegsende 1988 mit ca. 25 Milliarden US-$. Da dieser Krieg im kollektiven Gedächtnis des Irans noch heute eine große Rolle spielt, leiden bis heute noch die saudisch-iranischen Beziehungen darunter[14]. In den 1980ern wurde außerdem noch der Golf-Kooperationsrat (GCC) von fünf arabischen Golfstaaten geschaffen, um ein Gegengewicht zum Iran zu schaffen[15].

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Irakische Kriegsgefangene in der iranischen Stadt Choramschahr. Quelle: Wikimedia Commons

Auf der anderen Seite benutzte der Iran seine Quds-Brigaden um Angriffe in Saudi-Arabien durchzuführen, vor allem während der alljährlichen Pilgerfahrt nach Mekka[16]. Während des ersten Hadsch nach der Revolution demonstrierten Iraner in Mekka gegen die „Feinde des Islams“: die USA und Israel. Die Saudis wurden dadurch unruhig. Diese Demonstrationen waren ein Grund für die Unterstützung für den Irak in den 80ern[17]. 1987 erreichten die Demonstrationen währenddessen ihren Höhepunkt als iranische Pilger die große Moschee in Mekka belagerten und infolgedessen 317 Pilger und 85 Sicherheitskräfte getötet wurden[18]. Chomeini war außer sich vor Wut und stellte erneut in Frage, ob die Saudis der Aufgabe Mekka und Medina zu bewachen gewachsen seien[19]. Er vertrat sogar die Ansicht, dass die Saudis in die Hölle geschickt warden müssten, weil sie keine legitimen Beschützer seien[20].

Tod Chomeinis

1988 starb Chomeini, der Gründer der islamischen Republik Iran. Im selben Jahr endete der Krieg mit dem Irak und der Iran hatte mit politisch-ökonomischen Problemen zu kämpfen. In den folgenden Jahren brach dann noch die Sowjetunion auseinander – diese grenzte bis dahin noch an den Norden Irans – und Saddam Hussein besetzte Kuwait. Als Folge dieser politischen Umweltzungen sowohl im Iran als auch außerhalb versuchte das Land seinen Platz neu zu definieren. Ideologie rückte mehr in den Hintergrund und Realpolitik wurde die dominantere Kraft[21]. Dadurch verbesserten sich auch Teherans internationale Beziehungen. Spannungen blieben zwar, aber es kehrte wieder mehr Ruhe ein[22].

Als 1996 die Khobar Towers in Saudi-Arabien Ziele von Bombenanschlägen wurden, bei denen 19 US Luftsoldaten getötet wurden, wiesen Untersuchungen des FBIs in den Iran. Allerdings verbesserten die USA und der Iran zu dieser Zeit seine Beziehungen und die Funde blieben unter Verschluss[23]. Auch der Verband der arabischen Golfstaaten, der GCC, verbesserte auf Anraten Riads seine Beziehungen zu Teheran[24]. Die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran hatte auch ökonomische Interessen, da beide auf 60% der weltweit bekannten Ölvorräte sitzen und gemeinsam in der OPEC dominieren können[25].

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Die Khobar-Türme nach dem Anschlag 1996. Quelle: Wikimedia Commons

Irak-Krieg 2003

Kein anderes Ereignis hat die Machtbalance im Nahen Osten so verschoben wie die US-Invasion im Irak 2003. Offensichtliches Resultat war, dass der Irak, der Iran und Saudi-Arabien – die bis dahin mächtigsten Staaten am Golf – sich nicht mehr gegenseitig die Waage halten konnten. Vor 2003 war der gemeinsame Feind Irak ein Grund für die Annäherung zwischen dem Teheran und Riad. Jetzt auf einmal standen sich beide direkt gegenüber[26]. Im selben Jahr wurde Irans Atomprogramm publik[27]. Durch die demografische Mehrheit der Schiiten im Irak war eine vom Iran dominierte Regierung in Bagdad ein saudischer Alptraum[28]. Folglich versuchten beide Länder so viel Einfluss wie nur möglich im Irak zu gewinnen[29].

Der Einfluss Irans unter den Schiiten war nicht so groß wie erhofft. Jedoch konnte man mit Nuri al-Maliki 2006 einen treuen Mann in das Amt des Ministerpräsidenten bekommen und 2010 sogar zum Präsident wählen lassen[30]. Die Stimmen, die genau diese Politik partiell für den Erfolg des IS ausmachen sind zahlreich[31]. Sunniten und Schiiten sind sich fremder denn je und viele Sunniten sehen den IS sogar als kleineres Übel im Gegensatz zur schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. Ohne eine Lösung für dieses Problem zu finden wird auch der IS nicht besiegt werden können.

Auch im arabischen Frühling wurde die Sicht von Saudi-Arabien und Iran als vom jeweils anderen gesteuerten Proteste sichtbar. So schossen die Saudis die mehrheitlich von Schiiten getragenen Demonstrationen in Bahrain nieder; der Iran unterstützt noch bis heute Asad, während Saudi-Arabien sunnitische – teils radikale – Milizen in Syrien mit Waffen beliefert; ein weiteres trauriges Beispiel ist der Jemen, wo Saudi-Arabien einen Krieg aus Angst vor einer mit Iran befreundeten Regierung an der eigenen Haustür führt. Die Leidtragenden dieser Politik ist in jedem Land die Zivilbevölkerung. Auch wenn es Annäherungsversuche zwischen beiden Ländern gibt, scheint der offensive Kurs der neuen saudischen Regierung doch eher auf Konfrontation aus zu sein – dies zeigt sich auch an der Exekution des schiitischen Geistlichen Nimr an-Nimr. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass es in dem Konflikt auch um den Zugang zu Ressourcen geht. Dass der Iran jetzt wieder an die internationalen Märkte gekoppelt ist und mit den drittgrößten Ölreserven eine ernsthafte Konkurrenz zur saudischen Monarchie, die an Öl-Einnahmen hängt, ist, ist auch ein grundlegender Grund für die derzeitige Abkühlung der Beziehungen.

[1] Wrampelmeier, Brooks (1 February 1999). Saudi-Iranian Relations 1932-1982 in Middle East Policy. Zugriff: 21 August 2013. (http://www.thefreelibrary.com/Saudi-Iranian+Relations+1932-1982.-a054208508)

[2] Ackerman, Harrison (28 November 2011). Symptoms of Cold Warfare between Saudi Arabia and Iran: Part 1 of 3 in Journalism and Political Science 16. Zugriff: 21 August 2013. (http://www.nupoliticalreview.com/?p=940)

[3] Al-Saud, Faisal bin Salman Iran, Saudi Arabia and the Gulf (London: I.B. Tauris, 2003), p.9

[4] Ibid., p.29

[5] Kechichian, J.A. Bahrain in Encyclopedia Iranica Online. Zugriff: 21 August 2014 (http://www.iranicaonline.org/articles/bahrain-all)

[6] Al-Saud (2003), p.32

[7] Ackermann (2011)

[8] Afrasiabi, Kaveh L. Saudi-Iranian Tensions fuels wider Conflict in Asia Times (6 December 2006). Retrieved 21 August 2014 (http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/HL06Ak04.html)

[9] Jahner, Ariel Saudi Arabia and Iran: The Struggle for Power and Influence in the Gulf in International Affairs Review, Volume XX, Number 3 (Spring 2012), p.40

[10] Shehabi, Saeed The Role of Religious Ideology in the Expansionist Policies of Saudi Arabia in Madawi al-Rasheed (editor) Kingdom Without Borders (New York: Columbia University Press 2008), p.186

[11] Matthiesen, Toby Sectarian Gulf (California: Stanford University Press 2013), p.20

[12] Boucek, Christopher & Karim Sadjapour Rivals – Iran vs. Saudi Arabia in Carnegie Endowment Online, 20 September 2011. Retrieved 21 August 2014  (http://carnegieendowment.org/2011/09/20/rivals-iran-vs.-saudi-arabia#history)

[13] Matthiesen (2013), p.20

[14] Ackerman, Harrison (28 November 2011) Symptoms of Cold Warfare between Saudi Arabia and Iran: Part 2 of 3 in Journalism and Political Science 16. Retrieved 21 August 2013 (http://www.nupoliticalreview.com/?p=1435)

[15]Hussein, Abdurahman A. So History Doesn’t Forget: Alliances Behavior in Foreign Policy of the Kingdom of Saudi Arabia (Bloomington: Author House 2012), p.80-81

(http://books.google.com.tr/books?hl=en&lr=&id=8VhO5FJuoeMC&oi=fnd&pg=PR4&dq=al+saud+family+and+kings+of+saudi+arabia&ots=7kzL50QO9A&sig=3h76FViKctU0YlP4ovW15bVHCXU&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false)

[16] Rubin, Michael Iran and Saudi Arabia’s hate-hate relationship in CNN Online (11 October 2011). Retrieved 22 August 2014 (http://security.blogs.cnn.com/2011/10/11/iran-and-saudi-arabias-hate-hate-relationship/)

[17] Amiri, Reza Ekhtiari & Ku Hasnita Binti Ku Samsu & Hassan Gholipour Fereidouni The Hajj and Iran’s Foreign Policy towards Saudi Arabia in Journal of African and Asian Studies (5 October 2011), p.680

[18] Ackermann (2011)

[19] Jahner (2012), p.41

[20] Amiri & Ku Samsu & Fereidouni (2011), p.680

[21] Ibid., p.681

[22] Afrasiabi (2006)

[23] Rubin (2011)

[24] Jahner (2012), p.43

[25] Afrasiabi (2006)

[26] Jahner (2012), p.43-44

[27] Zeino-Mahmalat, Ellinor Saudi-Arabiens und Irans Regionalpolitik zwischen Ideologie und Pragmatismus (Hamburg: Giga-Institute 2009), p.1

[28] Gause, F. Gregory Saudi Arabia: Iraq, Iran, the Regional Power Balance, and the Sectarian Question in Strategic Insights, Volume VI, Issue 2 (March 2007), p.2

[29] Wehrey, Frederic (et al.) Saudi-Iranian Relations after the Fall of Saddam (Santa Monica: RAND Corporation 2009), p.60

[30] Eisenstadt, Michael & Michael Knights & Ahmed Ali Iran’s Influence in Iraq (Washington: Washington Institute for Near East Policy 2011), p.ix

[31] Abdul-Ahad, Ghaith Iraqi politics needs an overhaul in The Guardian Online (15 August 2014). Retrieved 22 August 2014 (http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/aug/15/iraqi-politics-complete-overhaul-nouri-al-maliki-politics)

Syriens Kriegsökonomie I – Captagon

Der Krieg in Syrien finanziert sich durch diverse Quellen. Eine, die jährlich hunderte Millionen Dollar generiert ist die Herstellung und der Handel mit Drogen – vor allem Captagon. Außerhalb vom Nahen Osten ist diese Droge kaum bekannt, innerhalb jedoch werden jährlich circa 20 Tonnen konsumiert. Saudi-Arabien führte 2010 die Liste der Konsumenten mit 7 Tonnen an. Ein Mitglied einer prominenten Familie im libanesischen Bekaa-Tal erzählte Reuters, dass die Nachfrage stetig ansteigt. Mittlerweile zählen auch Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate zu den größten Konsumenten. Derselbe Kontakt sagte ebenfalls, dass 2013 die Nachfrage im Vergleich zu 2011 im Libanon um 90% fiel. Hauptgrund ist hierfür die verstärkte Produktion in Syrien[1].

Eine Rolle gespielt haben Drogen wohl auch im November in Paris: die Polizei fand in den Hotelzimmern der Attentäter Spritzen. Manche behaupten, die Attentäter hätten sich damit Captagon injiziert[2]. Dies darf jedoch angezweifelt werden, da Captagon als Pille eingenommen wird. Außer Frage steht damit jedoch, dass die Attentäter sich mittels Drogen auf ihren Job vorbereiteten und ruhig stellten. Dies lässt jedoch die Frage aufkommen, welche Rolle denn diese Droge denn spielt, wenn sie sogar von IS-Kämpfern eingenommen wird?

Captagon

1961 kam Captagon auf den Markt. Es besteht aus Fenetyllin, einem Amphetamin-Wirkstoff, der eine Alternative zu herkömmlichen Amphetaminen darstellte – die Pille heißt Captagon[3]. Bereits in den 1980ern wurde es von den Vereinten Nationen für höchst suchterregend eingestuft und größtenteils wieder vom Markt genommen. Allerdings ist die Droge noch immer im Nahen Osten, v.a. in den Golfstaaten, beliebt[4]. Captagon ist zwar menschgemacht, weißt aber hohe Ähnlichkeiten zu Neurotransmittern wie Dopamin und Adrenalin auf. Sobald man Captagon einnimmt, wird die Pille vom Körper auf Amphetamine heruntergebrochen. Die Folgen sind erhöhte Konzentration und physische Belastbarkeit, außerdem ein Gefühl von Unbesiegbarkeit. Negative Auswirkungen sind Depressionen, Herz-Kreislaufstörungen und Schlafstörungen[5].

Der libanesische Psychologe Ramzi Haddad, der die Folgen dieser Droge behandelt, beschreibt die Wirkungen: „Du wirst euphorisch. Du redest viel, du schläfst nicht, du isst nicht, du bist voller Energie.“ Interessant wird Captagon zusätzlich dadurch, dass es leicht herzustellen ist. Mit ein bisschen Chemie-Wissen kann man die Produktion schon starten[6]. Die Zutaten sind ganz legal erhältlich und dementsprechend kostet die Produktion einer Pille lediglich ein paar Cent. Verkauft wird sie dann für 20 US-$[7].

Alle Parteien sind involviert

Obwohl Asads Truppen gerne mit dem Finger auf die Opposition zeigen, die die Revolution benutzen würden, um ihre illegalen Aktivitäten zu verdecken, ist das Fazit nicht so einfach zu ziehen. Fakt ist dennoch, dass syrische Regierungstruppen stets Waffen und Captagon finden, wenn sie ein Lager von Rebellen einnehmen. Dennoch profitiert auch die libanesische Hizbollah, die Asad unterstützt, von der Drogenproduktion und ihrem Schmuggel. Zwar heißt es von oberster Stelle aus der Hizbollah, dass man sich aus dem Drogenhandel so gut wie möglich raushält, gesteht aber ein, dass einige Individuen aus den eigenen Reihen damit Geld verdienen[8]. Was Asad angeht scheint die Sache ähnlich zu sein. Zwar wird von offizieller Seite jegliche Beteiligung zurückgewiesen, dennoch berichten Psychater, wie George aus Latakia, dass v.a. in alawitischen Gegenden fast jeder junge Mann Captagon nimmt. Die meisten davon kämpfen in irgendeiner Art und Weise im Krieg[9].

Allgemein hat George vermehrt mit Patienten zu tun, die unter dem Einfluss von Captagon stehen. Diese Fälle seien zwar schon vor 2011 angestiegen, mit Beginn der Revolution jedoch explodiert. Auch ein Offizier aus Asads Reihen in der Stadt Homs hat seine Erfahrungen damit gemacht. Er sagte Reuters, dass Rebellen bei der Folter oft lachten. Also wartete man drei Tage, bis die Wirkung nachließ und folterte sie dann mit mehr Erfolg[10].

IS und Drogen

Obwohl der IS sich gerne als lupenreiner „islamischer Staat“ darstellt, florieren Drogen auch in den eigenen Reihen. Diverse detektierte Kämpfer berichten, dass sie sich vor Dienst oft Pillen einwarfen. Wie oben schon erwähnt standen die Attentäter von Paris wohl unter dem Einfluss von Drogen oder puschenden Mitteln. In Syrien und im Irak ist jedoch Captagon das gängige Mittel. Das berichtete bspw. ein 19-jähriger IS-Kämpfer, der von Kurden gefangen genommen wurde. Unabhängig bestätigen kann man solche Vorwürfe zwar nicht, aber auch US-Beamte halten dies für sehr wahrscheinlich[11].

Auffallend ist jedoch, dass vor allem europäische Anhänger des IS in ihrem Lebenslauf oft mit Drogen in Kontakt gekommen sind. Eine Studie der Universität Rotterdam über Konvertiten, die sich dem IS anschlossen, macht Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen aus. So ist auffällig, dass die Konvertiten eine schwierige Kindheit oder Pubertät durchlebten. Viele wurden von ihrem Vater im Stich gelassen und griffen oft zu Drogen und Alkohol[12]. Der IS verspricht ihnen nun Absolution. Paradox ist nun jedoch, dass der IS seinen Kämpfern weiterhin Drogen verabreicht. Bershidsky hat dies in einem Artikel für Bloomberg View auf den Punkt gebracht: Sex and Drugs on the Road to Jihad[13].

Anwachsen des Marktes

Da die Nachfrage für Captagon immer weiter steigt – wie auch im Westen gewisse Medikamente im Alltag immer öfter benutzt werden – scheint es utopisch zu hoffen, dass sich auch in Syrien etwas ändert. Der Krieg wird mindestens teilweise durch den Verkauf von Drogen finanziert[14]. Erschwerend hinzukommt, dass im Transitland Libanon nicht nur gewöhnliche Drogenschmuggler mitmischen. Ende Oktober wurde ein saudischer Prinz mit zwei Tonnen Captagon in seinem Privatjet festgenommen. Der Name des Prinzen blieb zwar unter Verschluss[15]. Der Vorfall zeigt jedoch eindrucksvoll auf, wie hoch die Droge schon im Kurs steht.

 

[1] Kalin, Stephen (13.01.2014): Insight – War turns Syria into major amphetamines producer, consumer. Online aufrufbar unter http://uk.reuters.com/article/uk-syria-crisis-drugs-idUKBREA0B04K20140113 [07.12.2015].

[2] Schofield, Matthew (18.11.2015): Police raid in search of Paris attackers triggers intense firefight. Online aufrufbar unter http://www.mcclatchydc.com/news/nation-world/world/article45316056.html [07.12.2015].

[3] Drahl, Carmen (21.11.2015): What You Need To Know About Captagon, The Drug Of Choice In War-Torn Syria. Online aufrufbar unter http://www.forbes.com/sites/carmendrahl/2015/11/21/what-you-need-to-know-about-captagon-the-drug-of-choice-in-war-torn-syria/ [07.12.2015].

[4] Autor unbekannt (20.11.2015): 5 things to know about Captagon, amphetamine linked to ISIS. Online aufrufbar unter http://www.wsbtv.com/news/news/world/5-things-know-about-captagon-amphetamine-linked-is/npSDn/ [07.12.2015].

[5] Drahl: What You Need To Know.

[6] Kalin: Insight.

[7] Baker, Aryn (28.10.2013): Syria’s Breaking Bad: Are Amphetamines Funding the War?. Online aufrufbar unter http://world.time.com/2013/10/28/syrias-breaking-bad-are-amphetamines-funding-the-war/ [07.12.2015].

[8] Ebd.

[9] Kalin: Insight.

[10] Ebd.

[11] McConnel, Dugald und Brian Todd (21.11.2015): Syria fighters may be fueled by amphetamines. Online aufrufbar unter http://edition.cnn.com/2015/11/20/world/syria-fighters-amphetamine/ [07.12.2015].

[12] van San, Marion: Lost Souls Searching for Answers? – Belgian and Dutch Converts Joining the Islamic State in Perspectives on Terrorism Vol.9, No.5 (2015). Online aufrufbar unter http://www.terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/460/html [07.12.2015].

[13] Bershidsky, Leonid (24.11.2015): Sex and Drugs on the Road to Jihad. Online aufrufbar unter http://www.bloombergview.com/articles/2015-11-24/sex-and-drugs-in-islamic-state-recruits-road-to-jihad [07.12.2015].

[14] Kalin: Insight.

[15] Autor unbekannt (02.11.2015): Lebanon charges Saudi prince with drug smuggling. Online aufrufbar unter http://www.bbc.com/news/world-middle-east-34700489 [07.12.2015].

The Split between Sunnis and Shiites

When Prophet Muhammad died in 632 the Muslims had a dispute: who should be his successor in leading the Umma? According to one Hadith – which is only acknowledged by the Shiites – Muhammad said on his last pilgrimage shortly before he died “He whose leader I am, Ali is his leader”[1].

Disputes for the leadership of the Umma

Directly after Muhammad’s death people didn’t know where they should burry him and who should lead the funeral procession. The one who’d lead it would also be Muhammad’s successor. Thus the Prophet’s corpse was lying in his mud hat for hours. One of his fathers-in-law, Abu Bark, then said that he heard Muhammad say that Prophets should be buried where they die. Nobody wanted to argue with him in this situation. Thus Muhammad was buried in his hat[2].

Many Arab tribes, Jews and Christians, who pledged allegiance to Muhammad before his death, became renegades. Not just few tribal leaders claimed to be the successor. During the tempered discussions Abu Bakr was able to remain calm. He said that Muhammad once said that only people from the Banu Quraysh (the tribal federation to which Muhammad also belonged to) could lead the Umma. A leader of the tribe of the Aus from Medina then said that Abu Bakr should become Caliph and thus Muhammad’s successor. The people in the streets of Mecca started to demand Abu Bakr, too. The idea became consensus and Abu Bakr became the successor[3].

His first official acts were pacifying all Muslims and to send troops to renegade tribes so that they could be reintegrated into the Umma. Further did the Muslims beat the Byzantines in what is today Palestine. In the same year Abu Bakr died and another father-in-law, Umar, of the Prophet became Caliph. He ruled until 644 and the Islamic Empire kept on expanding rapidly from Egypt to Persia. After his death Uthman was designated as the next Caliph and ruled until 656 when got killed, just like Umar before him[4].

Development of the “Shiat Ali”

The resistance of many of followers of Ali, the Prophet’s son-in-law, became stronger under Uthman. Ali was married to Fatima, a daughter of Muhammad. It was the lineage of Muhammad’s descendants, which the Shiites call and worship as ‘Imams’. Uthman meanwhile tried to establish a dynastic rule. Yet the followers of Ali claimed that he was the legitimate successor of Muhammad and was ignored in this regard. Both sides started fighting each other[5].

His striving for a dynasty that should lead the Umma, combined with self-enrichment, ultimately lead the killing of Uthman by Egyptian delegates. The majority of the Muslims now demanded Ali to become Caliph. Influential military and tribal leaders were against Ali. It was the beginning of a bloody civil war. Syria’s governor Muawiya bin Abi Sufyan, a descendant of Uthman, was too strong for Ali. He couldn’t win over Muawiya in the battle of Siffin in 657. Both reached a deal then. Some of Ali’s followers were angry with this deal and finally killed Ali in 661. Those who were still loyal to Ali were called “Shiat Ali” (party of Ali) and constituted the Shiites today[6].

Formation of the Shia

In 680 the Shiites of Kerbela (in modern Iraq) invited al-Hussayn, one of Ali’s sons, to Kerbela so that he could become Caliph with their support. On 10 October 680 (10 Muharram 61 in the Islamic calendar) al-Hussayn was killed on his way to Kerbela by Muawiya’s troops. They killed all male companions except al-Hussayn’s sick son. Yet al-Hussayn went to Kerbela although he knew he might not survive this trip. This made him the first martyr for the Shiites. Even today the concept of martyrdom is highly important for all Shiites[7].

Al-Hussayn’s followers in Kerbela struggled since they felt they left their leader die. Having considered a collective suicide one of their members said that this is not possible since the Quran prohibits suicide as well as killing other Muslims. Yet another way was found: several gatherings took place in the house of the group’s leader Sulaiman ibn Surad. In there collective repentance helped them, which let to many rituals that are still distinctive for the Shiites today[8].

Each year on the 10th of the Islamic month Muharram, the day of al-Hussayn’s death, Shiites commemorate the Ashura-ritual. On this day the Shiites slash themselves in order to show that – if they would have the chance – they would have fought for al-Hussayn. According to the researcher Heinz Halm the Shia could only prevail through history by ritualizing the repentance. What happened with al-Hussayn is not an original sin, but is still a big flaw for the Shiites[9].

Out of political separation, theological distinctions developed

The separation at this time was solely political. Through their introduction of rituals the Shiites also started to distinguish themselves from their Sunni counterparts. Today Shiites consider the sayings of Muhammad (Hadith), Fatima’s, of all Imams and the Quran as the source of law (as for the Sunnis they only acknowledge Hadith and the Quran). Since they see all Imams as martyrs, the Shiites also consider them as intermediates between humans and God[10]. This is still a reason for many disputes between Sunnis and Shiites. Some Shiites even equalize God with Ali: today’s Alawites to whom Syria’s President Bashar al-Assad also belongs to. In the Shia are also different groups that all acknowledge another Imam as the last one: 5-Shia, 7-Shia and 12-Shia.

In Iran the 12-Shia is prevalent. On 25 December 873 or 01 January 874 the 11th Imam Hasan al-Askari died. The 12-Shiites believe that he had a son named Muhammad. Since al-Askari was afraid that his enemies might kill his son, he tried to protect him by hiding him. After al-Askari’s death Muhammad is said to having seek refuge in a cave and is still living today, but is ‘lost in reverie’[11]. According to the 12-Shiites the proof for this claim is that the world still exists. If the last Imam would already be dead the world would cease to exist[12].

The Islamic Republic of Iran represents – according to its constitution – the empire of the 12th Imam and ceases to exist as soon as he returns and with a sword in his hand leads his followers to victory[13].

[1] Faath, Sigfried (Hrsg.) (Januar 2010): Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost (Berlin: Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.), S.28

[2] Konzelmann, Gerhard (1980): Mohammed – Allahs Prophet und Feldherr (Köln: Lingen Verlag), S.293-294

[3] Ibid., S.294-297

[4] Pieper, Dietmar und Rainer Traub (Hrsg.) (2011): Der Islam (München: Deutsche Verlags-Anstalt), S.50

[5] Konzelmann (1980), S.306-307

[6] Pieper und Traub (2011), S.60-61

[7] Faath (Januar 2010), S.30

[8] Halm, Heinz (1994): Der schiitische Islam (München: C.H. Beck Verlag), S.29-31

[9] Ibid.

[10] Ibid., S.43-44

[11] Faath (Januar 2010), S.33

[12] Halm (1994), S.45

[13] https://middleeastbackground.com/2014/08/29/theologische-legitimation-der-islamischen-republik-iran/

Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten

Als der Prophet Muhammad 632 starb, hinterließ er ein Reich, welches fast die komplette arabische Halbinsel bedeckte. Die Geschichte lehrt uns immer wieder, dass sich nach dem Tod eines Führers die Nachfolger gerne bekriegen. Auch die Muslime war sich uneins und die Frage stand im Raum: wer sollte die muslimische Gemeinschaft (Umma) führen? Laut einem Hadith, welches allerdings nur von Schiiten anerkannt wird, soll Muhammad auf seiner letzten Wallfahrt nach Mekka kurz vor seinem Tob gesagt haben: „Wessen Herr ich bin, dessen Herr ist Ali“[1].

Streitigkeiten um die Führung der Umma

Direkt mit dem Tod Muhammads bestand Unklarheit darüber, wo man ihn begraben soll und wer sich an die Spitze des Trauerzugs stellen solle. Derjenige wäre auch gleichzeitig der Nachfolger gewesen. So lag Muhammads Leichnam stundenlang in seiner Lehmhütte. Einer seiner Schwiegerväter, Abu Bakr, sagte daraufhin, dass der Prophet einmal gesagt habe, Propheten sollen dort begraben werden, wo sie gestorben waren. Keiner wollte etwas dagegen sagen und so begrub man Muhammad in seiner Lehmhütte[2].

Viele arabische Stämme, Juden und Christen, die zuvor allesamt Muhammad die Treue geschworen hatten, wurden nun abtrünnig. Nicht wenige Stammesherren beanspruchten die Führung der Umma nun für sich. Während der hitzigen Debatten konnte Abu Bakr, einer der ersten Muslime, jedoch weiterhin einen kühlen Kopf bewahren. Er sagte, Muhammad habe gesagt, dass nur Männer aus dem Stamm der Banu Koraisch (die Stammesföderation, aus der auch Muhammad stammte) die Umma führen dürfen. Ein Führer des Stammes der Aus aus Medina sagte dann, Abu Bakr solle Kalif und damit Nachfolger des Propheten werden. Auch auf den Straßen Mekkas wurden solche Rufe laut. Die Idee wurde schnell zum Konsens und Abu Bakr wurde zum Nachfolger designiert[3].

Seine ersten Amtshandlungen waren die Befriedigung aller Muslime und das Aussenden von Heeren, um abtrünnigen Stämmen wieder Herr zu werden. Außerdem schlagen die Muslime in Palästina 634 die Byzantiner. Im selben Jahr wird ein weiterer Schwiegervater des Propheten, Umar, nach dem Tob Abu Bakrs zweiter Kalif. Er regierte bis 644 und das islamische Reich dehnte sich rasant von Ägypten bis Persien aus. Nach seinem Tod wird Uthman Kalif, er regiert bis 656 und wird – ebenso wie schon Umar vor ihm – ermordet[4].

Herausbildung der „Schiat Ali“

Vor allem gegen Uthman gab es massiven Widerstand unter den Anhängern Alis, Muhammads Schwiegersohn. Ali war mit Fatima liiert, einer Tochter Muhammads. Aus beiden gingen die einzigen Nachfahren des Propheten hervor, die von den Schiiten heute als Imame verehrt werden. Da sie der Meinung waren – und heute immer noch sind-, dass Ali bei der Nachfolge Muhammads übergangen wurde und eigentlich sein legitimer Nachfolger gewesen sei, kämpften sie gegen Uthman, der eine dynastische Herrschaft etablieren wollte[5].

Das Streben nach einer eigenen Dynastie, die die Umma führen sollte, kombiniert mit der Selbstbereicherung, führte 656 schließlich zur Ermordung Uthmans durch ägyptische Gesandte. Die Mehrheit sprach sich nun für Ali als Nachfolger aus. Einflussreiche Heeres- und Stammesführer waren jedoch vehement dagegen. Es begann ein blutiger Bürgerkrieg. Der Statthalter Syriens, Muawija bin Abi Sufjan, ein Nachkomme Uthmans, war zu stark für Ali. In der Schlacht von Siffin 657 konnte Ali Muawija nicht besiegen. Er ließ sich deshalb auf einen Deal mit Muawija ein. Einige seiner Anhänger waren daraufhin so wütend, dass sie Ali 661 schließlich ermordeten. Diejenigen, die dennoch weiterhin loyal zu Ali und seinen Nachkommen standen, wurden als Schiat Ali (Partei Alis) bekannt – die heutigen Schiiten[6].

Entstehung der Shia

Im Jahr 680 dann wurde al-Hussein, ein Sohn Alis, von seinen Anhängern in Kerbela eingeladen, um mit ihrer Hilfe an die Macht zu kommen. Am 10.10.680 (10. Muharram 61 nach islamischer Geschichtsschreibung) wurde al-Hussein dann von Truppen Muawijas auf dem Weg umgebracht. Sie töteten jeden männlichen Begleiter al-Husseins, außer seinen kranken Sohn, und verschonten Frauen und Kinder. Er machte sich nach Kerbela auf, obwohl er wusste, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod finden würde. Damit war al-Hussein der erste Märtyrer. Ein Wort, das noch bei den heutigen Schiiten eine sehr wichtige Rolle spielt[7].

Seine Anhänger in Kerbela wurden von einer Gewissenskrise befallen, weil sie al-Hussein im Stich gelassen haben. Sie erwägten sogar einen kollektiven Selbstmord. Da der Koran den Selbstmord sowie das Töten von anderen Muslimen jedoch verbietet, wurde die Idee wieder verworfen. Im Haus des Anführers der Gruppe, Sulaiman ibn Surad, wollten sie nun durch Buße ihr Gewissen erleichtern. Dadurch entstanden viele Rituale, die die Schiiten heute ausmachen[8].

Am 10. Muharram, dem Todestag al-Husseins, begehen Schiiten jährlich das bekannte Ashura-Ritual. Dabei geißeln sich Schiiten selbst und geben zum Ausdruck, dass sie – wenn sie die Gelegenheit hätten – für al-Hussein eingestanden und falls nötig mit ihm gestorben wären. Laut dem bekannten Schia-Forscher Heinz Halm konnten die Schiiten nur durch diese Ritualisierung der Buße bis heute fortbestehen. Jedes Jahr wird kollektiv an ihre Geschichte erinnert. Die Begebenheit stellt zwar keine Erbsünde, jedoch einen großen Makel dar[9].

Zuerst politische, später theologische Trennung

Die Trennung war zu diesem Zeitpunkt rein politisch. Erst durch die Einführung von Ritualen unterschieden die Schiiten langsam auch theologisch von den Sunniten. Heute gelten die Aussprüche von Muhammads (Hadith), Fatimas, aller Imame und der Koran als die Quelle schiitischen Rechts (bei den Sunniten sind es lediglich der Koran und die Aussprüche des Propheten). Weil alle Imame als Märtyrer gelten, lässt sie das laut den Schiiten zu Vermittlern zwischen Gott und Menschen werden[10]. Heute ist das noch ein großer Streitpunkt zwischen Sunniten und Schiiten. Einige setzten Ali sogar mit Gott gleich: die heutigen Alawiten, denen auch Bashar al-Assad angehört. Unter den Schiiten splitterten sich auch verschiedene Gruppen ab, die teilweise den 5., den 7. oder den 12. Imam als den letzten sehen.

Im Iran sind heute die 12er-Schiiten dominant. Am 25.12.873 oder 01.01.874 starb der 11. Imam Hasan al-Askari. Die 12er-Schiiten glauben jedoch, dass er einen Sohn namens Muhammad hatte, den er vor seinen Feinden schützen wollte und deswegen immerzu versteckt hielt. Nach dem Tod al-Askaris soll sich der Sohn Muhammad in einer Höhle versteckt haben und lebt heute immer noch weiter, ist der Welt jedoch ‚entrückt‘[11]. Laut den 12er-Schiiten ist der Beweis dafür der Fortbestand der Welt. Wäre der letzte Imam schon tot, würde die Welt aufhören zu existieren[12].

Die islamische Republik Iran repräsentiert heute laut ihrer Verfassung das Reich des 12. Imams und ist abgeschafft, sobald er zurückkehrt und seine Anhänger mit dem Schwert in der Hand zum Sieg führt[13].

[1] Faath, Sigfried (Hrsg.) (Januar 2010): Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost (Berlin: Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.), S.28

[2] Konzelmann, Gerhard (1980): Mohammed – Allahs Prophet und Feldherr (Köln: Lingen Verlag), S.293-294

[3] Ibid., S.294-297

[4] Pieper, Dietmar und Rainer Traub (Hrsg.) (2011): Der Islam (München: Deutsche Verlags-Anstalt), S.50

[5] Konzelmann (1980), S.306-307

[6] Pieper und Traub (2011), S.60-61

[7] Faath (Januar 2010), S.30

[8] Halm, Heinz (1994): Der schiitische Islam (München: C.H. Beck Verlag), S.29-31

[9] Ibid.

[10] Ibid., S.43-44

[11] Faath (Januar 2010), S.33

[12] Halm (1994), S.45

[13] https://middleeastbackground.com/2014/08/29/theologische-legitimation-der-islamischen-republik-iran/